München 2018 Katarina Witt - eine Plaudertasche für Olympia

Sie war das Ass im Ärmel von München 2018. Nach dem Rückzug von Willy Bogner wird Katarina Witt nun auch das offizielle Gesicht der Olympia-Bewerbung - ein Schritt, der längst überfällig war.

Von René Hofmann

Es war ein vielsagender Auftritt. Als sich die Bewerbungsgesellschaft, die die Olympischen Spiele 2018 nach München holen will, bei den Spielen im Winter in Vancouver präsentierte, sprachen erst viele Männer. Willy Bogner, damals noch Geschäftsführer der Bewerbungsgesellschaft, erzählte hölzern etwas über olympische Tradition. Thomas Bach, Chef des Deutschen Olympischen Sportbundes, schwärmte der Welt in Sätzen voller "Ähs" vor, was für ein Wintersport-Märchenland dieses Germany doch sei. Münchens Oberbürgermeister Christian Ude verhaspelte sich in seinem Englisch, als er die Friedfertigkeit seiner Stadt loben wollte, und verstieg sich in die falsche Behauptung, beim Oktoberfest habe es nie einen Anschlag gegeben. Dann kam Katarina Witt.

Die einzige Frau in der Runde las nichts ab. Sie verhaspelte sich nicht, sie verstieg sich in nichts. Witt war einfach nur Witt. Sie plauderte drauflos und erzählte, wie das war, als sie sich 1988 bei den Spielen in Calgary mit Debbie Thomas ein denkwürdiges Eiskunstlauf-Duell geliefert hatte. Witt und Thomas hatten beide die Carmen gegeben. Doch sie hatten die Figur ganz unterschiedlich interpretiert: Witts Carmen war verführerisch und kokett gewesen, hatte von Schmerz und Trauer erzählt - und war schließlich gestorben. Bei Thomas siegte die Lebensfreude. Doch am Ende triumphierte Witt.

Das Duell bewegte die Menschen; der US-Sender ABC maß 40,2 Prozent Einschaltquote - und wenn Witt davon erzählt, bewegt es noch heute. Es wurde ganz ruhig, damals in Vancouver, in dem schmucklosen Hotelsaal. Und schon da war klar: Witt ist, international betrachtet, das Ass der Münchner Bewerbung. Dass sie nun, nach Bogners Rückzug, offiziell zum Gesicht der Bewerbung aufsteigt, ist nicht nur logisch. Es ist überfällig.

Witt hat eine seltene Gabe: Sie kann einen Raum füllen. Schon als junge Eiskunstläuferin war das so. Sie wollte sich präsentieren, ihr Können zeigen - das war ihre große Stärke. Es gab talentiertere Läuferinnen, fleißigere. Aber kaum eine andere drängte es mit ähnlich viel Inbrunst ins Rampenlicht. Witt, 1965 in West-Staaken geboren, war ein Kind des DDR-Sportsystems. Sie besuchte die Karl-Marx-Städter Kinder- und Jugendsportschule, mit zwölf begann sie bei Jutta Müller zu trainieren, die sie mit Strenge zur internationalen Größe formte.

"Das schönste Gesicht des Sozialismus" hat das Time-Magazin Witt genannt. Damit es dem Sozialismus erhalten blieb, setzte die Staatssicherheit ein Spitzelheer auf Witt an, die sich mit dem System arrangierte. In Debatten um die Aufarbeitung des Regimes plädierte sie später stets für Milde, auch als bekannt wurde, dass Vereinskameraden wie Ingo Steuer ihr nachspioniert hatten.

Nach dem Ende der Karriere zog es Witt in die Welt, sie produzierte Eisshows, war zu Gast in Kinofilmen und, zuletzt immer häufiger, auch im deutschen Fernsehen. Die Playboy-Ausgabe, für die sie sich 1998 auszog, wurde weltweit ausverkauft. Witt hat nie geheiratet. Zu ihrem 40. Geburtstag vor fünf Jahren sagte sie über ihr Privatleben: "So sehr Single, wie man vielleicht denken möchte, bin ich auch wieder nicht."