Von Susi Wimmer

80 Prostituierte verdienen in München ihr Geld auf dem Strich - vor zehn Jahren waren es noch 240.

Der Regen tröpfelt auf die Autoscheibe. Jenny hat die Fahrertüre geöffnet und einen Schirm über den Spalt zwischen Tür und Pkw gespannt. Im Wagen ist es mollig warm, auf dem Armaturenbrett steht der Mini-DVD-Player, ein Spielfilm läuft. "Irgendwie muss man es sich gemütlich machen", sagt sie. Jenny wartet. An der Landsberger Straße. Auf Männer. "Wenn Sie was über den Straßenstrich machen wollen, dann zeichnen Sie am besten eine Prostituierte, die am Laternenpfahl lehnt und der die Spinnweben von den Armen baumeln", hat eine Kollegin von Jenny kurz zuvor lachend gesagt. 80 Frauen verdienen in München derzeit ihr Geld am Gehsteig, vor zehn Jahren waren es noch etwa 240. "Die Wirtschaftsflaute und die Öffnung des Ostens setzen uns zu, das Geschäft ist um die Hälfte zurückgegangen", sagt Jenny. Der Großteil der Prostituierten arbeitet inzwischen im Bordell. Und trotzdem: Weg vom Straßenstrich will Jenny nicht.

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Strassenstrich in der Landsbergerstrasse: Hier stehen die Damen und warten auf ihre Freier. (© Stephan Rumpf)

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Bernhard Feiner lehnt sich zurück und verschränkt die Arme. Worauf er Wert lege, sagt der Erste Kriminalhauptkommissar, sei ein guter Kontakt zu den Prostituierten. Feiner ist Leiter des Kommissariats, das unter anderem für den Bereich Prostitution zuständig ist, und er sagt nicht ohne Stolz, dass in München die Situation zwischen Polizei, Prostituierten und Bordellbetreibern eine außergewöhnliche sei. "Pro Jahr", sagt er, "kommen etwa 1600 neue Prostituierte nach München, 85 Prozent davon melden sich bei der Polizei an." Freiwillig. Sie geben ihre Personalien an, erfahren, wo die Grenzen des Sperrbezirks liegen, und werden informiert, dass hier in Bayern Kondompflicht herrscht. Milieustreifen sind permanent unterwegs, kontrollieren, schauen nach dem Rechten, kümmern sich auch um die Ängste und Nöte der Frauen. Auch derjenigen, die nachts im Freien stehen. Generell steigt die Zahl der Prostituierten in München stetig an. Momentan arbeiten hier etwa 2500, vor zehn Jahren waren es 1200. "Aber alles, was mit dem Straßenstrich zu tun hat, ist rückläufig", sagt Feiner mit Blick in die Statistik. Warum, darüber kann auch er nur mutmaßen. "Vielleicht, weil der Kunde mehr Komfort will." Die Nachfrage scheint sich zu verändern, "der Wellness-Gedanke schwingt immer mehr mit". Wellness, das heißt Sauna, Whirlpool, Getränke, Essen, und natürlich Sex. Alles ein Preis, all inclusive.

An der Hansastraße lehnt Jeannette (alle Namen geändert) im Hauseingang eines Betriebes, der Zimmer vermietet, und fragt lachend, was denn für derartige Interviews gezahlt werde. Jeannette ist nicht die allerjüngste, eine kompakte Frau mit bayerischem Dialekt und roten Lackstiefeln, offen, sympathisch. Sagen will sie eigentlich nichts, und dann redet sie doch. Dass sie seit 30 Jahren ihr Geld auf der Straße verdient, dass manchmal die ganze Nacht kein Freier kommt, manchmal ein "Glücksfall" auftauche, der die ganze Nacht bleibt. Alle möglichen Männer, sagt sie, treibe es auf den Straßenstrich. Was sie wollen? Nur das eine? "Nein", antwortet Jeannette, "die meisten reden ganz viel. Einsame Menschen. Die schütten mir ihr Herz aus, weil sie wissen, dass sie wieder gehen und mich nicht wiedersehen." Und selbst wenn sie später einen doch zufällig irgendwo trifft, "kenn' ich ihn nicht". In ihrem üppigen Dekolleté baumelt ein Kettchen mit Kreuz, wieder lacht sie über die ungelenken Fragen und meint: "Für mich ist das hier ein Job wie jeder andere." Sie wolle es nicht anders. Und Zuhälter, nein, so etwas gebe es vielleicht bei den armen Mädchen an der tschechischen Grenzen. Aber nicht hier. "Hier bestimme ich selbst", meint sie, "hier haben wir Frauen die Macht."

Neun sogenannte Anbahnungszonen sind in München außerhalb des Sperrbezirks auf der Straße zugelassen. Ein neuer "alter" ist hinzugekommen, der bei den Anliegern für Aufregung sorgt: die Friedenstraße hinter dem Ostbahnhof. Hier boten sich lange Zeit Frauen am Straßenrand an, 2003 löste sich der Strich plötzlich auf. "Das hatte nichts mit einem Verbot zu tun", sagt Bernhard Feiner. Vielmehr damit, dass auf dem Areal hinter den Bahngleisen ein Partygelände wuchs. Hier war immer was los: junge Leute, Taxis, ständig Remmidemmi. "Da will der Freier nicht hin", meint Feiner. Seit ein Paar Wochen warten wieder Frauen in weißen Lackstiefeln und knappen Anoraks am Straßenrand, an Autos gelehnt, die Beine auf der Fahrbahn. "Maximal vier" habe die Polizei gezählt. "Keine Ahnung, warum sie wieder da sind."

"Die sind von der Landsberger Straße", weiß Jeannette, "weil dort Baustelle und nix mehr los ist". An ihrem Standplatz an der Hansastraße ist momentan allerdings auch die Fahrbahn verengt. Auch Baustelle. Schlecht für die Frauen, die sonst hier parken. Jetzt schleichen die Freier auf Höhe der Go-Kart-Bahn suchend über den Gehsteig. Eine Frau in schwarzen Lederhosen steht an einem BMW. "Gehen Sie weg", faucht sie, "ich will Geld verdienen." Eine andere, die im Auto mit laufendem Motor wartet, winkt ab. Auch sie will sich das wenige Geschäft nicht vermiesen lassen. Zwei Autos an der Hansastraße. Mehr nicht.

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