München Die Kunst der Integration

Über das ganze Stadtgebiet verteilt bieten Ehrenamtliche Kreativ-Workshops für Flüchtlinge an. Die Macher sind überzeugt davon, dass sich auf diese Weise fremde Welten füreinander öffnen können

Von Sabine Oberpriller

In Karims Zimmer hängen selbst gemachte Fotos an der Wand. Sie sind in einem Workshop von Natalia Zemliak entstanden, den sie im Alveni-Jugendhaus im Münchner Nordwesten leitet. Dahinter steckt die Idee der Studentin, gemeinsam mit dem Fotografen Marian Mok einen Treffpunkt, eine Begegnung zu schaffen, die es ermöglichen, Dinge fassbar zu machen, auch unaussprechliche. "Ich wollte mich für Flüchtlinge engagieren", sagt sie, "weil ich gesehen habe, dass an sie keiner denkt".

Zemliak organisiert damit eines von vielen ehrenamtlichen Kunst- beziehungsweise Kulturprojekten in München für Flüchtlinge. Im Grunde geht es allen Engagierten darum, mit Hilfe der Kunst die unterschiedlichen Welten füreinander zu öffnen. Wie stark diese Bewegung ist, zeigte sich erst vor wenigen Tagen im Alten Münchner Rathaus, als Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) 600 Bürger eingeladen hatte, die sich für Flüchtlinge in der Stadt engagieren. Menschen, die Aufgaben übernehmen, die Behörden nicht lösen und Sozialdienste nicht alleine stemmen können.

Im SPD-Bürgerbüro in Pasing ist regelmäßig zu sehen, was Kunst in dem Bereich hervorzubringen vermag. Irmela Strohhacker, pensionierte Kinderärztin und Malerin aus Leidenschaft, steht an diesem Tag vor einem dunkelblauen Monster, das sich wie eine Wolke über das Zeichenpapier ausbreitet. Gemalt hat das Bild Khalil (Name geändert). Der Sechsjährige ist vergangenen Herbst mit seinem Bruder und seinen Eltern aus Syrien geflohen. Strohhacker betreut eine Malgruppe für Kinder in der Gemeinschaftsunterkunft Landsberger Straße. Sie erzählt, wie sich Khalil aus seinem Kriegstrauma herausgewunden hat. Da ist das Bild, das Khalil zeigt, wie er sich in einem Haus versteckt und gegen bewaffnete Milizen wehrt. Alles ist dunkel gemalt. Eine bedrückende Szene. Dennoch muss Strohhacker lachen. "Gerade, als wir über sein Bild gesprochen haben, ist Maika herein gekommen", erzählt sie. "Ein Power-Mädchen, das alle Jungs toll finden." Khalil hat das Mädchen in seinem Bild dazu gemalt. In Orange und Gelb. Ein Lichtstrahl.

Sich selbst eine Stimme, einen Sound geben. Darum geht's beim Musikprojekt "Poetricks".

(Foto: Julian Momboisse/oh)

Drei Monate hat es gedauert, bis Khalil einfach eine grüne, bunte Blumenwiese aufs Papier gebracht hat. "Es gab aber auch Zeiten, da starrte er beim Malen, ohne sich zu rühren, minutenlang auf das halbfertige Bild", sagt Strohhacker. Oder er sei kaum zu beruhigen gewesen, jähzornig. Er wurde zu den Therapeuten bei der Beratungsstelle Refugio geschickt, war aber nur ein paar Mal dort. "Khalil schwimmt nicht mit der Masse, er ist eigenwillig, manchmal eher aggressiv, aber auch sehr nachdenklich", sagt Strohhacker. "Weil er soviel aufnimmt, hat er den Krieg so intensiv erlebt." Diese Ausbrüche sind für Irmela Strohhacker nie ein Grund, ein Kind aufzugeben. Man müsse ihnen Strukturen geben und einen Ruheraum, man müsse genau zuhören und respektieren, in welcher Verfassung sie gerade seien, sagt sie.

