Wozu noch Kirche? SZ-Leser schreiben "Damit Gemeinschaft nicht verfällt"

In der SZ hatten Menschen aus Bayern Stellung bezogen, ob die Kirche nach den Missbrauchsfällen ihren Anspruch verspielt habe. Die Zuschriften nach dem Artikel zeigen, wie sehr das Thema die Leser bewegt.

Die Frage war provokant, und sie hat ihr Ziel erreicht: In der Weihnachtsausgabe der SZ hatten mehr als zwanzig Menschen aus ganz Bayern - gläubige Christen wie Atheisten - Stellung bezogen, ob die Kirche nach all den ans Licht gekommenen Missbrauchsfällen ihren Anspruch in der Gesellschaft verspielt habe. Die Süddeutsche Zeitung wollte damit eine Debatte über die Zukunft der Kirchen anstoßen. Die vielen Zuschriften, die uns erreicht haben, zeigen, wie sehr das Thema unsere Leserinnen und Leser bewegt. Was kann sich verändern, was muss passieren? Die Statements, die wir hier in Auszügen dokumentieren, künden vor allem von einem: dem Wunsch, dass sich Kirche von innen her reformiert.

Grelles Licht und dunkler Schatten. Die Aufnahme der Kapelle St. Alban im Allgäu kann symbolisch für den augenblicklichen Zustand der Institution Kirche stehen.

(Foto: dpa)

Kirche ist kein Ort zum Rechthaben

Hanns Peters, München:

Jesus Christus hat zu seinen Lebzeiten ganz klar allem, was mit Hierarchie, Strukturen und vor allem Einstufungen menschlicher Daseins- und Entscheidungsberechtigung in von Menschen wiederum zum eigenen persönlichen Vorteil erdachten Kategorien zu tun hat, eine klare Absage erteilt. Diese Absage haben die religiösen Führungseliten seiner Zeit natürlich ahnen lassen, was auf sie zukommt, wenn dieser Jesus entsprechenden Zulauf erhält. Und deswegen haben sie seiner Botschaft dadurch eine klare Absage erteilt, indem sie verkündeten: "Wir haben ein Gesetz, und nach diesem Gesetz muss er sterben." Und dazu kam es.

Seine von ihm gegründete Kirche ist aber als Gemeinschaft von Menschen gegründet worden, die ihm in Umsetzung dieser Botschaft nachfolgen. Diese Botschaft lautet klar und unmissverständlich: "Du sollst den Herrn Deinen Gott lieben und Deinen Nächsten, wie Dich selbst." Dies ist das Gesetz in der Nachfolge Jesu Christi und es gibt kein anderes. Von alleiniger Entscheidungsmacht, die nur in den Händen von auf einer Weihe basierenden zölibatär lebenden Männern ruht, war nie die Rede.

Und deswegen brauchen wir "Kirche". Aber nicht als Gegengesellschaft zur Welt oder Ort zum Rechthaben.

Den Missbrauch ehrlich aufarbeiten

Bertold Graf, Freiburg:

Wozu noch Kirche? Auch ich habe mir in den vergangenen Monaten mehr als einmal diese Frage gestellt. Aber was würden wir gleichzeitig verlieren, wenn es keine Kirche(n) mehr gäbe?

- die Christinnen und Christen, die sich an vielen Orten der Welt aus innerer Überzeugung für andere Menschen engagieren,

- die um Jesu Willen still und unauffällig Hilfsbedürftigen helfen,

- die eben auch Kindern vorbildliche Erzieher waren und sind, um nur einige Beispiele zu nennen.

Sollen wir wegen derjenigen, die sich in übelster Weise an Kindern vergingen, all das über Bord werfen? Neben der mich wütend machenden Aussage eines Bischofs, der einen Missbrauchsfall öffentlich als "verjährt" bezeichnete und "keinen weiteren Handlungsbedarf" sah, habe ich auch Priester, Ordensleute und Bischöfe wahrgenommen, die auf mich den Eindruck machen, dass sie ehrlich und offen, die Fälle aufarbeiten wollen, auch wenn es das Bild der Kirche verdunkelt. Diese Leute will ich mit meinem Verbleib in der Kirche unterstützen.

