Müll Warum München so sauber ist

Im Morgengrauen laufen die Straßenkehrer mit ihren Besen über den Marienplatz.

(Foto: Stephan Rumpf)

Herumliegender Abfall? Nicht in der bayerischen Landeshauptstadt. Unterwegs mit denen, die dafür verantwortlich sind.

Reportage von Isabel Meixner

Die Heinzelmännchen kommen in der Nacht. Um vier Uhr, wenn der Rest der Stadt noch schläft, treffen sie sich tief unter der Erde nahe der Münchner Fußgängerzone. Hier, im dritten Untergeschoss eines Parkhauses, teilen sie die Innenstadt unter sich auf. Anschließend schwärmen die knapp 40 Männer aus, schweigsam, einige auf Kehrmaschinen sitzend, andere mit orangefarbenem Besen in der Hand. Ihre Mission: die Innenstadt vom Dreck befreien.

Wer durch München geht, dem fällt kaum Abfall auf. Die bayerische Landeshauptstadt ist eine der saubersten Städte in Deutschland. Das geht aus einem internen Großstädtevergleich des Instituts für Abfall, Abwasser und Infrastruktur-Management hervor. André Kraus, der Chef der Innenstadt-Kehrer, hat eine einfache Erklärung dafür: Die Stadt lässt sich ihre Sauberkeit etwas kosten. "Wenn woanders ein oder zwei Mitarbeiter für einen Bereich zuständig sind, sind es bei uns vier Personen." Insgesamt 450 Männer arbeiten für die Münchner Straßenreinigung.

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Vorarbeiter Serafino Leone ist seit 18 Jahren dabei, sein Stellvertreter Aldo Laino bereits 14 Jahre. Er ist in München aufgewachsen und hat eigentlich Einzelhandelskaufmann gelernt. Doch als das Hertie-Kaufhaus am Hauptbahnhof schloss und das erste Kind unterwegs war, fing er als Straßenkehrer an. Und inzwischen weiß er die frühen Arbeitszeiten zu schätzen: So hat er von Mittag an genügend Zeit für die Familie.

Die zwei Männer bilden an diesem Morgen mit drei weiteren Kollegen eine italienische Landsmannschaft, die AG 2: zwei zu Fuß, zwei auf kleinen Kehrmaschinen für die Gehwege und engen Gassen, einer auf der großen Maschine für die breiteren Straßen. Sie kennen sich von vielen Morgenschichten der vergangenen Jahre. Denn wenn nicht gerade ein Kollege urlaubs- oder krankheitsbedingt woanders einspringen muss, kümmern sie sich gemeinsam um den Bereich rund um Rathaus, Odeonsplatz und Stachus. "Wir sind stolz auf unser Gebiet", sagt Leone und deutet Richtung Fußgängerzone. "Das ist unsere Visitenkarte. Hier gehen die Leute spazieren."

Acht Stunden Arbeit liegen vor den Männern. Serafino Leone hat seinen karierten Schal bis zum Kinn hochgezogen und schwarze Handschuhe übergestreift. Viel zu kalt ist es an diesem Morgen für Ende April. Dicke Regentropfen fallen, die Lichter der Laternen spiegeln sich in den Straßenpfützen. Den Italiener stört das nicht, seine orange leuchtende Straßenfeger-Jacke hält die Feuchtigkeit ab. "Das ist nichts", sagt er und fängt an, Papier und Zigarettenstummel zwischen zwei Büschen hervorzukehren, geradewegs auf die Straße. Dort wird die Kehrmaschinen den Abfall wenig später aufnehmen.

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Auch Aldo Laino ist an diesem Morgen zu Fuß unterwegs. Im Sommer und am Wochenende sieht es hier aus "wie im Zweiten Weltkrieg", sagt er. Die Straße, die die Männer säubern, gehört zur sogenannten Feierbanane, wo sich viele Nachtclubs angesiedelt haben. Zerbrochene Flaschen, Zigarettenschachteln und Fast-Food-Verpackungen säumen am Wochenende den Weg, manchmal auch Erbrochenes.

An diesem Morgen aber liegt vergleichsweise wenig Müll auf den noch menschenleeren Straßen, bis zum Ende ihrer Schicht werden die Männer 1,5 Kubikmeter Kehricht zusammengetragen haben. Schnell hat die fünfköpfige Putzkolonne die 300 Meter zum Stachus zurückgelegt, ein paar Plastikdeckel hier, ein paar Zettel dort zusammengekehrt. Auch wenn Leone der Chef ist: Anweisungen muss er kaum welche erteilen. Die Routine der vergangenen Jahre ist den Männern anzumerken, ihnen reicht nur ein Blick, um zu sehen, wo der Kollege bereits gekehrt hat oder als Nächstes hingeht.

Am McDonald's am Stachus machen sie Pause. Auch Kollegen aus anderen Teams steigen von ihren Kehrmaschinen, Gratis-Kaffee aus Pappbechern wird herumgereicht, die Spende eines Schnellrestaurants, Scherze über den Kehrer Angelo, "die halbe Portion", fliegen durch die Nachtluft. Serafino Leone zündet sich eine Zigarette an, die leere Schachtel wirft er mit einer ausladenden Bewegung auf die Straße. "Was?", fragt der Vorarbeiter und macht diese typische Handbewegung, die nur Italiener so hinkriegen: Arme ausstrecken, Hände nach oben, Schultern anheben, große Augen machen. "Hier wurde noch nicht gekehrt."