München Ein Keks zum Billett

15 Quadratmeter, 15 Zuschauer: Die Schauspielerin Theresa Hanich leitet mit dem "Mathilde Westend" die wohl kleinste Bühne in München. Das Theater hat sie nach ihrer Großmutter benannt, die im Residenztheater gespielt hat

Von Stefanie Schwetz

Mit zwei Pappbechern Kaffee in den Händen steuert Theresa Hanich auf das kleine Ladenlokal im Westend zu. Sie tut das mit festem Schritt und einer Leichtigkeit, die vielleicht jenen Menschen zu eigen ist, die mit sich selbst im Reinen sind. Gerade mal 1,65 Meter groß ist die junge Schauspielerin mit dem dunkelblonden, mittellangen Haar, die in den circa 15 Quadratmeter kleinen Räumlichkeiten an der Gollierstraße seit einem knappen Jahr das "womöglich kleinste Theater Münchens" betreibt.

Theresa Hanich war im Grunde Schauspielerin, seit sie im Alter von fünf, sechs Jahren erstmals abseits des heimischen Wohnzimmers in Laim kleine Bühnenauftritte im benachbarten Gemeindesaal hatte. Schon damals haben die Zuschauer gesagt: "Mei, die Resa die wird mal Schauspielerin." Später war sie dann in der Theatergruppe des Ludwigsgymnasiums, probierte sich mit anderen jungen Leuten in den Schauspielgruppen des gemeinnützigen Münchner Vereins "Theaterspielhaus" aus. "In der elften Klasse stand ich total schlecht in der Schule", erinnert sich Theresa Hanich. "Da wollte ich alles hinschmeißen, weil ich wusste, ich werde ja sowieso Schauspielerin."

Sie hat es dann nicht getan und nach dem Abitur alibimäßig drei Semester Politikwissenschaft, Kunstgeschichte und Theaterwissenschaft studiert. Nicht dass sie die Fächer nicht interessiert hätten, aber hauptsächlich habe sie sich in der Zeit für alle möglichen Schauspielschulen beworben: immer wieder proben, immer wieder vorsprechen, immer wieder abgelehnt werden. "Das war schlimm", sagt sie. Dabei wäre sie überall hingegangen. Gelandet ist sie dann an der Neuen Münchner Schauspielschule, einer Privatschule. "Ich wollte nie auf eine private Schule", erzählt Theresa Hanich. Aber komischerweise habe sie sich da sofort wohlgefühlt, schon beim Vorsprechen. Was das Renommée der verschiedenen Ausbildungsstätten angeht - mit solchem Konkurrenzdenken mag sich Theresa Hanich gar nicht mehr auseinandersetzen. "Ich kenne auch gute Schauspieler, die auf gar keiner Schule waren", sagt sie. Für sie persönlich sei es einfach wichtig, zu dem zu stehen, was sie als Schauspielerin geben könne - sei es nun das Talent oder das in der Ausbildung Erworbene.

Andere hatten gar nicht erst die Möglichkeit, wie zum Beispiel ihre Mutter, die mit 21 Jahren, einen Gehirntumor entfernt bekam. Sie bekam dann mit 24 Jahren ihr erstes Kind, drei weitere folgten. Den Traum von der Schauspielerei hat sie nie verwirklicht. Auch bei der Oma lief es nicht so rund. Die hatte zwar Schauspielunterricht bei einem Mimen vom Residenztheater, wo sie seinerzeit ein paar kleine Rollen spielte, und erlangte ihre Bühnenreife 1944 in Wien. Aber nach dem Krieg gab es andere Dinge zu tun, als sich der Schauspielerei zu widmen. Oma Mathilde ist auch die Namensgeberin für das kleine Theater an der Gollierstraße. Im vergangenen Jahr ist sie gestorben. Kurz darauf hat Theresa Hanich das "Mathilde Westend" eröffnet.

Wenn die junge Frau ihr Theater betritt, wie zuletzt in dem Stück "Liebesbeweis", das nun wieder auf dem Programm steht, dann versteht sie es, diesen Spielraum vollkommen auszufüllen, einfach nur durch ihre Anwesenheit. Als würde sie von der ungenutzten Energie ihrer Mutter und Großmutter gleich mitversorgt. Und tatsächlich hat ihre ganze Erscheinung etwas Zeitloses, der blau-weiß-gemusterte Rock unter schlanker Taille, der bei jedem Schritt wippt, die dunkelblauen Lackschuhe, die feine, blaue Cashmere-Strickjacke.

