München Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Straßenzeitung "Biss"

Die Biss soll Menschen in Not helfen, doch jetzt steckt sie vielleicht selbst in Schwierigkeiten.

(Foto: Stephan Rumpf)
  • Bürger in sozialen Schwierigkeiten verkaufen die Zeitschrift "Biss" in ganz München - und soll ihnen helfen, wieder in ein normales Leben zurückzufinden.
  • Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft München gegen Biss, es geht um den Verdacht der Steuerhinterziehung und Schwarzarbeit.
  • Doch ob die Vorwürfe wirklich stimmen, ist derzeit völlig offen.
Von Katja Riedel und Lisa Schnell

Sie gehören dazu. Sie erinnern daran, dass München nicht nur Haben, sondern auch Nichthaben heißen kann. Es geht um vier rote Buchstaben und die Menschen, die für 2,20 Euro jenes Heft verkaufen, das diese Buchstaben trägt: Biss. Eine Zeitschrift und die Abkürzung für "Bürger in sozialen Schwierigkeiten". Die sollen die Biss-Verkäufer hinter sich lassen, dabei soll ihnen die führende Münchner Straßenzeitung seit 22 Jahren helfen. Dafür genießt sie in der Stadt ein besonders hohes Renommee. Doch jetzt könnten Schwierigkeiten auf sie zukommen.

Die Staatsanwaltschaft München ermittelt gegen Biss, es geht um den Verdacht der Steuerhinterziehung und Schwarzarbeit. Zum Inhalt der Ermittlungen kann sich die Staatsanwaltschaft wegen des Steuergeheimnisses nicht äußern, sagt deren Sprecher Peter Preuß. Auch das Hauptzollamt München schweigt zu einer Anfrage. Doch der Süddeutschen Zeitung liegen Unterlagen vor, die nahelegen, worum es geht.

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Auch Zahlungen zum Geburtstag sollen üblich sein

Ein ehemaliger Biss-Mitarbeiter hat im Jahr 2014 Strafanzeige gestellt. Er wirft dem gemeinnützigen Verein vor, dass Mitarbeiter etwa zu Weihnachten Geld bar auf die Hand erhalten hätten. Geld, das angeblich in keiner Gehaltsabrechnung auftauche, das nicht versteuert worden sei. Im Arbeitsvertrag steht zwar, Weihnachtsgeld werde "nicht gezahlt", Biss-Geschäftsführerin Karin Lohr räumt aber ein, dass jeder Mitarbeiter im Durchschnitt Weihnachts- und Ostergeschenke im Wert von 270 Euro jährlich bekomme, auch in Form von Bargeld. Auch Zahlungen zum Geburtstag sollen üblich sein, behauptet der ehemalige Mitarbeiter Udo Biesewski. An Geburtstagen gebe es bis zu 50 Euro. Insgesamt steht damit eine Summe von 30 000 Euro pro Jahr im Raum.

Biesewski behauptet auch, dass einige Verkäufer erheblich mehr Zeitungen im Monat verkaufen würden, als es in ihrem Vertrag stehe. Die Verkäufer bekommen die Zeitungen für 1,10 Euro pro Stück und verkaufen sie für das Doppelte weiter. Ihr Gewinn pro Zeitung beträgt also 1,10 Euro. Verkauft ein Mitarbeiter im Monat statt 400 Zeitungen, wie es in seinem Vertrag steht, 500 Stück, hätte er 110 Euro bar in der Tasche, die in keiner Abrechnung auftauchen würden.

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Geschäftsführerin Lohr weist die Vorwürfe zurück. Zwar könne es von Monat zu Monat Schwankungen geben. Am Ende des Jahres müsse die vereinbarte Summe aber stimmen. Zudem werde jedes an einen Verkäufer vergebene Magazin in einer Liste registriert. Wenn ein Mitarbeiter regelmäßig mehr Zeitungen verkaufe, werde sein Vertrag entsprechend angeglichen, sagt Lohr. Die fest angestellten Verkäufer würden nach unterschiedlichen Zeit- und Verkaufskontingenten beschäftigt, das Gros arbeite in Teilzeit.