München Flüchtlinge bauen Foodtruck-Unternehmen auf

Auf einem Workshop erarbeiteten Flüchtlinge zusammen mit Studenten Konzepte für verschiedene Unternehmensideen.

(Foto: Social Entrepreneurship Akademie)

Bei "RefugEAT" kochen sie traditionelle Speisen aus ihrer Heimat. Ein Problem ist allerdings die fehlende Arbeitserlaubnis vieler Asylbewerber.

Von Eva Casper

Das erste Problem beginnt beim Essen. Im Flüchtlingsheim können sie nicht kochen, sagt Ahmed Mohamed Lavah. Und in der Kantine gäbe es immer das Gleiche und auch nur in festen Rationen. Was genau es da gibt, kann der 21-Jährige nicht sagen. Er kennt die Namen von deutschen Gerichten noch nicht. Nur die Zutaten: Kartoffeln, Karotten und Fisch zum Beispiel. "Man isst halt, um satt zu werden." Mit Genuss habe das wenig zu tun.

Das zweite Problem ist die Langeweile. Lavah aus Somalia ist seit drei Monaten in Deutschland. Samim Akbari, 25, aus Afghanistan seit knapp fünf Monaten. Ihre Asylanträge werden noch bearbeitet, einstweilen dürfen sie nicht arbeiten.

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Für beide Probleme haben sie auf einem Workshop der Social Entrepreneurship Akademie in München gemeinsam mit den Studentinnen Kaya Dreesbeimdiek und Corinna Hammerstingl eine Lösung erarbeitet: "RefugEAT" - Ein Foodtruck-Unternehmen, bei dem Flüchtlinge traditionelle Speisen aus ihrer Heimat kochen sollen. Mittags für Unternehmen, um Geld einzunehmen. Abends für andere Flüchtlinge, damit diese Abwechslung vom Kantinenessen haben.

Das Foodtruck-Unternehmen soll nicht von Spendern abhängig sein

16 Flüchtlinge und sechs Studenten hatten an diesem zweitägigen Workshop Anfang November teilgenommen. In gemischten Gruppen erarbeiteten sie insgesamt fünf Konzepte für Sozialunternehmen. Unternehmen also, deren hauptsächliches Ziel nicht die Gewinnmaximierung, sondern die Lösung eines gesellschaftlichen Problems ist. Ein Beispiel hierfür ist die Kiron Universität, die es Flüchtlingen auch ohne Ausweisdokumente ermöglicht, ein Studium zu beginnen.

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Anders als die Kiron Universität soll sich das Foodtruck-Unternehmen aber selbst tragen und nicht von Spendern abhängig sein. Das war auch Oliver Beckmann, Leiter der Social Entrepreneurship Akademie, wichtig. Und mit dem "RefugEAT"-Konzept überzeugten Lavah, Akbari, Dreesbeimbiek und Hammerstingl auch die anderen Workshopteilnehmer. Sie wählten die Idee zum Sieger.

"Kreativ sein lernt man nicht. Man tut es einfach. Das kann jeder."

Seit 2010 unterstützt die Social Entrepreneurship Akademie weltweit junge Menschen dabei, eigene Sozialunternehmen aufzubauen. Gegründet wurde sie von vier Münchner Hochschulen, der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU), der Technischen Universität (TU), der Hochschule München und der Universität der Bundeswehr. Die Idee, den Workshop auch für Flüchtlinge anzubieten, kam Oliver Beckmann im September, als Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in der Flüchtlingsdebatte verkündete: "Wir schaffen das!" "Da dachte ich: Ja, wir schaffen das. Aber wie?"

Der Workshop soll Flüchtlinge nicht nur dazu befähigen sich eine eigene Existenz aufzubauen. Die Unternehmensziele sollen auch dazu dienen, die Situation anderer Flüchtlinge zu verbessern. Ein anderes Team hatte beispielsweise die Idee, ein Netzwerk zu gründen, bei dem Flüchtlinge sich gegenseitig unterrichten. Ein weiteres Konzept will Drohnen nutzen, um Flüchtlinge auf hoher See mit Hilfsmitteln zu versorgen. Flüchtlinge helfen also Flüchtlingen. "Es gibt viele Start-ups, die sich mit der Flüchtlingshilfe beschäftigen", sagt Beckmann. "Aber sie werden von den Einheimischen entwickelt und nicht von den Flüchtlingen selbst."

Um das zu ändern, besuchten Beckmann und sein Team Flüchtlingsunterkünfte in München und stellten ihre Idee vor. Teilnahmevoraussetzung waren gute Englischkenntnisse und Studienerfahrung oder zumindest die Voraussetzung für ein Studium. Lavah hat BWL studiert, Akbari hat in Masar-e Scharif als Ingenieur gearbeitet. Studierende der Münchner Hochschulen sollen die Flüchtlinge bei ihrem Unternehmensplan unterstützen.

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Zum Beispiel um Verträge zu unterschreiben, wenn die Flüchtlinge das aufgrund ihres Aufenthaltsstatus nicht dürfen. Dreesbeimdiek studiert Business Administration an der LMU. Die Arbeit mit den Flüchtlingen sei im Grunde auch nicht anders gewesen als an ihrer Uni, sagt sie. Dabei hatten einige von Beckmanns Kollegen Bedenken: "Die meinten, so ein Workshop sei vielleicht zu viel für die Flüchtlinge. Wegen ihrer traumatischen Erfahrungen." Dabei helfe es ihnen doch am meisten, wenn man sie schnell in die Gesellschaft aufnimmt. Und das sei am besten durch Arbeit zu schaffen, so Beckmann. "Kreativ sein lernt man nicht. Man tut es einfach. Das kann jeder."

Knackpunkt ist noch die fehlende Arbeitserlaubnis

Vom Konzept "RefugEAT" ist er überzeugt: "Foodtrucks sind gerade enorm populär. Und originale Nationalgerichte aus anderen Ländern würden bei den Unternehmen gut ankommen." Im nächsten Schritt sollen der Geschäftsplan ausgearbeitet und Kooperationspartner gesucht werden. Ein Knackpunkt ist auch noch die fehlende Arbeitserlaubnis vieler Flüchtlinge. Essen kochen und verkaufen dürfen sie dann nämlich nicht. Eine konkrete Lösung dafür gibt es noch nicht.

"RefugEAT" will sie aber in jedem Fall in das Unternehmen einbinden: "Wenn es gar nicht anders geht, sollen sie wenigstens Rezepte beisteuern und Interessierten unsere Arbeit erklären", so Hammerstingl. Beckmann hofft, den Workshop wiederholen zu können. "Dafür brauchen wir aber noch Partner. Im Moment reichen unsere Kapazitäten nicht." Er denkt dabei vor allem an die Bundesarbeitsagentur. Und auch wenn nicht alle Start-ups erfolgreich sein sollten, schaffe die Initiative gute Möglichkeiten, um Flüchtlinge an Unternehmen weiter zu vermitteln, die fähige und kreative Mitarbeiter brauchen, so Beckmann.

Das "RefugEAT"-Team will auf jeden Fall an seinem Plan weiterarbeiten. Er selbst könne leider nicht so gut kochen, sagt Lavah. Akbari schon: "Am liebsten mache ich Qabuli Palaw." Ein traditionelles afghanisches Gericht mit Reis, Karotten und Rosinen. Vielleicht kann er es bald schon in seinem eigenen Foodtruck kochen und verkaufen.