Mit dem Job hat Hartmut Spröh auch sein soziales Umfeld und seine Wohnung verloren. Seit fast 20 Jahren lebt der 56-Jährige auf der Straße. Doch da gibt es noch Bonifaz.
Vom Christkindlmarkt der Residenz dringt Weihnachtsmusik auf den Odeonsplatz. Hartmut Spröh sitzt auf seinem Schlafsack. Neben ihm stehen eine schwarze Tasche mit Kleidung und eine Plastiktüte mit Lebensmitteln - sein komplettes Hab und Gut. Spröh sieht den Menschen zu, die Tüten mit Geschenken durch die Straßen tragen. "Weihnachten gibt es für mich nicht mehr", sagt er. "Ich glaub sowieso nicht an Jesus und den ganzen Trara." Und doch ist ein heiliger Ort so etwas wie sein Zuhause. Seit fast 20 Jahren verbringt er seine Nächte im geschützten Mitteleingang der Theatinerkirche. Hartmut Spröh ist obdachlos.
Bild vergrößern
Seit fast 20 Jahren verbringt Hartmut Spröh seine Nächte im Mitteleingang der Münchner Theatinerkirche. (© Simone Sälzer)
Anzeige
In der ehemaligen DDR hat Hartmut Spröh als Betonfahrer, Melker und Eisenflechter gearbeitet. Gebürtig stammt er aus Thüringen. Als im Jahr 1989 die Mauer fällt, kommt er nach München. Bei einer Zeitarbeitsfirma bekommt er eine Stelle als Staplerfahrer. Er verdient acht Mark die Stunde. Als er jedoch erfährt, dass sich das Unternehmen 48 Mark pro Stunde für seine Tätigkeit bezahlen lässt, kündigt er. Mit dem Job verliert er auch sein Zimmer in einem Arbeiter-Wohnheim - und gerät in einen Teufelskreis. "Wenn ich eine Wohnung gehabt hätte, hätte ich auch Arbeit", ist er sich sicher. Und fügt hinzu: "Aber warum soll ich mir jetzt noch darüber einen Kopf machen, ich kann ja doch nichts mehr ändern. Ich bin 56."
20.000 Menschen leben in Deutschland laut neuesten Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe auf der Straße, mehr als 100.000 sind von Wohnungslosigkeit bedroht. In München wurden bei der letzten Zählung vor zwei Jahren 343 Obdachlose registriert. "Das hat wegen der Wirtschaftskrise sicher zugenommen", ist Robert Greiner überzeugt. Der Sozialpädagoge hat in der Pfarrei St. Bonifaz täglich mit Menschen zu tun, die ins soziale Abseits gerutscht sind. Die Gründe dafür sind vielfältig, aber Arbeitslosigkeit, Scheidung und Krankheit stehen an vorderster Stelle. "Die Betroffenen wissen nicht, wie sie auf persönliche Katastrophen reagieren sollen und haben meist keinen Plan B", sagt Greiner. Und häufig fehlt das soziale Netz wie Familie oder Freunde, das sie auffängt.
Auch bei Hartmut Spröh wendet sich das Umfeld ab. "Mit dem gesellschaftlichen Status habe ich auch meine Familie und Freunde verloren", sagt der 56-Jährige. Seine damalige Freundin trennt sich von ihm, seine heute 18-jährige Tochter kennt er nur als Baby. Aber auch seine älteren Söhne, seine Familie und seine Freunde wenden sich von ihm ab. Hartmut Spröh weiß nicht einmal, ob seine Mutter noch lebt.
"Zumindest habe ich Bonifaz", sagt er dann. Die Obdachlosenhilfe der Pfarrei St. Bonifaz ist für Hartmut Spröh wie ein Rettungsanker. Jeden Vormittag ist er dort. Die Pfarrei bietet ihm neben einem warmen Essen auch Kleidung, eine Dusche und regelt für ihn die finanzielle Situation: Er bekommt Hartz IV und hat bei Bonifaz ein Durchlaufkonto.
90 Prozent der Obdachlosen sind Männer
Bis zu 200 Menschen kommen zur Obdachlosenhilfe, um ein warmes Essen zu erhalten. Mit Pullis, Hosen und Jacken decken sich pro Tag gut 50 Männer und Frauen ein. Rund 3000 Obdachlose betreut die eigene Arztpraxis jedes Jahr, auch wenn sie keine Krankenversicherung haben. "Die Zahlen sind in den vergangenen Jahren gestiegen", sagt Sozialpädagoge Greiner. Denn die Wirtschaftskrise hat sich vor allem auf den Niedriglohnbereich niedergeschlagen.
Bisweilen leben auch Akademiker auf der Straße. Meistens sind es aber die Geringqualifizierten, die mit einer Kündigung ihre finanziellen Grundlagen verlieren - und somit schnell auf der Straße landen. Wie viele den Absprung schaffen, kann Greiner schwer sagen. Je kürzer die Menschen obdachlos sind, desto leichter ist es, wieder Fuß zu fassen. Jemand, der seit 20 Jahren auf der Straße lebt, wird wohl kaum den Weg zurück finden. "Vor gut fünf Jahren wurden in München rund 20.000 Menschen gezählt, die selber keine Wohnung hatten, aber bei Freunden und Partnern lebten", sagt Greiner. "Es gibt viele, die abwechselnd Platte machen und dann wieder Unterschlupf finden."
