Münchner Integrationsbericht Ausländer sind viel öfter arm als Deutsche

Die Schule verlassen junge Türken häufiger ohne Abschluss als Deutsche.

(Foto: dpa)

Wo Jobs in Deutschland schlecht bezahlt sind, arbeiten oft Ausländer. Deshalb sind viele auf staatliche Hilfe angewiesen. Jetzt zeigt der Münchner Integrationsbericht: Das Problem beginnt schon früh, Migranten-Kinder müssen gegen "konsequente Benachteiligung" kämpfen.

Von Sven Loerzer

Sie sind das Rückgrat des Reinigungsgewerbes: Etwa 60 Prozent der Beschäftigten dort sind Ausländer, das hat der Münchner Integrationsbericht ergeben. Sie putzen, arbeiten in der Gastronomie, bei Paketdiensten und überall dort, wo Jobs eher schlecht bezahlt sind und Firmen auf Aushilfskräfte auf der Basis geringfügiger Beschäftigung setzen.

Für Ausländer, vor allem jene, die nicht aus der EU kommen, bleiben oft nur Tätigkeiten mit geringen formalen Anforderungen übrig. Weil das Einkommen dann meist nicht reicht, um davon leben zu können, geschweige denn eine Familie zu ernähren, sind viele auf staatliche Hilfe angewiesen, beziehen also ergänzend Hartz IV.

"Ausländer haben ein massiv erhöhtes Armutsrisiko", sagt Anne Hübner vom Münchner Amt für soziale Sicherung. Um überhaupt arbeiten zu können, "müssen sie sich in unsicheren und schlecht bezahlten Beschäftigungsverhältnissen verdingen", so beschreibt die Mitautorin des Münchner Armutsberichts die Situation. "Das Geld reicht dann häufig nicht, um die hohen Mieten in München zahlen zu können. Eine dauerhafte gute Perspektive auf dem Münchner Arbeitsmarkt haben diese Menschen nicht." Ausländer seien deshalb auch mehr als doppelt so häufig arbeitslos gemeldet wie Deutsche.

"Konsequente Benachteiligung"

Gerade bei den ausländischen Langzeitarbeitslosen zeige sich, "dass nahezu 80 Prozent dieser Menschen entweder über keinen oder über keinen in Deutschland anerkannten Berufsabschluss verfügen", erklärt Hübner. Fehlende Sprachkenntnisse erschweren die Qualifizierung. Der enge Zusammenhang zwischen der schulischen, beruflichen und akademischen Ausbildung und dem späteren Erwerbseinkommen sowie dem Armutsrisiko lasse sich mit einem Blick in die Münchner Statistik sehr deutlich belegen.

"Kinder ausländischer Eltern kommen im bayerischen Bildungs- und Schulsystem systematisch schlechter weg als deutsche Kinder", betont Hübner. So besuchten sie seltener und kürzer Kindertageseinrichtungen, was sich negativ auf den Spracherwerb auswirke. Aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse würden viele von ihnen, 18 Prozent, dann erst spät eingeschult.

Das Bildungssystem verstärke im weiteren Verlauf eher die Nachteile, als sie auszugleichen. So treten von der Grundschule auf das Gymnasium zwar 60 Prozent der deutschen, aber nur 28 Prozent der ausländischen Kinder über. In der Hauptschule verbleiben nur 20 Prozent der deutschen, jedoch die Hälfte aller ausländischen Kinder. Dreimal so häufig wie deutsche verlassen ausländische Schüler die Hauptschule ohne Abschluss. Dagegen haben in München lebende Deutsche doppelt so häufig Abitur wie Ausländer. Zudem machen Migranten sehr häufig die Erfahrung, dass die in ihrer früheren Heimat erworbene Qualifikation in Deutschland überhaupt nichts zählt.

Die Folgen der "konsequenten Benachteiligung" von Migranten-Kindern: "Münchner mit ausländischem Pass beziehen nahezu dreimal so häufig Sozialleistungen wie die mit deutschem Pass", sagt Hübner. Besonders drastisch wirkt sich das alles im Alter aus: Dann führen die nicht ausreichend erworbenen Rentenansprüche geradewegs in die Armut.

Durchlässigeres Bildungssystem

So sind 15 Prozent der Ausländer gegenüber 3,5 Prozent der Deutschen auf Grundsicherung im Alter angewiesen. Bei den Türken seien es etwa acht Prozent, wobei Unwissen als auch die Angst vor Auswirkungen auf das Aufenthaltsrecht viele daran hindern, Sozialhilfe zu beantragen, wie Hübner erläutert.

Sie fordert daher, das Bildungssystem durchlässiger zu organisieren. Der Schulerfolg dürfe nicht davon abhängen, ob Eltern in der Lage sind, ihre Kinder zu unterstützen. Bedarfsgerechte schulische Ganztagsangebote könnten dazu beitragen, "dass die kulturelle und soziale Herkunft eines Kindes nicht negativ über dessen Zukunftschancen entscheidet". Und damit, betont Hübner, sei allen Kindern armer Eltern am allerbesten geholfen.