Rihanna in der Münchner Olympiahalle Träume von Liebe, Sex und Geld

Bei ihrem Konzert in der Münchner Olympiahalle wird Rihanna zum unnahbaren Gegenstand von Männerphantasien. Nichts an ihr ist echt - und doch ist da mehr, viel mehr: Ihre Show ist ein riesiges, gelungenes Spektakel, das auf ihre Fans wie eine Erweckung wirkt.

Von Sebastian Gierke

Als hätte jemand den Stecker gezogen. So schnell verebbt der Applaus. Der letzte Ton verklingt, das Saallicht geht an - und der Beifall geht aus. Innerhalb von wenigen Augenblicken. Show zu Ende. Die Menschen im Publikum wirken verwundert, nicht nur über die plötzliche Ruhe.

Sexobjekt und unnahbare Kunstfigur: Bei ihrem Konzert in der Münchner Olympiahalle bot Rihanna eine perfekte Show. (Archivbild von einem Auftritt in Rio de Janeiro am 23. September)

(Foto: dpa)

Zwei Stunden zuvor war Rihanna in einer durchsichtigen Kapsel auf die Bühne geschwebt: Dea ex Machina. Die Göttin erscheint in einem kurzen, blau-glänzenden Blazer, steht auf leuchtend pinken Highheels, umgeben von Tänzern in neonfarbenen Phantasieanzügen und dem hysterischen Kreischen des Publikums. Schon in den ersten Minuten: audiovisuelles Trommelfeuer. Es gilt die alte Blockbusterregel: Beginne mit dem Höhepunkt und steigere dich. "I want you to love me, like I'm a hot guy", sind die ersten gesungenen Worte. Und: "Want you to make me feel, like I'm the only girl in the world." Es klingt, als erteile sie dem Publikum Befehle.

Rihanna hat mehr als 30 Millionen Platten verkauft. So schnell wie sie hatte seit 52 Jahren niemand mehr zehn Nummer-eins-Songs in den US-Charts. Das Konzert der 23-Jährigen in der Münchner Olympiahalle war seit Wochen ausverkauft. Selbst Franck Ribéry, leidlich bekannter Fußballer des FC Bayern, hatte größte Schwierigkeiten, noch Karten für seine sechsjährige Tochter zu bekommen. Weder über die Konzertagentur, noch über die Bravo-Redaktion oder das Promi-Restaurant H'ugo's gelang es ihm, berichtete die Abendzeitung.

Vielleicht war das angesichts des zarten Alters der Tochter auch besser so. Der Blazer jedenfalls ist nach dem ersten Song verschwunden. Rihanna trägt nur noch einen mit Glitzersteinen besetzten Bikini. Ein Autowrack wird hereingerollt, die Sängerin lümmelt sich vor die Motorhaube, die Beine gespreizt. Am Ende von "Shut up and Drive" prügeln die Tänzer mit Baseballschlägern auf das Autowrack ein.

Auch, wenn sie sich hier nicht ganz so verrucht gibt wie in manchem Video, wie immer bei Rihanna geht es auch bei diesem Konzert um Sex-Fiktionen. Rihanna, die eigentlich Robyn Rihanna Fenty heißt und von der kleinen Antilleninsel Barbados stammt, wird auf der Bühne zu einer hypersexualisierten Kunstfigur - aber nicht zum Opferlamm. Sie bietet ihren Körper dar, die Brüste, den Po, kaum bedeckt, wird zum idolisierten Beutetier von Männerphantasien, ohne dabei von sich selbst etwas preiszugeben. Männer befinden sich außerdem sowieso nur relativ wenige im Publikum. Die meisten der 13.000 Besucher sind Frauen. Auch die zücken ob der gespreizten Beine ihre Handys, um Bilder zu machen. Eine davon holt Rihanna auf die Bühne, drückt sie zu Boden, besteigt sie quasi, presst die Hände der Fremden auf ihre Brüste. Der Bühnenboden gibt nach, die beiden Frauen verschwinden.

Flirt mit dem Panzer

Die Show ist perfekt durchchoreographiert. Ein Spektakel. Rihanna im langen gelben Abendkleid, Rihanna im hochgeschlossenen Tuxedo mit riesiger Fliege, Rihanna danach in Lack und Leder. Die Kleidung wechselt sie nicht, um zu zeigen, was sie hat, sondern weil es die Szene so verlangt. Die Tanzeinlagen wirken allerdings hin und wieder etwas unmotiviert, dafür kommt sie nie außer Atem, die Stimme: perfekt. Sie singt großartig Darling Nikki, einen alten Prince-Song, und anschließend S&M, ihre Ode an den Sadomasochismus, gefesselt auf einer drehbaren Plattform. Irgendwann sitzt Rihanna auch noch, die Beine gespreizt, mit einem silbernen Pailletten-Kleidchen auf einem pinken Panzer, der aus zwei gewaltigen Rohren ins Publikum feuert. Tänzer fuchteln mit pinken Maschinengewehren herum, dazu laufen auf großen Videoleinwänden Bilder von Demonstrationen, Vermummte sind zu sehen.

Der ständige Rollenwechsel ist Programm. Rihanna weiß, dass das Genre funktioniert wie ein Lifestyle-Magazin. Authentizität ist, dem R&B-Gott sei Dank, an dieser Stelle nicht vorgesehen. Die Sängerin inszeniert Träume, auch in München. Träume von Sex und Liebe und Geld. Rihanna ist nur eine Projektionsfläche, die Darstellerin in einem überlebensgroßen Schauspiel. Hier ist nichts echt. Ein bisschen wie ein Computerspiel - die Kameras und Handys der vielen Fans, die ständig Aufnahmen machen, wirken dabei fast wie Joysticks: Du bist und machst das, was wir in dir sehen wollen.

Tatsächlich werden die Fans von dieser überwältigenden Show nicht entmündigt oder infantilisiert. Sie sitzen nicht wie bei einer Fernsehshow mit aufgerissenen Augen passiv davor. Rihanna gelingt es, Nähe herzustellen. Sie schafft es, völlig unnahbar und gleichzeitig erfahrbar zu wirken. Sie, ein Wesen, das man eigentlich nur aus den Medien kennt, steigt für die kurze Zeit des Konzertes hinunter zu ihren Fans - und verbindet sie damit zumindest für Augenblicke mit der Welt der Stars. Rihanna gibt ihren Fans das Gefühl: Mich gibt es wirklich!

Deshalb kann man das Konzert auch nicht abtun als aufwendig gestaltete Nummernrevue. Für die Fans ist es eine Erweckung - bis das Saallicht an- und der Beifall ausgeht. Innerhalb von wenigen Augenblicken. Und Verwunderung zurückbleibt darüber, was da gerade mit einem geschehen ist.