Die Obdachlosenhilfe von St. Bonifaz hilft Menschen, die nur kurzzeitig auf der Straße leben und jenen, für die dieses Leben zum Alltag geworden ist. Die dafür notwendigen Mittel erhält die Organisation über Eigenmittel und Spenden. Ein Drittel der Menschen, die die Pfarrei aufsuchen, leben auf der Straße. 90 Prozent der Obdachlosen sind Männer, meist sind sie zwischen 40 und 55 Jahre alt. Der Rest der Besucher setzt sich aus Armen, die zwar eine Wohnung, aber kein Geld haben, und Rentnern zusammen.
Wenn im Winter die Minusgrade zweistellig werden, könnte Hartmut Spröh auch die eine oder andere Nacht in der Pfarrei schlafen. Doch das will er nicht. "Ich habe mich an die Kälte gewöhnt, das macht mir nichts mehr aus", sagt er. Zu Beginn seiner Obdachlosigkeit hat er auch schon einmal kleinere Delikte begangen, um eine kalte Winternacht im Gefängnis in Stadelheim verbringen zu können. "Ich bin aber nie aggressiv geworden oder habe jemanden verletzt", sagt er. "Kriminalität gibt es bei Obdachlosen kaum", bestätigt Greiner. "Das einzige sind Geldstrafen fürs Schwarzfahren, Hausverbot an U-Bahn-Haltestellen oder am Hauptbahnhof."
Hartmut Spröh hat sich aber mittlerweile mit dem Leben auf der Straße abgefunden. Nur eines versteht der Obdachlose bis heute nicht: "Warum glotzt mich jeder immer so abfällig an? Ich bin doch wie alle anderen auch ein Mensch."
Ansprechpartner der Obdachlosenhilfe der Pfarrei St. Bonifaz ist Prior Frater Emmanuel Rotter, Karlstraße 34, Tel.: 089/55171-300. Spendenkonto: Abtei St. Bonifaz/OFW (ohne festen Wohnsitz), Liga-Bank eG München, BLZ 75090300, Konto 2214300.
- Thema
- Einfach nur anders RSS
- Serie: Einfach nur anders (3) Rebecca - der Fremde in ihr 11.11.2010
- Einfach nur anders (4): Michael Fodermaier Die andere Welt des Alltags 19.11.2010
- Einfach nur anders (5): Monika Sirch Die Welt von unten 25.11.2010
- Einfach nur anders (2): Regine Zille Stilles Leiden 03.11.2010
- Einfach nur anders (1): Bernd Wingen stottert Worte als Stolpersteine 28.10.2010
(sueddeutsche.de/tob/bön)
Brasiliens Präsidentin Roussef
Wiesn-Nachrichten
(Zentrale Wohnungslosenhilfe), die zur ARGE gehört.
http://www.muenchen.de/Rathaus/soz/wohnenmigration/wohnungslosigkeit/102855/index.html
Hätte sich der Herr vor 20 Jahren um Unterstützung bemüht, hätte er seine Wohnung nicht verlieren müssen. Die Miete wird notfalls vom Staat übernommen. Auf keinen Fall hätte der Herr 20 Jahre auf der Straße leben müssen.
Auch jetzt könnte er sicherlich binnen Wochen eine dauerhafte Unterkunft bekommen. Bei alleinstehenden ALG II-Empfängern wird in München eine Nettokaltmiete bis 449 Euro übernommen.
Bei mir bleibt der Verdacht übrig, dass die meisten Obdachlosen in Deutschland kein geregeltes Leben wollen. Vielleicht liegt es am Alkoholismus oder an den Drogen, vielleicht auch daran, keine Verantwortung übernehmen zu wollen. Ich weiß es nicht, und wer auf der Straße leben will, soll das tun. Weder Verachtung noch übertriebenes Mitleid sind angebracht, erwachsene Menschen müssen mit den Konsequenzen ihrer Entscheidungen leben.
Dieser Mann scheint körperlich gesund und könnte durchaus noch Arbeit finden. Eine Wohnung könnte er ebensfalls bekommen, dafür sorgt der Sozialstaat.
Das Problem ist die Lebenseinstellung dieser Menschen. Sie wollen einerseits "dazu gehören", andererseits sich nicht anpassen oder ihre vermeindliche Freiheit aufgeben.
Wenn man auf der Straße lebt, verroht man automatisch.
Hygiene und Kleidung lassen zu wünschen übrig, kein Wunder, daß Passanten da "dumm glotzen", ein verwahrloster Mensch ist kein schöner Anblick.
Wie gesagt, jeder Obdachlose kann beim Sozialamt schnelle Hilfe erwarten!
oder sich der Firma, bei der er staplerfuhr für 1000 DM auf Wochenbasis als Selbständiger anbieten sollen.
Ja, ja die Theorie, wenn die verdammte Praxis nicht wäre.
"Er verdient acht Mark die Stunde. Als er jedoch erfährt, dass sich das Unternehmen 48 Mark pro Stunde für seine Tätigkeit bezahlen lässt, kündigt er."
vielleicht hätte er sich _vor_ dem kündigen nach einer neuen arbeit umsehen sollen ...
Paging