Münchner können Strom nicht zahlen Leben im Dunkeln

Hunderte Münchner sitzen im Dunkeln, weil sie die Stromrechnung nicht bezahlen können. Die Stadt startet nun ein Pilotprojekt - damit nicht mehr so vielen Menschen der Strom abgedreht wird.

Von Sven Loerzer

Auch wenn aus den meisten Wohnungen die Christbäume wieder verschwunden sein dürften, brennen in manchen Wohnungen immer noch Kerzen - weil es dort sonst dunkel bleiben würde. Wie viele Haushalte in München von Stromsperren betroffen sind, weil sie ihre Energierechnung nicht bezahlt haben, veröffentlichen die Stadtwerke zwar nicht. Aber im Jahr 2011 musste sich das Sozialreferat bereits um mehr als 300 Haushalte als Härtefälle kümmern, um zu verhindern, dass bei Familien mit kleinen Kindern, chronisch Kranken, behinderten und alten Menschen längere Zeit der Strom abgedreht wird.

Die Stadt will deshalb das Pilotprojekt zur sozialpädagogisch begleiteten Energieberatung von Haushalten mit Energieschulden nun dauerhaft in die Regelförderung übernehmen.

Schätzungen zufolge dürften jedes Jahr zwischen 3000 und 4000 Haushalte in München von Stromsperren betroffen sein. Die steigenden Energiepreise lassen erwarten, dass noch mehr Menschen, die von Hartz IV, Sozialhilfe und Niedriglöhnen leben müssen, in Bedrängnis geraten. Mit der "Energiearmut" hat sich erstmals auch der vor zwei Monaten veröffentlichte Münchner Armutsbericht beschäftigt.

Wenn Menschen die Kosten für ihren Energieverbrauch nicht mehr bezahlen können und es deshalb zur Energiesperre kommt, sei "eine menschenwürdige Existenz nicht mehr gegeben", sagt Sozialreferentin Brigitte Meier (SPD). Die Ursachen seien vielfältig, oft sei der bautechnische Zustand der Wohnungen unzureichend. Energiefressende, alte Haushaltsgeräte spielen eine Rolle, aber auch unsachgemäßer Umgang etwa mit elektrischen Nachtspeicherheizungen, die weit verbreitet sind. Nicht jeder schafft es, das geringe Einkommen so einzuteilen, dass genügend Geld für die Jahresabrechnung da ist. Denn gerade im Sozialhilfe- und Hartz-IV-Regelsatz ist der Anteil für Stromkosten knapp bemessen.

Dabei sei der Strompreis für Privathaushalte in den letzten Jahren erheblich gestiegen, betont Brigitte Meier. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes hat der Strompreis von 2005 bis 2012 um knapp 40 Prozent zugelegt. Die Verbraucherpreise für Gas, Heizöl und andere Haushaltsenergien (Strom ausgenommen) sind nach Angaben des Bundesverbandes deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen von 2000 bis 2011 bundesweit um 109 Prozent gestiegen. "Das wirkt sich bei Haushalten mit geringem Einkommen besonders einschneidend auf das Haushaltsbudget aus", sagt die Sozialreferentin.

Häufig würden dann die Haushalte von den hohen Nachforderungen der Energieversorger bei der Jahresendabrechnung überrascht. Während Heizkosten bei Hartz-IV- und Sozialhilfe-Beziehern erstattet würden, sofern sie die angemessene Höhe nicht überschreiten, müssen die Stromkosten vom Regelsatz bestritten werden. Die Schere zwischen dem vorgesehenen Betrag und den tatsächlichen Kosten aber habe sich immer weiter geöffnet. So hat der Paritätische Wohlfahrtsverband im letzten Jahr errechnet, dass je nach Haushaltsgröße der Fehlbetrag zwischen 60 und 160 Euro jährlich liege. Entsprechend weniger hätten die Betroffenen dann für Kleidung und Lebensmittel zur Verfügung. Damit sei aber das Existenzminimum bedroht.

Mit der sozialpädagogisch begleiteten Energieberatung durch Mitarbeiter des Instituts für sozialpädagogische Arbeit will das Sozialreferat erreichen, dass Haushalte dauerhaft ihren Energieverbrauch senken können. Dazu gehört eine Bestandsaufnahme beim Verbrauch, die Erfassung der Rahmenbedingungen wie Heizung und energetischer Zustand, aber auch Beratung und Anleitung zu Verhaltensänderungen. Bei zwei Drittel der beratenen Haushalte konnte der Energieverbrauch gesenkt werden.

In keinem der Haushalte sind erneut Energieschulden entstanden. Bislang sind jährlich rund 100 Haushalte betreut worden, künftig sollen es 120 sein. Über den Zuschuss von 60.000 Euro muss der Stadtrat entscheiden. Zusätzlich gibt es die Energieberatung der Stadtwerke in Zusammenarbeit mit den Wohlfahrtsverbänden, die bisher 10.000 Haushalte mit geringem Einkommen erreicht hat.