Münchens Alt-OB Hans-Jochen Vogel: Der Kardinal der SPD wird 90

"Es gilt das gesprochene Wort": Sechstausend Reden hat Hans-Jochen Vogel als Politiker gehalten, viele davon haben seine Partei geprägt. An den Schluss seines Parlamentarierlebens setzte er das Zitat eines anderen Sozialdemokraten.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Er hat seine Partei geprägt wie kaum ein anderer. Doch eine Entscheidung quält den ehemaligen Bundesjustizminister bis heute.

Von Heribert Prantl

Das erste Geburtstags-Ständchen für Hans-Jochen Vogel wurde eine Woche zu früh gesungen; es war ein ganzer Saal voller Menschen, der da sang. Aber wenn man neunzig wird, kommt es vielleicht auf eine Woche hin oder her auch nicht mehr an, selbst nicht bei einem, der bekannt dafür ist, dass er es sehr genau nimmt.

Der Verleger Manuel Herder, ein schlaksiger Herr, stand also auf der Bühne des Festsaals des Münchner Künstlerhauses am Lenbachplatz, er hatte soeben ein paar rühmende Worte gesagt über das neue Buch Vogels, das an dem Abend vorgestellt wurde; und nun teilte er das Buchpremierenpublikum, zum Zwecke eines vorweggenommenen Geburtstagskanons, flugs in drei Gruppen ein - "Viel Glück und viel Segen auf all deinen Wegen".

Die SPD, fordert Vogel, muss mehr von ihren Erfolgen reden

Der weißhaarige Jubilar in der ersten Reihe ließ "Gesundheit und Frohsinn" angerührt über sich ergehen, neigte den Kopf und dachte womöglich an seine Anfangsjahre als Münchner Oberbürgermeister - als er, es war 1961, das kriegszerstörte, nun wieder renovierte Künstlerhaus eröffnet hatte, in dem er jetzt, 55 Jahre später, sein Buch vorstellte.

Das Buch heißt "Es gilt das gesprochene Wort", es vereint eine kleine Auswahl aus den sechstausend Reden, die der Jubilar als Politiker gehalten und nun jeweils mit einer Einleitung aus heutiger Perspektive versehen hat.

Hans-Jochen Vogel im Prachtsaal des Künstlerhauses. Er sitzt in der ersten Reihe wie in einem Chorgestühl, ein alter Kardinal im Kreise seiner Mitbrüder, ein wenig in sich zusammengesunken. Aber dann ein Ruck, den Gehstock fest gepackt. Wenn Vogel sich aufrichtet, wenn er auf die Bühne steigt, dann ist er nicht einfach "rüstig", wie man das von einem alten Herrn so gefällig zu sagen pflegt, dann ist er stattlich, und seine Rede ist kraftvoll und hat etwas von einer brausenden Orgel: "Herrgott noch mal" - ruft er ins Publikum, als er gefragt wird, warum die SPD denn heute in der Wählergunst so bescheiden dastehe.

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Dieses "Herrgott noch mal" ist ein klagender, fast anklagender Ausruf über den "sonderbaren Widerspruch" zwischen den mickrigen SPD-Prozenten in den Umfragen und dem Faktum, dass die SPD "so viel von ihrem Wahlprogramm durchgesetzt" habe. Die SPD, sagt er, müsse mehr von ihren Erfolgen reden und mehr von ihrer Geschichte. Hans-Jochen Vogel tut es: Er redet vom 23. März 1933, als die Sozialdemokraten Hitlers Ermächtigungsgesetz ablehnten, er redet von der 150-jährigen Geschichte der SPD, er redet in wohldosierter Rage. Vogel sei wie ein Vulkan, haben seine Mitarbeiter einst in seinen Wahlkampfzeiten gesagt. Man hört warum; er ist nicht erloschen. Mit neunzig ist er ein wohltemperierter Vulkan.

Eine rot-rote Koalition? Unter gewissen Voraussetzungen kein Problem

Erinnerungsselig? Im kleinen Kreis kann Vogel das sein. Auf der Bühne denkt er mindestens so gern nach vorn wie zurück. Ob es nicht endlich Zeit sei für eine Koalition der SPD mit der Linken? Der Ehrenvorsitzende der SPD darauf: "Wer ist die Linke? Welche Linke?" Wenn sie so wäre wie Bodo Ramelow in Thüringen - dann hätte er kein Problem mit einer rot-roten-Koalition.

Aber solange die Linke "mit der Unterstützung eines von mir nicht genannten Herrn" agiert . . . den Namen Lafontaine mag er nicht in den Mund nehmen. In der Festschrift zu Vogels 70. Geburtstag hatte Oskar Lafontaine als damaliger SPD-Vorsitzender und Nach-Nachfolger von Vogel einen Beitrag geschrieben. Diese Festschrift trägt den Titel "Gestalten und Dienen". Vogel wirft seinem einstigen Nach-Nachfolger und jetzigen Politiker der Linken vor, dass er das Dienen verachte.

Gestalten und Dienen. Ein Buchmotto, ein Lebensmotto. Die meisten Politiker absolvieren in ihrem politischen Leben erst die Ochserei und die Pflicht, dann die Kür. Bei Vogel war es umgekehrt: Er begann mit der Kür, dann kam die Pflicht.