Katja Stefan, die Chefin des Weinladens, eine zierliche Frau mittleren Alters, drapiert Trauben in der Vitrine auf der Theke. Fragt man sie, ob ihre Haltung gegenüber Kinderwagen nicht diskriminierend sei, reagiert sie ziemlich routiniert. Sie sei schon oft angefeindet worden, sagt sie. Mit Kinderfeindlichkeit habe das alles nichts zu tun. "Ich habe selber Kinder." Es sei vielmehr eine Frage von "gegenseitiger Toleranz", sagt sie. Die Mütter sollen tolerieren, dass Kinderwagen in dieser Bar leider nicht toleriert werden können. Oder so ähnlich.
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So manch eine Mutter bezeichnet die Verbotsschilder für Kinderwagen als "Diskriminierung". (© dpa)
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14.306 Kinder sind im Jahr 2009 in München auf die Welt gekommen - mehr als im Baby-Boom-Jahr 1969. Eine Rekordzahl, vor allem im Vergleich zur restlichen Republik, wo man die geringen Geburtenzahlen mit Sorge betrachtet und mit familienpolitischen Maßnahmen in die Höhe zu treiben versucht. So steht es München natürlich gut, in Sachen Nachwuchs die Statistik anzuführen. Auch sonst gilt die Stadt als vergleichsweise familienfreundlich.
Man verbiete den Eltern ja nicht grundsätzlich, ihre Kinder mitzunehmen, sagt Stefan. Nur eben ohne die Wagen. Sie spricht dann noch von ihrem Publikum, vom Wein, davon, dass nun mal kein Schild an der Tür sei, das ihre Gaststätte als Tagescafé ausweise. Und sie erzählt von den Müttern, die überhaupt nicht verstünden, dass eine Weinbar nicht der richtige Ort für Kinder sei. Und die abends ihre Männer schicken, die sich dann schrecklich darüber beschweren, dass Frau und Kind tagsüber die Zufahrt untersagt wurde.
Je mehr sie erzählt, desto klarer wird, dass man Katja Stefan nichts Falsches unterstellt mit der Annahme, dass sie die vom Schild auf Dauer abgehaltenen Mütter sehr gerne in Kauf nimmt. Sie sagt dann noch einen Satz, von dem sie weiß, dass sie sich damit nicht sehr beliebt machen wird: "Ich sehe nicht ein, dass die ganze Welt nur für junge Mütter gemacht sein muss."
Im Internet, dort also, wo die Aufregung bekanntlich meistens ziemlich groß ist, ist auch die Aufregung über Kinderwagen-Schilder an Cafétüren ziemlich groß. "Diskriminierung!" schreibt eine Diana unter einen Artikel zum Thema auf der Eltern-Website Liliputlounge.de. "Eine absolute Frechheit ist das, eigentlich müsste man gegen solche Menschen Klage einreichen." Was natürlich nichts helfen würde, weil jeder Ladenbesitzer selbst entscheiden darf, ob Dackel und Kind beim Kaffeetrinken zusehen dürfen oder nicht. "Wir können nur Empfehlungen aussprechen, man ist hier auf Freiwilligkeit angewiesen", heißt es aus dem Münchner Sozialreferat.
Katja Stefan wird ihr Schild behalten, im Kampf der Kinderlosen gegen die Supermuttis hat sie sich für das leise Publikum mit den Reiseführern entschieden. Es sei doch immer so, sagt sie: Der eine will in der Sonne sitzen, der andere im Schatten. "Man kann es nie allen recht machen."
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(SZ vom 03.09.2010/cosa)
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Wiesn-Nachrichten
Gerade Mütter, welche die grösste und meiste Zeit mit ihren Kleinen zusammen verbringen, haben ein Recht auf soziale Kontakte, auch ausserhalb der eigenen vier Wände. Kinder gehören in unser Leben, in unseren Alltag und in unsere Gesellschaft. Sie lassen sich nicht einfach „wegzappen“, bloss weil sie jemandem nicht in den Kram passen. Sie sind unsere Zukunft, die Gäste und Kunden von morgen! Mit etwas mehr Toleranz, Rücksicht, Respekt, Anstand, Verständnis, gesundem Menschenverstand auf Seiten der Eltern UND der Kinderlosen – mit etwas mehr Mit- und Füreinander statt Gegeneinander sollte einem entspannten, friedlichen und harmonischen Zusammenleben mit oder ohne Kindern eigentlich nichts (mehr) im Wege stehen :-)
Über diese kinder- und familienunfreundliche Entwicklung in der Schweiz wie in Deutschland bin ich, eine Mutter zweier Kleinkinder im Alter von vier und 2.5 Jahren (das Kleine oft noch im Buggy) sehr enttäuscht und besorgt. Lokale, wo Kinder nicht willkommen sind, meide ich aus Prinzip und boykottiere sie. Ein Kinderwagenverbot ist für mich indirekt eben auch ein Kinderverbot. Da bevorzuge ich von Anfang an kinder- und familienfreundliche Restaurants, wo sich alle wohl fühlen und sich niemand über lautes Kindergeschrei, Kinderlachen und verschüttete Getränke aufregen muss und die Kinder dabei noch beim Restaurant-Spielplatz spielen dürfen. Für mich ist es selbstverständlich, dass ich meine Kinder nicht zwingend immer und überall hinschleppe – so viel zum Thema gesunder