Laut Steckbrief kann Theresa Hanich fechten, reiten, tanzen, singen, Klavier spielen - alles solides Handwerk. Aber das ist nicht das, was sie schauspielerisch so vielseitig macht. Zuletzt trat sie im Fernsehen gleich dreimal in unterschiedlichen Rollen als Polizistin auf. Da könne man nicht einfach immer auf den gleichen Typ setzen, sondern müsse der Frau eine jeweils andere Persönlichkeit geben durch die Körperhaltung, durch die Art, wie sie geht. Bei der Schauspielerei gehe es doch darum, authentisch zu sein, dass der Zuschauer nicht merkt, dass man eine Rolle spielt.

Theresa Hanich gehört zu jener Sorte Schauspieler, die man auf der Straße nicht auf Anhieb wiedererkennt, weil sie derart in der Rolle verschwinden, dass eine ganz andere Person zum Vorschein kommt. "In jedem Menschen kann etwas stecken, was man nicht erwartet." Das seien Dinge, die müsse man aus sich rauskitzeln. Sie möchte sich nicht nur auf eine Schiene festlegen. "Ich mag lieber mehrgleisig fahren", sagt sie. Das tut sie zweifellos. Sie macht Filme, Fernsehen, Theater, ist oft auf Tournee. Zum Jungen Schauspielensemble München gehört sie, zum Theater Plan B und nun macht sie das "Mathilde Westend".

Dieses Projekt hat für Theresa Hanich eine künstlerische Lücke geschlossen, als sich 2014 die Theatergruppe "Stückwerk", die sie mitgegründet hatte, auflöste. Seit 2010 hatten die fünf Schauspieler des Ensembles zusammen gespielt, hatten gemeinsam Stücke entwickelt, die ihnen auch politisch am Herzen lagen, waren auf Tournee gegangen, auf Kleinstadtbühnen aufgetreten und in Schulen.

Am Ende hat es nicht gereicht, um auf dem Markt zu bestehen. "Diese Erfahrung war wie Liebeskummer", gesteht Theresa Hanich. Das lernt man auf keiner Schauspielschule. Hanich hat dann den ursprünglich als Büro fürs "Stückwerk" angemieteten Raum im Westend übernommen. "Ich bin ja noch jung", hat sich die 32-Jährige gedacht, "ich kann das ruhig mal wagen." Das "Mathilde Westend" ist nun eine Insel für sie, ein Refugium, wo sie Projekte realisiert, die ihr am Herzen liegen. Im November bringt sie dort mit ihrer Freundin und Schauspielkollegin Julia Loibl ein Programm mit Texten von Dorothy Parker auf die Bühne.

15 Personen passen in das kleine Theater. "Man sieht auf allen Plätzen gut", sagt die Freundin, die vor der Vorstellung Eintritt kassiert und Getränke ausschenkt. "Wenn Sie einen Keks wollen - selbst gebacken." Drei Stuhlreihen, ein Hochbett über einem Toilettenraum und eine weiß gestrichene Holzbühne, die in weiträumigeren Wohnverhältnissen auch als Sideboard durchgehen könnte. Im Notfall könnte man hier sogar wohnen. Aber keine Sorge. "Irgendwie weiß ich, dass ich immer über die Runden komme", sagt Theresa Hanich. Außerdem sei das eine Typ-Frage, mit kurzweiligen Arbeitsverhältnissen sein Geld zu verdienen. Natürlich würde sie auch an einem Staatstheater spielen. Aber es ist nicht so, dass sie das für ihr Selbstverständnis als Schauspielerin unbedingt braucht.

Nach den letzten Dreharbeiten ist jetzt erst mal wieder das "Mathilde Westend" an der Reihe. Allein die positive Resonanz aus dem Viertel aber auch von Freunden, die noch mal viel kritischer sind, beflügelt Theresa Hanich. Allerdings fragt man sich, wie diese ambitionierte junge Frau bei ihrem umtriebigen Lebenswandel noch die Bodenhaftung behält. Vielleicht ist es der Halt der Familie, der Eltern, der Geschwister. Vielleicht auch das unaufgeregte Viertel, in dem sie aufgewachsen ist. "Bei uns in Laim gab es schon immer viele Migranten, aber mich hat das immer bereichert." Und wahrscheinlich ist es auch Theresa Hanichs geradlinige Offenheit gegenüber der Kunst und dem Leben, das zuweilen ganz anders laufen kann.

Nächste Vorstellungen: 29., 30., 31. Oktober, 20 Uhr; 1. und 22. November, 18.30 Uhr; 23. November, 20 Uhr. Infos: www.mathilde-westend.de