Das ist hart, dürfte aber der geläufigen Meinung entsprechen: Die Münchner Freiheit ist ein U-Bahnhof. Ein Verkehrsknotenpunkt. Nicht mehr. Die wenigsten wissen, dass der Name von der Widerstandsgruppe "Freiheitsaktion Bayern" stammt, die im April 1945 zum bewaffneten Aufstand gegen die verbliebenen NS-Einheiten aufrief; davor hieß das Karree immer Feilitzschplatz, nur zwischenzeitlich völkisch umgetauft in Danziger Freiheit.

Anzeige

Doch es gibt ein paar Leute, für die das teils begrünte Gelände an der Leopoldstraße noch etwas atmet vom alten Geist der Künstler und Libertinäre. Um ihn zu ahnen, braucht man nur ein paar Tische weiter zu rücken im Café Münchner Freiheit, denn hier, unter den einladenden Sonnenschirmen, tut das kränkelnde Herz Schwabings manchmal noch ein, zwei Schläge. Hier sitzt Helmut Fischer, der legendäre Monaco Franze, als Bronzestatue in seinem ewigen Mantel, die Hände nach Stenzmanier in den Taschen, weil das lässig und etwas hilflos aussieht, was bei den Damen nie schaden kann.

Hinter seinem Rücken kreischen die Kinder auf dem Spielplatz vor Vergnügen, an den Tischen sehen manche aus wie Kollegen aus einem Drehbuch von Helmut Dietl. Der grotesk gebräunte Endsiebziger mit gezupften Augenbrauen und geöffnetem Hemd. Oder die bunte Truppe um Heinz Rainer Lueger (Grundausrüstung: Ray Ban, Gauloises), die sich selbst als Altschwabinger Überbleibsel bezeichnet: Marta und Andrea, in die Jahre gekommene Hippiemädchen mit Winterquartier in Indien, die Extremradler Josef und Thilo sowie "Blinky-Thomas", der sein Geld mit Leuchtansteckern auf der Wiesn verdient.

Das Café Münchner Freiheit ist ihr Wohnzimmer, hier sitzen sie, rauchen, reden und machen es den Jungen schwer, rebellisch zu sein. "Meine Mama", sagt Andreas Tochter Sharon, "ist ziemlich ausgeflippt".

Wenn also das Café das Herz der Münchner Freiheit ist, wo ist dann ihre Mitte? Zurück am Busbahnhof, wo inzwischen die Rushhour vorüber ist, also auch die Zeit der bemerkenswert häufigen Beinah-Unfälle zwischen Radlern und Passagieren. Die Abendsonne scheint schräg durch die Beine des Hochdachs. Vorglühen für den späten Abend, wenn die künstlich illuminierte Haube als absinthgrünes Leuchten weithin sichtbar ist. Thomas Traub ist in den Anblick versunken.

Der Architekt schnalzt mit der Zunge. "Großartig!" Er führe jeden Besuch hierher, zu Münchens bestem neuen Bauwerk. Und dann ist da noch Annette Kubo. Sie flaniert in hohen Schuhen mit kleinen Schritten über den gepflasterten Platz, ihr mohnfarben bedruckter Umhang flattert im Wind. Ein schönes Bild. Früher, als es hier duster und heruntergekommen war, wäre sie gar nicht aufgefallen. Ja, es gefalle ihr, sagt sie. "Es fühlt sich lebendig an, irgendwie peppig. So nach ...", sie überlegt. "Nach Münchner Freiheit."

Vielleicht wäre das die Chance der Kuppel, über deren Gestalt ja ruhig weiter gestritten werden kann: dass sie den Platz unverwechselbar macht. Ein Gefühl dafür weckt, dass das überhaupt ein Platz ist, nicht bloß eine Bahnstation. Übrigens von allen Plätzen Münchens der mit dem schönsten Namen.

Sie sind jetzt auf Seite 2 von 2

  1. Der gute Geist von Schwabing
  2. Sie lesen jetzt Nach Stenzmanier
Leser empfehlen 

(SZ vom 24.07.2010)