München Frühwerke unter dem Hammer

Seit 25 Jahren versteigert der Akademieverein Arbeiten von Kunst-Studenten. Längst steht die Auktion bei Sammlern, Galeristen und Einsteigern hoch im Kurs

Von Jutta Czeguhn

Kunst kann eine schwere Last sein. Camill von Egloffstein schleppt sein mannshohes Gemälde durch die Tür. Es ist der Einlieferungstag für die Auktion in der Akademie der Bildenden Künste München. Das Auditorium im Neubau füllt sich mit Leinwänden, Fotoarbeiten, Zeichnungen, Skulpturen. Am Montagabend, 9. November, soll vieles davon unter den Hammer kommen. Routiniert aufgerufen und mit zäher Unwiderstehlichkeit angepriesen von den beiden Münchner Galeristen Rupert Walser und Bernhard Wittenbrink.

Seit 25 Jahren lässt der Akademieverein Frühwerke versteigern. Im Lichthof des Foyers unter den Blechtunneln und Pfeilern, die die Architekten von Coop Himmelb(l)au wie Mikadostäbchen zwischen die Sichtbetonwände gesteckt haben, werden zur Jubiläumsauktion viele Bieter erwartet: Einsteiger, die abgesehen von Museumstickets noch nie Geld für Kunst ausgegeben haben. Und Sammler-Routiniers mit Trüffelschwein-Instinkt. Vielleicht ist unter den jungen Künstlern ja der Star von morgen, dessen Marktwert demnächst durch die Decke schießt?

Camill von Egloffstein stellt sein Bild ab, das an ein mittelalterliches Codex-Blatt erinnert; Ornamente, ein Totenschädel mit Heiligenschein, daneben ein zerlaufenes Comic-Sprechblasen-Statement: "Well done". Der Student aus der Klasse von Jorinde Voigt begibt sich zur Registriertheke und buchstabiert dort seinen Namen. Das Team an den Computern gleicht ihn ab mit der Online-Anmeldung. Von Egloffstein füllt ein Formular aus und hinterlässt, was ganz wichtig ist, seine Bankverbindung. Das Werk erhält eine Nummer.

Student Camill von Egloffstein (Mitte) mit seinem Werk "Seelenwaage" in der Akademie der Bildenden Künste,.

(Foto: Catherina Hess)

"Wir haben 230 Anmeldungen, hinzu kommen Arbeiten, die Professoren und Lehrende als Spende in die Auktion geben", sagt Monika Renner. Sie zählt ein paar Namen auf, die Sammler hellhörig machen werden: Gregor Hildebrandt, Pia Fries, Karen Pontoppidan, Iska Jehl oder Martin Fenge. Der Fotograf gibt ein ziemlich schräges Blümchenbild in die Offerte. Monika Renner, zierlich, graue Kurzhaarfrisur, ist seit Juli Vorsitzende des Akademievereins. Neugierig begutachtet sie, was an Kunst durch die Tür kommt. Auch ihre Vorgängerin Gile Haindl-Steiner schaut an diesem Anmeldetag in der Akademie vorbei. Sie war es, die 1990 die Idee zu einer jährlichen Auktion an der Hochschule hatte. Am Prozedere hat sich in all den Jahren kaum etwas verändert, abgesehen davon, dass die Käufer am Kassiertisch keine Geldbündel mehr aus der Jackentasche ziehen müssen, sondern heute in ein EC-Cash-Gerät tippen können. Und dass die Lose, Mindeststartpreis 100 Euro, für deutlich mehr Geld den Besitzer wechseln. 4000 Euro und mehr werden schon mal für die Studentenkunst gezahlt.

60 bis 80 Prozent des Erlöses bekommt jeweils der Künstler. Den Rest der Summe behält der Akademieverein und finanziert damit seine Studentenprojekte. Im vergangenen Jahr waren das nach Abzug aller Unkosten immerhin 23 000 Euro für die Vereinskasse. "Noch jede Versteigerung hat Abenteuer, Glücksfälle und Schwierigkeiten geboten", erzählt Gile Haindl-Steiner. Aber berechenbar sei ja eh nichts. Manche Werke würden "viel zu billig unter den Tisch rutschen". Andere Arbeiten hat sie zu ihrem Erstaunen abheben sehen in ungeahnte Preishöhen. Oft musste Gile Haindl-Steiner in solchen Momenten bei sich denken: "Donnerwetter, mein lieber junger Künstler, glaub' jetzt nur nicht, dass das so weiter geht."

Vor der Anmeldetheke hat sich nun eine Schlange gebildet, immer mehr Kunstwerke werden angeliefert. Das Empfangsteam arbeitet sorgsam und ohne Hektik, braucht aber einen Koffeinschub. Jemand muss hinüber in den Altbau eilen und ein paar Becher holen. Die Cafeteria im Neubau hat dicht gemacht. "Eine mitteldeutsche Katastrophe!", seufzt Gile Haindl-Steiner im Hinblick auf den Auktionsabend. Irgendwie aber hat man das Gefühl, dass die Veranstalter auch dafür eine Lösung finden werden. Sie sind Improvisationsmeister, mussten mit der Auktion umbaubedingt schon mal ins Haus der Kunst oder ins Völkerkundemuseum ausweichen.

