Münchner Philharmoniker Ein seriöser Vorarbeiter, kein Tyrann

Die Euphorie über seinen Schostakowitsch-Zyklus kam verzögert, aber zuletzt stürmte ein Massenpublikum in den großen Konzertsaal im Gasteig, um die Intensität zu erleben, mit der er mit den Münchner Philharmonikern das Letzte aus der Partitur und dem Geist Schostakowitschs herausholte. Sogar die Diskussion um einen Umbau oder Neubau desselben verstummte. Schon dafür werden die Münchner Stadträte und Landespolitiker den neuen Chefdirigenten lieben. Gergiev ist einer, der mit allen umgehen kann und der keine Scheu zeigt, sich mit allen möglichen Dingen persönlich zu befassen.

Er ist ein Macher, wie man früher sagte, ständig begleitet von Vorwürfen aus den Medien, er mache zu viel und deshalb nicht alles gut. Das ist nicht falsch und richtig schon gleich gar nicht. Gergiev hat immer zu viel getan, vor allem für andere, und hat dabei Unglaubliches geleistet. Künstlerisch, menschlich, organisatorisch. Im Jahr 1991 war er nach München eingeladen worden, um an der Bayerischen Staatsoper eine Aufführung von Modest Mussorgskys opulenter Oper "Boris Godunow" zu dirigieren. Aber bevor es an die ersten Orchesterproben ging, hing der Dirigent erst einmal stundenlang am Telefon. Nicht um seine Familie zu sprechen, die ihn kaum noch sah, sondern um Ersatz für zwei erkrankte Sänger aufzutreiben. Er agierte so, wie er es von zu Hause aus ganz selbstverständlich gewohnt war: Möglichst viel selber in die Hand nehmen, Vorbild sein, andere mitreißen und nicht vor sich hertreiben.

Gergiev ist kein Tyrann, sondern ein seriöser Vorarbeiter, der sich nicht schont und deshalb ohne großen Nachdruck auch von den Musikern mehr zurückbekommt, als diese gemeinhin zu geben bereit sind. Das ist keine wirklich neue Taktik im Umgang mit Menschen, die Höchstleistung bringen sollen, aber sie ist noch immer entwaffnend wirkungsvoll. Das spürten auch Außenstehende, und man begann, den jungen Dirigenten zu umwerben und auszuzeichnen. Im Jahr 1994 wurde er in London zum Dirigenten des Jahres gekürt, vor den ebenfalls Nominierten Claudio Abbado und Simon Rattle. Ein Jahr später trat er im Passionstheater Oberammergau mit einer Salome-Produktion seines Mariinski-Theaters auf, und tags darauf dirigierte er ein Konzert in der Philharmonie. Schon nach den ersten Ehrenbezeugungen sagte Gergiev: "Ich habe viele Preise und Titel erhalten, ich brauche keine mehr."

Zwei Titel sind es vor allem: Sieger des sowjetischen Allunionswettbewerbes und Sieger des Herbert-von-Karajan-Wettbewerbes in Berlin. Der Beste in Ost und West. Alles weitere war für ihn bestenfalls Talmi ehrenhalber. Berlin war ihm wichtig, aber nicht alles. Karajan empfand er als einen eher kühlen Strategen, dessen Orchesterbeherrschung er bewunderte, Bernstein dagegen erlebte er als einen musikalisch und menschlich spontanen Gefühlsmenschen, der in einer Ballettaufführung am Mariinski, damals noch Kirov-Theater, so laut mitsang, dass sich die Leute nach ihm umdrehten. Bernstein, so erzählte Gergiev später, hatte andere Tempovorstellungen, deshalb sang er seine eigene Version mit.

Was den jungen Gergiev aber am meisten verwunderte, ja "schockierte": "dass ein Mann, der Mahler liebt, die Schwanensee-Partitur vollständig auswendig kannte". Eingeladen hatte ihn dann aber Karajan zu einem Studium in Berlin. Kaum verwunderlich: Die sowjetischen Kulturbehörden lehnten das Ansinnen ab, sich in Berlin weiter ausbilden zu lassen. "War vielleicht gar nicht so falsch", sagt Gergiev heute. Immerhin boten sie ihm eine verlockende Alternative: Er sollte Assistent am Kirow-Theater werden. Dies war der Beginn seiner auf schier unerschöpflichem Fleiß und übergroßem Talent gegründeten weltweiten Karriere.

Bei Fototerminen zieht er seine Augenbrauen noch immer eng zusammen, aber vielleicht verbirgt sich hinter dieser zumindest scheinbar grimmigen Mimik auch ein natürliches Misstrauen, das sich besonders gut entfaltete, nachdem der Vater früh starb und sich der junge Gergiev zumindest beruflich allein durchschlagen musste. Und dies in einem in sich zusammenbrechenden Weltreich, in dem sich Ignoranz und Verbrechen zu den stärksten Mächten im Staate verbündeten. Gergiev hätte damals das Land verlassen, das Mariinski und sein Ensemble hinter sich lassen können.

An Spitzenangeboten aus dem Westen hatte es wahrlich nicht gemangelt. Aber er blieb, führte sein Orchester an die Weltspitze heran, förderte die neue Sängergeneration, darunter Anna Netrebko. Die Wahl Gergievs zum neuen Chefdirigenten der Münchner Philharmoniker ist ein Glück, für das Orchester, für sein Publikum, für die ganze Stadt.