Münchner Bahnhofsviertel Die räudige Tochter der Stadt

Das Bahnhofsviertel ist so etwas wie die räudige Tochter der Stadt - halbseiden, ungezähmt, multikulturell, ja, auch das: Nirgendwo sonst in der Stadt gibt es so viele ausländische Gemüsehändler und Lebensmittelläden, denen ihre 40 Quadratmeter schon zum Schild "Supermarkt" reichen und in denen verschleierte Frauen finden, was sie brauchen für den täglichen Bedarf.

Fritz Wickenhäuser erklärt den hohen Ausländeranteil pragmatisch mit der Nähe des Bahnhofs, die Leute seien angekommen und gleich hier geblieben. Aber das ist höchstens die halbe Wahrheit - wegen der Sexshops, wegen der Spielcasinos, wegen der Wettbüros umweht das Viertel nicht der beste Ruf, was wiederum zur - positiven - Folge hat, dass sich hier auch sozial Schwächere die Mieten leisten können.

Außen aufgehübscht

Zwar ist in den letzten Jahren einiges entstanden, was das Viertel zumindest nach außen hin schicker gemacht hat, zumeist Hotels - das Sofitel in der Bayerpost, das Le Meridien, das Rilano, das Cocoon. Dennoch dürfte das Bahnhofsviertel von der Gentrifizierung so weit entfernt sein wie die Parkstadt Solln vom Sozialwohnungsbau.

Der Verein südliches Bahnhofviertel hat einen Weihnachtsbaum in der Goethestrasse aufgestellt und Wunschzettel daran aufgehängt.

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Die Spielcasinos werden weniger werden, weil der Markt bald gesättigt sein dürfte, wie sogar Gerhard Strunz zugibt - die Menge der Leute, die bereit sind, ihr Geld aufs Spiel zu setzen, wird wohl nicht unbegrenzt wachsen. Sexshops und Tabledance-Bars haben schon jetzt einen schweren Stand, weil alle Arten und Abarten der Kopulation ohne weiteres zu Hause am Computer anzuschauen sind. Außerdem, findet Fritz Wickenhäuser, "gehört das alles zum Flair".

Dunkel ist's geworden, als der Spielhallenrundgang zu Ende ist und die Teilnehmer wieder auf die Straße treten. Die Neonröhren schalten sich ein, nun wird das Bahnhofs- wirklich zum Rotlichtviertel, außerdem zum Grün-, Gelb und Blaulichtviertel. Viel los ist immer noch auf den Gehsteigen, und der Gedanke scheint nicht abwegig, dass der Mensch hier nachts weniger Angst haben müsste als, zum Beispiel, auf einer einsamen Allee in Nymphenburg.

Die Gemüsehändler räumen ihre Kisten rein, die Spielcasinos schalten die Außenreklame an, der Handy-Händler arrangiert ein gebrauchtes Telefon im Schaufenster, über dessen Herkunft er wahrscheinlich lieber nicht so genau Bescheid wissen will. Und heute Nachmittag stellt Fritz Wickenhäuser einen Christbaum auf.