Monika Renner, die neue Vereinsvorsitzende, hofft auf viele Bieter.

(Foto: Catherina Hess)

Jinsil Lee hat noch nie Kunst verkauft. Flinke Finger in weißen Handschuhen entfernen sorgsam Transportkarton und Luftpolsterfolien, die die Fotomontage der Studentin aus Südkorea schützen. Das Bild zeigt einen Mann zwischen Bücherregalen. 500 Euro, sagt Lee nach einigem Zögern, würde sie schon gerne haben für diese Arbeit. Ihre Chance ergreifen und einen Käufer finden will auch Mathilde Rossignoli. Ein nackter, tanzender Frauenkörper ist auf dem Gemälde zu sehen, das sie vorbeigebracht hat. Die 22-Jährige studiert im ersten Semester an der Akademie. "In München gibt es für Künstler viele Möglichkeiten, deswegen bin ich hierher gekommen", sagt die junge Mailänderin.

Monika Renner steht neben Mathilde und lächelt. München, die Kunstmetropole, die junge Leute aus aller Welt anzieht. Für sie muss sich das ein wenig wie ein Kompliment anhören. 24 Jahre war Renner Mitglied für die SPD im Münchner Stadtrat und saß dort im Kulturausschuss. Auch zwei Jahre nach ihrem Ausscheiden aus dem Gremium sagt Renner immer noch "wir", wenn sie über die Kulturpolitik der Stadt spricht, über Förderprogramme, Zuschüsse, Stipendien. "Ich bin ein politischer Mensch", beschreibt sich die 67-Jährige selbst. Für sie misst sich der Zustand einer Gesellschaft am Umgang mit den Künstlern. In ihrer neuen Funktion als Vorsitzende des Akademievereins will sie, die erfahrene Netzwerkerin, nun "Klammer sein" zwischen der Kommune und der Akademie. Etwas tun für die vielen Kreativen, die es in dieser verteufelt teuren Stadt, bei allen Chancen, oft elendsschwer haben. So vergibt auch der Akademieverein, 1983 gegründet, Stipendien, fördert Projekte oder kann einige Atelierplätze im Westend zur Verfügung stellen.

Kennt dich keiner, will dich keiner. Nur etwa fünf Prozent aller bildenden Künstler in Deutschland können von ihrer Arbeit leben. Der Handel mit moderner Kunst boomt und hat sich zu einem milliardenschweren Markt entwickelt. Irgendwo auf der Skala zwischen diesen Polen werden sie sich als Kreative bewegen, das wissen auch die Akademie-Studenten. Sabine Franczuszki gehört mit 31 Jahren zu den Älteren. Vor zwei Jahren hat sie einen Sohn bekommen und deshalb ihr Studium unterbrochen. "Klar ist es mein Traum, von meiner Kunst zu leben, aber wenn es nicht klappt, mach' ich etwas anderes", sagt sie. Seit sie ihr Kind habe, sehe sie die Dinge entspannter.

Im Lichthof des Neubaus findet am Montag, 9. November, die Jubiläumsauktion des Akademievereins statt.

(Foto: Catherina Hess)

Vorerst aber hofft auch Sabine Franczuszki, dass ihr Bild in die Auktion aufgenommen wird. Denn auch das gehört zu den Statuten: Mehr als die Hälfte der angelieferten Arbeiten wird von einer Jury aus Lehrenden und Akademievereinsmitgliedern aussortiert. Die Versteigerung könne nun mal nicht ewig dauern, entschuldigt das Monika Renner. Irgendwann würden beim Publikum Ermüdungserscheinungen eintreten. "Es liegt in der Natur der Sache, dass man die Ablehnung als ungerecht empfindet, aber auch das ist eine Erfahrung, die ein Künstler immer wieder machen wird", glaubt Renner, als man sie nach der Gegenauktion fragt, die Studenten veranstaltet haben. Doch da kommt Widerspruch. Judith Neuhaeuserer, Südtiroler Studentin, zehntes Semester, will das so nicht stehen lassen. Es gehe nicht um Frust der Aussortierten, sondern um ein "Statement, dass Kunst nicht immer nur schön im Rahmen und clean ist". Was zur Auktion komme, sei willkürlich und nicht repräsentativ für das, was an der Akademie stattfinde. Performance oder Videoarbeiten etwa kämen bei der Versteigerung ja nie vor. Aber auch Judith Neuhaeuserer spielt das Spiel mit. Sie bewirbt sich für die Auktion mit einem Kleinformat, das potenzielle Käufer - anders als Camill von Egloffsteins Großleinwand - bequem in die Tasche stecken könnten.

Auktion am Montag, 9. November, 18.30 Uhr, Akademie der Bildenden Künste, Lichthof im Erweiterungsbau, Akademiestraße 4, Vorbesichtigungen Samstag, Sonntag und Montag, 7., 8. und 9. November, jeweils von 11 bis 18 Uhr, Infos und Katalog unter www.akademieverein.de/auktion.