Menschenverstand. Doch nach bald vier Jahren kenne ich diese typischen Selbstbedienungsrestaurants in- und auswendig und habe auch mal Lust auf was anderes, Trendigeres, wo wir gemütlich etwas essen und uns auch mal „bedienen lassen“ dürfen ;-). Solange sich die Kids dabei wohlfühlen, sich anständig benehmen und niemanden gross stören, sehe ich absolut kein Problem dabei. Von Kinder-, Kinderwagen- und Stillverboten halte ich persönlich überhaupt nichts. Solche Verbote schiessen am Ziel vorbei, sind kontraproduktiv, provokativ und ein Schlag ins Gesicht verantwortungsbewusster Eltern! So was lasse ich mir als Mutter nun mal nicht bieten! Ich lasse mich nicht bevormunden, sondern entscheide noch immer selber, was, wann, wo, wie und ob ich zusammen mit meinen Kleinen unternehme. Und verbieten lasse ich mir schon gar nichts! Ob Bern bzw. die Schweiz kinderfreundlicher als zum Beispiel Zürich oder Deutschland ist, kann ich nicht beurteilen. Ich habe keine Vergleichsmöglichkeit. Bis jetzt begegnete ich zumindest in Bern noch nie einem solchen unsinnigen Kinder- bzw. Kinderwagenverbot (ausser auf Rolltreppen, dort machts aber auch Sinn und ist etwas anderes…), sondern immer wieder netten, freundlichen und hilfsbereiten Mitmenschen. Allen (ob Wirte oder Gäste), die Kinder am liebsten aus sämtlichen Restaurants verbannen möchten, sei ans Herz gelegt, dass auch sie mal klein, wild, neugierig und laut waren und bestimmt nicht bereits als wohlerzogene, ruhige, brave und “trockene” Erwachsenen auf die Welt gekommen sind. Ihre Eltern verschanzten sich damals bestimmt nicht den ganzen Tag zu Hause.
Wer muss als nächste draußen bleiben? Rollstuhlfahrer, Juden, Kopftücher, Frauen, Männer?
Ein Kinderwagen gehört eben zu Kleinkindern dazu. Man verbietet damit implizit den Kindern den Zutritt. Nicht jede/r Mutter/Vater kann ihr/sein Baby ständig auf den Arm tragen.
Es ist eben nicht so, dass ein Geschäft einzelnen Personengruppen den Zutritt verwehren darf! Wie groß wäre der Aufschrei würde man nur Männern den Zutritt gewähren oder nur Deutschen.
EKELHAFT!
...bei manchem der abgegebenen Kommentare haut's einem echt den Schalter raus!
Jeder kann selbst bestimmen, wen oder was er in seinen Laden lässt. Ist die Hütte klein, muss ich mich mit einem Kinderwagen nicht reinzwängen - theoretisch. Es stellt sich mir aber die Frage, bis wohin die Freiheit des Wirts gehen darf, zu bestimmen, wer sein Etablissement betritt und wer draussen bleiben muss.
Wie schaut's mit jemandem aus, der im Rollstuhl sitzt? Nimmt der auch zu viel Platz weg?
Was macht jemand der an Tourette leidet und das, was er von sich gibt in keinster Weise kontrollieren kann?
Was macht jemand mit spastischer Lähmung oder dessen/ deren Betreuer, wenn er einen Kaffee trinken möchte?
Da würde doch keiner auf die Idee kommen zu sagen "Mensch, der mit seinem Gesabber und Gejaule geht mir auf'n Sack!" Warum dann bei Kindern?
Die Diskussion hat mit der (vermeintlichen) Solidargemeinschaft nichts zu tun. Es scheint eher um mehr oder weniger vernünftige/ tolerante Menschen zu gehen, jeweils auf beiden Seiten gleichermaßen verteilt.
Es ist eine sehr antiquierte Attitüde, bestimmte Verhaltensweisen von bestimmten Menschen zu erwarten. Eltern, oder schlimmer: Mütter haben zu Hause zu bleiben! Kind und soziales Leben? Eine Unverschämtheit! Und dann kommt von den älteren Herrschaften gerne noch: Sowas gab's zu unserer Zeit nicht! Mißgunst?
Und von Jüngeren oder Kinderlosen: Sowas würd' ich niiiiieeee machen! Wart's erstmal ab und sag niemals nie!
Deswegen bitte ich dringend um die wenigstens kurzzeitige Einnahme eines anderen Blickwinkels und sozialverträgliches Verhalten. Merci!
Increase the Peace!
PS:
Ich kann also davon ausgehen, dass jede/r, der hier von "supertollen Supermuttis" spricht, mit besagten Personen gesprochen und sie um eine adäquate Namensbezeichnung gebeten hat und dann alle (weil irgendwie wird hier latent verallgemeinert...) gesagt haben: "Ich bin eine Supermutti! Ein supertolle noch dazu!" Oder wie kommt ihr auf die Bezeichnung?
Ja, ich schreibe auch mehr und mehr in Politikforen, weil dort weder wirklich zensiert wird (so weit muss eine Moderation nämlich nicht gehen, liebe SZ) noch gibt es ständig Probleme mit der eigentlichen Kommentarfunktion, die ja offensichtlich der Zensuranwendung wegen stark eingeschränkt, verschlimmbessert und beschädigt wurde.
Die SZ selbst meldet sich dazu überhaupt nicht zu Wort, außerdem gibt es - wie hier schon mehrere anmahnten - keine Liste SZ-politisch-korrekter oder nicht korrekter Wörter, sodass man diese nicht mehr verwendet bzw. umschreibt oder punktiert.
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