München Der flüssige Strich

Die Malerin Brigitte Yoshiko Pruchnow hat für ihre Kunst viel aufgesogen aus der Kultur ihrer japanischen Mutter

Von Sonja Niesmann

Kendo hat Brigitte Yoshiko Pruchnow aufgegeben. Damals in Japan hat sie die moderne Variante des traditionellen Schwertkampfes nur mit ihresgleichen, also Frauen trainiert. Hier in Deutschland sind das gemischte Gruppen, und wenn so ein 1,90-Meter-Kerl ihr das Holzschwert zu undiszipliniert auf den Kopf drischt, "dann geh' ich zu Boden", lacht die zierliche Frau. Pruchnow, Tochter eines Deutschen und einer Japanerin, ist nach dem Abitur erst einmal aufgebrochen in den Fernen Osten, um in die Kultur ihrer Mutter einzutauchen, nach diesem Strang ihrer Wurzeln zu graben. Sie hat dort nicht nur Kendo ausprobiert, sondern auch anständig Japanisch gelernt, sich mit Kalligrafie und chinesischer Tuschemalerei beschäftigt, bei den Zen-Mönchen im Kloster meditiert.

"Die Japaner sind ja ein sehr visuelles Volk - allein schon diese Schriftzeichen, aber auch die Mode, das Design, die Architektur find' ich ganz spannend; ich sauge da ganz viel auf." Auch wenn die "vogelfreie" Zeit in Japan schon lange hinter ihr liegt und der letzte Besuch auch schon eine Weile her ist, spielen diese Einrücke und Erfahrungen anhaltend in ihre Arbeit, das Malen, hinein. "Ich hab' zum Beispiel einen sehr flüssigen Strich, wie man ihn auch bei Tuschezeichnungen oder in der Kalligrafie braucht."

Auf den ersten, flüchtigen Blick erscheinen die Bilder der Neuhauserin vor allem fotorealistisch. Als Vorlage dient auch immer ein Foto, "und dann geh' ich auf Entdeckungsreise, guck' mir jeden Quadratzentimeter, jedes Pixel genau an". Licht und Schatten sind das Sujet, das Pruchnow in all ihren Bildern umkreist, die Reflexionen, die das Licht im Wasser, im Nebel, im Schnee, auf Metall, Glas oder anderen spiegelnden Oberflächen bis hin zum Teelöffel erzeugt. "Licht einfangen", wie sonst, heißt ihre aktuelle Ausstellung in der Neuhauser Stadtbibliothek. Auf der Leinwand beginnt die Verfremdung des fotografischen Motivs, manchmal bis fast ins Surrealistische hinein. Türkis- und lilafarbene Streifen lassen die Haut einer Schwimmerin unter Wasser fast neonfarben leuchten; Luftblasen segeln durchs Bild wie zartgliedrige, fremdartige Wasserwesen; die eine Straße säumenden Äcker wirken wie tiefdunkles, aufgewühltes Meer; Tropfen und Schlieren an Autoscheiben - alles verzerrt sich, verschmilzt, manchmal fast bis hin zum Abstrakten. Selbst in ihren jüngsten Bildern, Rückenansichten von Frauen, in denen sie sehr reduziert, ohne Hintergrund arbeitet, findet sich ihr Motiv - in den Glanzlichtern in einem kunstvoll geschlungenen Haarknoten.

Dass viele ihrer Gemälde komponiert sind wie eine eingefrorene Bewegung oder ein herangezoomter Ausschnitt, kommt nicht von ungefähr. Pruchnow hat auch eine filmische Ausbildung. Nach der Rückkehr aus Japan studierte sie Ende der 1980er Jahre/Anfang der 90er zunächst Japanologie, Philosophie und Kunstgeschichte in München und machte ihren Magister. Nebenbei arbeitete sie als Comiczeichnerin - "nein, keine japanischen Mangas", stellt sie klar, mit einer dieser lebhaften Gesten, mit denen sie ihre Erzählungen untermalt - und war Teil der Gruppe Comicstrich, in der auch Uli Oesterle und Christian Moser zeichneten. "Ich wollte auf jeden Fall etwas Gestalterisches machen." Einer Freundin zuliebe, die an der Münchner Hochschule für Film und Fernsehen studierte, übernahm sie dann eine Rolle in deren Abschlussfilm - und kam auf den Geschmack: Sie begann ein neues Studium an der HFF, Abteilung Dokumentarfilm. Das zog sich über elf Jahre, nicht nur weil sie zwischendurch ihr erstes Kind bekam und länger pausierte, sondern auch weil es "immens aufwendig ist", alles einzutüten für die einzelnen Filmprojekte, vom Drehbuch bis zur Finanzierung. Ihr in Thailand gedrehter Abschlussfilm "Perle" übrigens, sie muss selbst lachen, "spielt auch größtenteils unter Wasser".

"Die Japaner sind ja ein sehr visuelles Volk - allein schon diese Schriftzeichen." Brigitte Yoshiko Pruchnow, Tochter eines Deutschen und einer Japanerin.

(Foto: Florian Peljak)

Nach dem Abschluss an der HFF, kurz danach war auch ihr zweites Kind auf der Welt, versuchte Brigitte Yoshiko Pruchnow, beim Schreiben von Drehbüchern fürs Fernsehen Fuß zu fassen. Das hat nicht so geklappt, räumt sie ein, "die Marktlage damals war auch schwierig". Also wendete sich die heute 50-Jährige wieder dem Malen zu, etwas, das im Gegensatz zur Filmbranche "ohne diesen ganzen Apparat, wo man gefühlt 10 000 Leute mitziehen muss, Geld auftreiben muss", möglich ist. "Nur ich und die Leinwand.

Die Leinwand übrigens liegt, mangels Atelier, in der Küche der Altbauwohnung, in der sie mit Mann, Sohn, Tochter und Hund lebt, auf dem Boden. Pruchnow, die schon in Tokio, Mailand, London und Paris ausgestellt hat, kniet davor, auf einem Schaumstoffpolster. Größere Formate als ein auf 1,50 Meter sind nicht drin, denn mehr Platz ist da nicht zwischen Spüle, Esstisch und Tür zur Speisekammer. Aber passt schon, sagt sie fröhlich, das Licht durch die nach Norden ausgerichtete Balkontür ist gut und die flüssige Farbe - sie malt nur in Acryl - kann auf diese Weise nicht runtertropfen. "Ich bin total glücklich mit dem Malen. Das ist, als hätte ich eine Schleuse geöffnet, es strömt und strömt heraus."

"Licht einfangen", bis 4. Juli in der Stadtbibliothek Neuhausen, Nymphenburger Straße 171, geöffnet dienstags bis freitags 11 bis 19 Uhr, samstags 10 bis 15 Uhr. Drei Bilder von Brigitte Yoshiko Pruchnow sind auch in der Gemeinschaftsausstellung Beastiestylez & Friends im Feierwerk-Farbenladen, Hansastraße 31, zu sehen, die an diesem Samstag, 3. Juni eröffnet wird.