Von Wolfgang Görl

"Hölle, Hölle, Hölle": Das Oktoberfest ist ein teuflischer Dampfkessel voller Bier, Schweiß und Bratenfett - und gerade deshalb ein Ort der irdischen Freuden. Da tanzt sogar die schmallippige Sekretärin großzügig dekolletiert auf der Bank.

Wer auf der Wiesn mit seinen Kollegen verabredet ist und, weil er noch im Büro zu tun hatte, zwei, drei Stunden verspätet im Bierzelt eintrifft, gerät in Gefahr, an der Welt, womöglich sogar am Oktoberfest zu zweifeln. Da hatte man am Morgen noch mit durchaus seriösen Menschen zu tun, die vor Aktenbergen hockten und mit einem forschen "Mahlzeit" zum Kantinengang aufbrachen, und jetzt erkennt man sie nicht wieder.

Münchner Oktoberfest, 2007 Bild vergrößern

Gäste aus Italien auf dem Münchner Oktoberfest: Die Wiesn ist bei jungen Leuten längst zur Populär-Kultur geworden. Und hat sich dabei immer etwas Münchnerisches bewahrt. (© Stephan Rumpf)

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Ist der Mann mit dem Räuberhut und der aufgeknoteten Krawatte, die wie eine tote Schlange an seinem Hals hängt, wirklich der akkurate Buchhalter K.? Handelt es sich bei der Dame im großzügig dekolletierten Dirndl, die unentwegt "Who the fuck is Alice?" ruft, tatsächlich um die schmallippige Sekretärin Sch.-B., die an ihrem Arbeitsplatz eine Bußgeld-Verordnung für Chauvi-Sprüche eingeführt hat? Und wer ist der Herr, der glasigen Blicks abgenagte Hühnerknochen in die Menge wirft? Doch nicht der Abteilungsleiter M.! Obwohl: Physiognomisch ist er eindeutig mit M. identisch.

Wenn die Festkapelle dann noch Wolfgang Petrys "Hölle Hölle Hölle" schmettert, wähnt sich der Neuankömmling eben dort: in einem teuflischen Dampfkessel voller Bier, Schweiß und Bratenfett, in dem die Delinquenten so lange weichgekocht werden, bis sie den Zustand vollkommener Geistlosigkeit als den Gipfel des Glücks empfinden. "Nichts wie weg!", befiehlt eine innere Stimme, die aus jenen Schichten des Gehirns dringt, in denen die gute Erziehung gespeichert ist. In diesem Moment ist Flucht noch möglich - aber wehe, man lässt sich vom Sirenengesang aus 6000 Kehlen betören und bestellt eine Maß. Dann gibt es kein Zurück mehr.

Dann sitzt man drin im Dampfkessel, eingeklemmt zwischen Sekretärin und Buchhalter, die einem nach der dritten Maß gar nicht mehr so sonderbar vorkommen, und auch die Musik verliert ihren Schrecken, zumal es ohne sie undenkbar wäre, auf der Sitzbank zu tanzen und dabei heimlich Hühnerknochen auf den Abteilungsleiter zu werfen. Über den weiteren Verlauf des Abends kursieren am folgenden Tag widersprüchliche Berichte, sofern sich überhaupt noch jemand erinnern kann.

In Fällen wie diesen einigen sich Beteiligten in der Regel darauf, dass die Sache eine Mordsgaudi war, und damit basta. Es gibt aber auch - nicht zuletzt in München - erbitterte Wiesn-Verächter, die das Fest als Massenbesäufnis, als einen Nepp sondergleichen und überhaupt als eine Veranstaltung betrachten, auf der ein kultivierter Mensch nichts verloren habe. Angesichts dieses Befunds ist es verwunderlich, dass sich das Oktoberfest 200 Jahre lang halten konnte und sogar Anklang bei durchaus kultivierten Männern findet. Einer von ihnen war der amerikanische Schriftsteller Thomas Wolfe (1900-1938), der Ende der zwanziger Jahre München besuchte. 1929 schrieb er die Erzählung "Oktoberfest", eine hinreißende Momentaufnahme, die zeigt, dass der Blick eines Fremden oft schärfer ist als die von Gewohnheit geprägte Sicht des Einheimischen.

Im ersten Moment hatte die Wiesn etwas Erschreckendes für Wolfe, er spricht von "Menschenhorden", in denen etwas Unheimliches waberte, "etwas, so dunkel und seltsam wie Asien, etwas, das älter war als die alten barbarischen Wälder, etwas, das um einen Altar geschwankt war und ein Menschenopfer dargebracht und verbranntes Fleisch verzehrt hatte". Wolfe lässt sich nicht abschrecken, und nach längerem Suchen findet er einen Platz im Bierzelt. Er bestellt sich eine Maß, vier junge Leute gesellen sich zu ihm. Und mit einem Mal ändert sich sein Ton. Er gerät in Schwärmen, schildert hingebungsvoll, wie "die Nebel des starken und berauschenden Biers, und noch mehr die Nebel der Geselligkeit und Zuneigung, der Freundschaft und menschlichen Wärme, uns zu Kopf und Herz gestiegen waren".

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  1. Sie lesen jetzt Maß und Massen
  2. Berauscht vom wabernden Unheimlichen
  3. Eine Huldigung des Irdischen
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