Irene Krebs findet, München ist etwas Besonderes und wird zugleich überschätzt. Und: Wer ein Herz für die Stadt hat, sollte vor allem die Menschen, die darin leben, nicht vergessen.

Ich lebe seit 1999 in Bayern. In München habe ich bisher nicht gewohnt (wenn auch den Mietmarkt schon aufmerksam beobachtet), jedoch bisher immer dort gearbeitet und auch einen Teil meiner Freizeit dort verbracht. Was ist mir besonders aufgefallen?

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München ist teuer

Die Mietpreise scheinen sich weniger aus dem vorhandenen Wohnraum zu ergeben, als viel mehr aus dem Unterhaltungswert des Viertels, den der Vermieter gerne anpreist, um daraus (finanziellen) Nutzen zu ziehen. Mir scheint, dass auch die Sichtnähe zu den Bergen (je nach Stockwerk und Himmelsrichtung) einen Aufschlag wert ist, ebenso die Nähe zu bekannten Ur- oder Wahlmünchnern. Ein paar Bäume mehr und die Nähe zur Isar machen aus einer simplen Wohnung bereits ein "Anlageobjekt".

Umwerfend sind die Preise auch, wenn der kleine Hunger einen in die nächste freundliche Ökobäckerei oder in eine nicht immer so freundliche Vinzenz-Murr-Filiale treibt. Eine spärlich belegtes Brötchen, teilweise ohne Butter, für zwei Euro! Waren das nicht mal vier Mark? Auf dem Dorf bekommt man eine Semmel, köstlich bestrichen und abwechslungsreich belegt, für 1,20 Euro! Da frage ich mich: Haben "die auf dem Land" mehr Zeit und Augenmaß für bezahlbare Preise oder wissen sie einfach nur nicht, wie man "Geschäfte macht", also: ausbeutet?

München hat viel zu bieten

Das stimmt ... wenn genug Geld und Zeit vorhanden sind, z. B. für die außerordentlich große und an interessanten Kursen reiche Volkshochschule. Das Kursbuch der VHS München ist so dick wie ein Telefonbuch. Alleine darin zu blättern und zu stöbern bedeutet Eintauchen in neue Welten. Es muss vielen anderen auch so gehen, das zeigen am ersten Anmeldetag eines Semesters die lange Warteschlange und die stundenlangen Wartezeiten.

Zudem gibt es viele Möglichkeiten, Musik zu genießen, ob in der Oper oder in Musikkneipen, bei Konzerten oder in Diskotheken. Der Kunstpark Ost zum Beispiel bot viele Möglichkeiten, zu den verschiedensten Rhythmen "abzutanzen". Ob es demnächst den "Kunstpark Nord" geben wird?

Der Englische Garten ist wirklich ein wunderbarer Ort. Er ist weitläufig, mit vielen Wiesen und Bäumen, es gibt einen Weiher mit Schwänen und Enten. Im Sommer tummeln sich die Leute, Musiker aller Couleur treffen sich, um auf Kongas und Bongos einen Rhythmus zu zelebrieren, der sofort ins Blut geht und den Alltag vergessen lässt. Abgelegenere Wiesen laden zum Sonnenbaden, Schmökern und Träumen ein. die vielen Wege fordern die Aktiveren auf, zu joggen oder Inlineskate zu fahren.

In München sind bekannte Unternehmen mit großen Namen angesiedelt. In einem solchen Unternehmen zu arbeiten, kann einem durchaus etwas geben, und wenn es nur ein guter Name in der eigenen Vita ist. Jedoch: Es ist die Frage, ob der hoffnungsfrohe Bewerber auch dort hineinpasst, denn ein großer Name ist nicht alles.

München ist "cool"

... und das meine ich durchaus kritisch. Cool im Sinne von: distanziert, von oben herab, konkurrierendes Selbstbewusstsein, ausgrenzendes Verhalten. Ein Freund von mir, der vom Norden Deutschlands nach München kam, meinte einmal ironisch: Ist München nicht die Stadt, in der keiner ausweicht? Gottseidank gilt das bisher nur auf dem Gehweg.

Obwohl... wenn ich so nachdenke, wie oft ich als Autofahrerin, werktäglich vom Umland kommend, in der Innenstadt genötigt wurde - und ich bin keine "Trödlerin". Auch das Blinken als Zeichen eines Spurwechsels, ob auf dem Mittleren Ring oder auf der Autobahn, scheint vor allem jenen Fahrern gänzlich obsolet zu erscheinen, die bullige Limousinen mit "eingebauter Vorfahrt" steuern.

Münchner bleiben unter sich

Vor zwei Jahren saß ich in München in einer Arztpraxis und unterhielt mich mit einer Arthelferin. Sie meinte ganz offen: Sie sei Münchnerin, sie habe auch einen Freundeskreis hier, und sie gehöre "dazu". Doch selbst ihr würde die Oberflächlichkeit auf die Nerven gehen - vor allem in Discos. Es gehe nur noch ums Aussehen, welche Klamotten man trage und mit welchem Typen man zusammen sei...

Eine andere "echte" Münchnerin hat mir erzählt, dass sie nur mit anderen "echten" Münchnern befreundet sei. Zum einen, weil man eben vom selben Schlag sei und sich schon sehr lange kenne, und zum anderen, weil man sich von den ganzen "Zugereisten" abgrenzen wolle. Und auch müsse, da es inzwischen wohl mehr "Zugereiste" als "echte Münchner" gebe.

Eine durchaus menschliche Verhaltensweise: Menschen suchen das Vertraute, auch in einer neuen Stadt, und erst recht dort, wo die Wurzeln sind. Für "Neue" kann das zuweilen aber Einsamkeit bedeuten.

Es sollte aus meiner Sicht nicht nur Verwurzelung und Heimatbezogenheit zählen, sondern auch der Mut, genau dieses aufzugeben und sich in einer neuen, unbekannten Umgebung neu zu orientieren. Selbst wenn die Aussprache sich an das Münchnerische nicht so recht anpassen mag und das verräterische "Brötchen" anstelle der hierzulande üblichen "Semmel" beibehält - und wenn schon!

München wird überschätzt

Wie auch immer: München ist etwas Besonderes, und München wird überschätzt. Glücklich diejenigen, die schon immer da waren und dazugehören - nach Möglichkeit mit genug Geld. Und glücklich diejenigen, die zugereist sind und sich hier so gut eingelebt haben, dass auch sie dazugehören.

Wenn ihr ein Herz für die Stadt München habt, vergesst dabei nicht euer Herz für die Menschen, die darin leben.

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(sueddeutsche.de/)