München Jiddische Klänge im Forum für Islam

Moslems und Juden diskutieren in München darüber, was gegen Rassismen jeder Art getan werden kann

Von Tom Soyer

Antisemitismus ist kompliziert. Es gibt ihn in Deutschland, in München, auch unter Moslems. Man kann "die Politik" drüber reden lassen - und man kann sich auch mal zusammensetzen unter Beteiligten und Betroffenen, Moslems und Juden, mitten in München. Ein mutiger Ansatz, der in den jeweiligen Communitys noch auf Vorbehalte trifft. Erkan Inan aber vom Münchner Forum für Islam (MFI) sind diese Hürden ebenso egal wie Anita Kaminski und dem Münchner CSU-Stadtrat Marian Offman, beide Vorstandsmitglieder der Israelitischen Kultusgemeinde München. Sie loten am Freitagabend im MFI in der Hotterstraße, im Zentrum der Stadt, sehr gemeinschaftlich aus, wie die Gesellschaft besser gegen pauschale Rassismen immunisiert werden kann - gegen Antisemitismus, der das eigentliche Thema war, aber ebenso auch gegen Vorurteile, die sich gegen Moslems richten.

"Die beste Methode dazu ist, wenn sich Menschen begegnen", sagt Erkan Inan am Ende der ermutigenden Gesprächsrunde. Er hat seit einiger Zeit regelmäßigen Kontakt mit Anita Kaminski und Marian Offman, die drei sprechen über alles Trennende hinweg von einer Freundschaft, die da entstanden sei. Die gut 40 Teilnehmer an dem Diskussionsabend zum Thema "Antisemitismus - Muslime unter Generalverdacht?" erleben deshalb auch den Stadtrat Offman als entspannten jüdischen Gast, der wie bei einem Heimspiel wirkt - und das sicher nicht nur, weil die Kabarettistin Susanne Weinhöppel im Islam-Forum jiddische Lieder zur Harfe singt. "Diese Veranstaltung hat etwas Exotisches, aber sie ist ein wunderbarer Anfang", denn unter den 500 000 Katholiken, 180 000 evangelischen Christen, 130 000 Angehörigen des Islam und 9000 jüdischen Mitbürgern in München gibt es nach Offmans Worten zu wenig "Miteinander, das notwendig wäre; es wird von einigen sogar blockiert".

Natürlich gebe es Antisemitismus bei Moslems, aber der sei ebenso zu überwinden wie die teilweise "irrsinnige Islamophobie" unter politischen Rechten in München. Islamisch bedingte antisemitische Straftaten gebe es in München nicht. Dafür aber fünf Mal im Jahr einen "runden Tisch Islam", dessen Islam-Vertreter sich zuletzt klar gegen jeden islamisch bedingten Antisemitismus gewandt hätten. "Ich bin stolz, dass das Statement gelungen ist", sagt Offman und setzt auch auf die Arbeit in Schulen und Kindergärten für ein diskriminierungsfreies und friedliches Miteinander.

Mit auf dem Podium sitzen auch Ozan Z. Keskinkılıç und Armin Langer von der Berliner Salaam-Schalom-Initiative. Ihre Botschaft: Ehe sich Juden und Moslems hierzulande vom schier unlösbaren Nahost-Konflikt zwischen Israel und Palästina aufeinander hetzen lassen, sollten sie lieber gewärtigen, dass man es hierzulande mit vielen anderen Ungerechtigkeiten zu tun habe - etwa den ungerechten Vorurteilen, mit denen Juden wie auch Moslems konfrontiert seien. "Deutschland hat seine Lektion nicht gelernt; es reicht nicht, dass man da von einem ,dunklen Kapitel' in den Geschichtsbüchern schreibt", sagt der Berliner Rassismusforscher und Politologe Keskinkılıç. Rassismus sei noch immer deutlich vorhanden - und auf dem Sprung in die Parlamente, ergänzt Offman sorgenvoll. Armin Langer, Mitgründer von Salaam-Schalom-Berlin, verweist auf Umfragen, denen zufolge nur 26 Prozent der Deutschen glaubten, "dass Muslime Deutsche sein können". Nur 46 Prozent der Deutschen glaubten, dass Juden Deutsche sein könnten. Diese Vorbehalte gingen an der Bevölkerungsrealität weit vorbei und negierten, dass "Multikulturalismus bereits Realität ist". Offman pflichtet ein wenig bedröppelt bei: "Der Tenor in der Politik und auch in meiner Partei ist da nicht immer optimal". Er wird sogar noch deutlicher. Dass sein Parteivorsitzender öffentlich den Satz sagte, "der Islam gehört nicht zu Deutschland", bedauert er. "Ich finde allein schon die Frage obsolet: Menschen islamischen Glaubens, die hier leben, sind Deutsche!" Seehofers Statement sei in der CSU-Stadtratsfraktion in München "mit Ausnahme eines Kollegen" absolut nicht mehrheitsfähig. Da sei so ein Dialog wie im MFI hilfreicher. "Diese ganz, ganz zarte Pflanze müssen wir in höchstem Maße pflegen und gießen", sagt Offman.