Margit Papamokos hat sich vor 20 Jahren als eine der ersten mit Kunst in Flüchtlingsunterkünften engagiert. Heute betreut sie die Kunstwerkstatt beim Flüchtlingsverein Refugio und ist Mitbegründerin des Integrationsvereins Icoya. "Jeder ist latent kreativ", sagt sie. "Kreativität hilft, Grenzen zu überwinden." Und an Grenzen stoßen Flüchtlinge immer wieder. Das offene Asylverfahren und die Ungewissheit, wo es hingeht. Die bedrängende Lage in den Unterkünften und das in der Heimat und auf der Flucht Erlebte - das seien die Befindlichkeiten, mit denen die Leute in die Workshops kämen, erklärt Papamokos. Häufig reicht dann eine Kleinigkeit, um alles zum Einsturz oder zur Explosion zu bringen. "Aber gerade diese Kinder und Jugendlichen versuchen wir reinzuziehen", sagt die Betreuerin. "Denn gerade die brauchen das ja." Soziale Spannungen, auch Rassismus, fänden sich durchaus in Flüchtlingsunterkünften, selbst wenn direkt verfeindete Nationen nicht unter einem Dach zusammengebracht würden. Gerade die Kinder müssten einen kulturellen Spagat leisten - zwischen der Weltanschauung ihrer Eltern, der Schule, der Gesellschaft und der Unterkunft.

"Uns ist bewusst, dass Flüchtlinge enorme Defizite im schulischen und seelischen Bereich mitbringen", räumt Margit Papamokos ein. "Aber sie haben auch ganz starke Ressourcen. Auf der Flucht haben sie mehrere Kulturen und Sprachen kennengelernt und sind Überlebenskünstler." Ein in Deutschland aufgewachsener Jugendlicher, der all das nicht erfahren hat, zeichne sich dafür durch eine gute schulische Bildung aus. "Für beide ist es eine große Bereicherung, wenn sie sich austauschen", sagt Papamokos. "Kunst ist dafür ein geniales Vermittlungsmedium."

In der Mohr-Villa treffen sich Flüchtlinge regelmäßig zum Malen in der Kunstwerkstatt.

(Foto: Florian Peljak)

"Namanalen, namanala ya", das ist Babou Bojangs Stimme auf dem Take. Die Bässe des Liedes drücken gegen die Wände des Nebenraums im Eine-Welt-Haus. Es ist ein vielschichtiges Stück mit Rhythmuswechseln, Chorstimmen überlagern gerappte Passagen, Deutsch, Englisch ist zu hören, und immer wieder Babou Bojangs Melodie. Er singt auf Wollof, einer namibischen Sprache. "Ich vermisse euch", heißt es übersetzt. "Ich vermisse dich, Mama." Babou Bojang steht da, lauscht seinem Werk und schaut ins Leere. Als das Lied aus ist, schweigt die ganze Runde, die vorher noch über Kekse hergefallen ist und gescherzt hat, für einen langen Moment.

Seit drei Jahren gibt es die Poetricks beim Integrationsverein Icoya. Unter Anleitung von Musiktherapeutin Doris Kohlenberger und Tonstudio-Betreiber Patrick Marisch komponieren und schreiben die Jugendlichen ihre Songs selbst. Gruppenleiterin Doris Kohlenberger hat einen Anspruch an das Niveau der Gruppe. Anfangs sei sie immer mit der Haltung konfrontiert worden: "Ach, singen können diese Flüchtlinge auch ein bisschen." Aber Kohlenberger wollte etwas Richtiges, etwas Großes. Etwas, das den Jugendlichen Kraft gibt. Afghanen, Iraker, Namibier, Franzosen sind dabei, ein Bayer. Sie sind gemeinsam aufgewachsen, unterstützen sich gegenseitig mit ihren Stimmen in den Liedern, mit der Sprache, im Alltag. "Die Poetricks sind meine kleine Familie", sagt Babou Bojang, der mittlerweile 24 Jahre alt und Bauzeichner ist.

Auch für Erwachsene gibt es kreative Angebote. Einmal im Monat malt und zeichnet Elena Deidenbach mit ihnen in der Freimanner Mohr-Villa. Zunächst sitzen die Teilnehmer, die meisten aus der Gemeinschaftsunterkunft in der Bayernkaserne, um einen Tisch und pinseln. Jeder beginnt ein Bild, reicht es nach einer gewissen Zeit weiter, erhält seinerseits das seines Nachbarn. Es ergibt sich eine Art Mandala aus vielen Einzelbildern, jedes ein anderes Motiv, und doch ähneln sich viele. "Sie bedanken sich", sagt Elena Deidenbach. "Es sei ihr erster schöner Tag seit undenkbaren Zeiten gewesen, sagen sie." Dann müssen sie zurück ins Lager.