Brunner-Prozess Wenn's der Wahrheitsfindung dient

Warum spricht der Richter im Brunner-Prozess so fürsorglich zu den Angeklagten? Weil nur die Balance aus Distanz und Nähe zu einem guten Verhandlungsergebnis führt. Ein Richter muss daher immer auch Schauspieler sein.

Ein Gastbeitrag von Benno Hurt

Benno Hurt, 69, war bis 2006 Vorsitzender des Jugendschöffengerichts am Amtsgericht Regensburg. Seit den sechziger Jahren ist er auch Schriftsteller, seine Romane erscheinen bei dtv.

"Richter müssen Schauspieler sein, die Richter spielen", sagt der ehemalige Richter Benno Hurt.

(Foto: Christian Brüssel)

Es war im Jahr 1985: Er kam nicht durch die Tür für Verfahrensbeteiligte, sondern stürmte mit zwei Dutzend Gleichaltrigen in den Zuschauerraum: der 18-jährige L., umgeben von seinen schwarzledern-gepanzerten Sympathisanten. Unter dem Hallo seiner Rockerfreunde turnte er über die Barriere, die die Prozessbeobachter von den Beteiligten trennt. Grinsend, den Blick nach hinten gewandt, stand er neben der Anklagebank.

Ich fühlte mich in meiner Robe plötzlich wie kostümiert. Da fiel mir die Zeile von Udo Lindenberg ein: "Ich bin Rocker, aber ich bin nicht so'n primitives Schwein und schlag' nem Schwachen die Fresse ein." Ich sagte: "Nehmen Sie Platz!" Ruhe trat ein. Ein Anfang war gemacht. Nicht mehr.

2006: Der heroinabhängige Russlanddeutsche hielt den Kopf gesenkt, während der Staatsanwalt die Anklage verlas. Der junge Mann wollte nicht wach werden. Nicht in diesem Land, das ihm seine Eltern verordnet hatten. Er wollte auch nicht wach werden in "meiner" Verhandlung. Er sprach Deutsch, wie ich aus der Akte wusste; leidlich. Er kaute Kaugummi, was die Kommunikation erschwerte. Um an ihn heranzukommen, wollte ich ohne die Dolmetscherin auskommen. Ich ließ ihn eine Weile kauen. Dann legte ich, als er sprach, die Hand an mein Ohr und lächelte. Da lächelte er auch und spuckte sich den Kaugummi in die Hand.

Der Ton des Vorsitzenden Richters im Prozess um den Tod von Dominik Brunner soll geradezu fürsorglich sein, wie es in Berichten aus dem Gerichtssaal heißt. Es ist der richtige Ton, wenn er, um mit Fritz Teufel zu reden, der Wahrheitsfindung dient. Denn im Brunner-Fall ist die Wahrheitsfindung besonders schwierig. Das allgemeine Interesse ist so stark wie selten auf den Vorsitzenden und seine Beisitzer gerichtet. Urteile der Öffentlichkeit waren schon gesprochen, bevor der erste Zeuge den Saal betreten hatte. Mit der Äußerung, Brunner habe zuerst geschlagen, brachten die Angeklagten die Öffentlichkeit ein weiteres Mal gegen sich auf.

Unter diesen Voraussetzungen erweist ein Richter, der dem Volk nicht nach dem Munde spricht, dem Kernstück des Strafprozesses, der Hauptverhandlung, seinen Respekt. Denn sie bietet die größte Gewähr für die Erforschung der Wahrheit, aber auch für die bestmögliche Verteidigung des Angeklagten. Die monatelange Aufmerksamkeit der Medien, ihre druckvolle Präsenz auch im Sitzungssaal kann vom Gericht nicht verhindert werden. Denn eine Verhandlung gegen einen Jugendlichen ist immer dann öffentlich, wenn er zusammen mit einem Heranwachsenden (also einem Angeklagten zwischen 18 und 21 Jahren) auf der Anklagebank sitzt.

Manchen jungen Angeklagten schüchtert das ein, während ein anderer, der sich gern für den Mittelpunkt hält, dazu neigt, der Öffentlichkeit zu imponieren. Mit beiden Möglichkeiten hat ein Gericht immer zu rechnen. Und auch damit, dass es selbst einschüchtert: draußen vor dem Saal mit Marmor, Säulen und Löwen, drinnen mit Robe, prozessualen Förmlichkeiten, Ritualen. Wie dem entgegenwirken? Vom Sockel der Richterbank hinuntersteigen, Platz nehmen an einem "runden Tisch" (der aber erst noch herbeizuschaffen wäre), die Robe über die Stuhllehne hängen?