Frohbotschaft statt Drohbotschaft

Pfarrer Dieter Nesselhauf, Karlsruhe:

Braucht es Kirche? Viel wichtiger als die Kirche ist die Botschaft von Jesus, die ja eine Frohbotschaft ist. Gerade deshalb aber braucht es auch Kirche, damit diese Botschaft nicht verlorengeht. Aber:

dazu braucht es Menschen,

- die Visionen haben und dafür kämpfen

- die sich nicht als Manager verstehen

- die sich nicht mit dem Reformstau in der Kirche abgefunden haben (Zölibat, Diakonat der Frau, Umgang mit Wiederverheirateten, Geschiedenen usw).

Wesentlich scheint mir zu sein, dass die Frohbotschaft Gottes niemals mehr umgewandelt wird zu einer "Drohbotschaft" und die Kirche vor lauter Dogmatik und Recht erstarrt und abstirbt. Es darf niemals sein, dass Leben abgewürgt wird in der Ökumene, bei Menschen, die in Scheidung leben, bei Menschen, die anders leben als es die Kirche gerne hätte; es ist unbiblisch und unchristlich, dass die katholische Kirche anderen Konfessionen von oben herab begegnet und ihnen das "Kirche sein" abspricht;

Und so hoffe ich doch immer noch und immer wieder, dass das Leben stärker ist als alle Fesseln und die Freiheit Gottes stärker ist als die Angst und Bevormundung. Ich hoffe, dass die Weite und die Lebenskraft des Meeres (für mich ein Bild des Hl. Geistes) unsere Kirche erfüllt und neu belebt. Ich hoffe, dass diese Kraft des Geistes Gottes alles Unfreie und Belastende, alles Enge und Lebensverhindernde an Land spült wie Strandgut. Und so wie das Meer Länder mit den Kindern, Frauen und Männern der unterschiedlichsten Religionen, Nationen und Hautfarben verbindet, so hoffe ich auf einen "neuen Frühling" in der Kirche, die für alle Menschen, die nach Jesus Christus suchen, da ist und somit wirklich allgemein und christlich, also katholisch im ursprünglichen Sinn (nicht römisch-katholisch) ist.

Ich träume von einer Kirche, die befreit ist von Selbstsüchtigkeit und Stolz, befreit von devotem Duckmäusertum, befreit von unguten Abhängigkeiten, befreit von blindem Festhalten an der Tradition, befreit von Engstirnigkeit und falscher Intoleranz, Ich träume von einer Kirche, die befreit zur Freiheit der Kinder Gottes, die befreit von Herzenshärte und Herzenskälte, befreit zur Liebe und zum Mut. Ich träume von einer Geist-erfüllten Kirche, in der der Geist Gottes sich frei entfalten kann und nicht abgewürgt wird. Ich träume von einer Kirche, in der Frauen und Männer, Kinder und Jugendliche, Glaubende und Suchende und sog. Nichtglaubende ernst genommen werden und sich frei entfalten dürfen. Ich träume von einer Kirche, in der das Evangelium wirkliche Frohbotschaft ist und nicht zu einer Drohbotschaft verdreht wird. Ich träume von einer Kirche, in der die Menschen lernen, aufrecht und ohne Angst zu gehen. Ich träume von einer Kirche, in der Gottesdienste lebendige Feste und keine sterilen Feiern sind, die das Leben unmöglich machen. Ich träume von einer Kirche, in der man an Jesus Maß nimmt und nicht am rigiden Kirchenrecht und einer engherzigen Moralvorstellung. Diesen Traum will ich nie aufgeben.

Das Haus Gottes braucht es nicht

Sebastian B., München:

Die Kirche schafft vieles Gute. In Anbetracht der Unsummen, die sie durch staatliche Transfers und natürlich der Kirchensteuer einnimmt, könnte sie jedoch deutlich mehr für die Menschen dieser Welt in Angriff nehmen.

Die Missbrauchsfälle sind eine schreckliche Tragödie für die Opfer. Der Umgang der Kirche mit den Tätern ist eine Offenbarung. Dass es nur 2000 zusätzliche Kirchenaustritte gibt, zeigt, dass die Kirche - unberechtigter Weise - einen viel zu hohen Stellenwert in den Köpfen der Menschen besitzt. Wer an etwas Übersinnliches glaubt, kann dies jederzeit tun. Dazu ist kein Haus Gottes von Nöten; keine Institution, die den Tagesablauf, die Gedanken und die Erziehung vorschreibt; keine ignorante Unternehmung, die horrende Steuergelder kassiert, um seinem Oberhaupt ein Ornat zu finanzieren. Die vielen Missbrauchsfälle sollten die Gesellschaft endlich wach rütteln, den Glauben eines jeden Einzelnen zu seinem Eigenen machen, um sich von der unsinnigen Kircheninstitution befreien zu können.