München US-Firmen wollen ans Münchner Melderegister

Die Mormonen - hier ihr Tempel in Salt Lake City - gelten in Sachen Ahnenforschung als führend.

(Foto: Alexander Hassenstein)
  • Die Meldedaten im Stadtarchiv sind abgegriffen und teilweise fast unleserlich. Deshalb sollen sie nun digitalisiert werden.
  • Zwei Firmen haben bereits Angebote für eine Digitalisierung gemacht: Beide haben sich nicht ohne Hintergedanken gemeldet.
  • Der Datenschutz sei "absolut vorrangig", versichert Oberbürgermeister Dieter Reiter.
Von Dominik Hutter

Alle Bestände aneinandergereiht wäre das Regal fast 1,2 Kilometer lang. 4082 Aktenbündel mit Polizeimeldebögen, dazu 8196 Personenstandsregister und Sammelakten aus den Standesämtern München und Pasing - Geburten, Sterbefälle, Hochzeiten.

Trockene Kost also, sollte man meinen, und trotzdem heiß begehrt: Etwa ein Drittel aller Anfragen für den Lesesaal des Stadtarchivs betrifft die seit dem frühen 19. Jahrhundert erhobenen Meldedaten. Die sind deshalb inzwischen reichlich abgegriffen, manchmal angeschimmelt und teilweise fast unleserlich. Zeit für eine Digitalisierung also.

Bis zu 2,5 Millionen Euro würde es nach Schätzung des städtischen Direktoriums kosten, die etwa 4,75 Millionen Seiten einzuscannen und einen Index zu erstellen. Mehr als das Stadtarchiv aufbringen kann. Da ist es praktisch, wenn jemand diese Aufgabe kostenlos übernehmen will.

Zwei Angebote liegen bereits vor: vom weltgrößten genealogischen Dienstleister Family Search, der der in den USA beheimateten "Kirche der Heiligen der letzten Tage" (vulgo den Mormonen) gehört, sowie vom weltgrößten Online-Anbieter von Familiendaten, dem US-Unternehmen Ancestry.

Mormonen wollen die Daten kostenlos zugänglich machen

Beide haben sich nicht ohne Hintergedanken gemeldet, das ist dem Direktorium bewusst: Es gebe "spezifische Interessen, die es genau abzuwägen gilt", steht in der Beschlussvorlage für die Sitzung des Verwaltungsausschusses des Stadtrats am Mittwoch. Die Mormonen wollen die Daten kostenlos übers Internet zugänglich machen und sie obendrein dafür nutzen, dass die eigenen Mitglieder ihre Vorfahren ermitteln und nachträglich taufen lassen können, auch wenn sie schon lange tot sind.

Mormonen-Gründer Smith hatte bis zu 40 Ehefrauen

Die jüngste war erst 14 Jahre alt, andere waren bereits verheiratet: Der Mormonen-Gründer Joseph Smith soll bis zu 40 Frauen geehelicht haben. Das hat die amerikanische Glaubensgemeinschaft nun offiziell zugegeben - und viele Mitglieder verstört. mehr ...

Family Search geht laut Direktorium davon aus, dass "die Familie im Mittelpunkt des Lebens stehen soll und dass familiäre Bindungen über das Erdenleben hinaus Bestand haben sollen". Sämtliche Digitaldaten wären sofort auch über die Internetseite der Stadt einsehbar. Ancestry hingegen lässt sich fürs Abrufen der Daten bezahlen, die Stadt dürfte sie erst nach drei Jahren selbst online stellen.

Bis dahin stünden sie aber gratis im Lesesaal des Stadtarchivs zur Verfügung. Das dazugehörige Namensregister, ohne das die Daten nur mit Mühe genutzt werden können, würde niemals auf der Internetseite der Stadt auftauchen, sondern wäre 20 Jahre lang nur im Lesesaal einsehbar. Danach hätte die Stadt gar keinen direkten Zugriff mehr darauf. Beide Unternehmen können zahlreiche Referenzen vorweisen. Mehrere namhafte deutsche Institutionen haben das Digitalisierungsangebot bereits angenommen.

Probleme mit dem Datenschutz sieht das Direktorium nicht - weil es nur um historische Bestände geht. Digitalisiert werden sollen Geburten bis 1906, Hochzeiten bis 1931 und Sterbefälle bis 1955, die gesetzlichen Schutzfristen würden damit gewahrt. Akten, die nachträglich mit Daten von Nachfahren ergänzt wurden, wandern auf Weisung des Stadtarchivs in den Giftschrank. Der Datenschutz sei "absolut vorrangig", versichert Oberbürgermeister Dieter Reiter. Die digitale Archivierung sei aber dringend erforderlich, um die Daten zu erhalten. Ähnlich sehen es Grüne und FDP.

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