Motorroller München ist Vespa-Hochburg

Für die Vespa-Cowboys beginnt mit dem Frühling auch die Saison für Ausfahrten.

(Foto: Stephan Rumpf)

Während die Zweitaktroller in ihrem Ursprungsland Italien immer seltener werden, sind sie in München nach wie vor beliebt. Dabei kann sich kaum noch jemand Werkstatträume leisten.

Von Andreas Schubert

Wenn Robert Balkau mit seinen Kumpels und ihren Rollern unterwegs ist, hört man die Gruppe schon von weitem. Balkau ist der "Capo" der Vespa-Cowboys Deutschland, einem Zusammenschluss von Rollerfahrern, die nicht nur gemeinsam durch die Gegend düsen, sondern sich auch dann gegenseitig helfen, wenn die geliebte Vespa mal wieder Zicken macht. Und das machen alte Wespen - so nennen echte Liebhaber ihr Gefährt - nun mal.

2013 wurden die Vespa-Cowboys in Holland gegründet, inzwischen gibt es auf der ganzen Welt sogenannte Chapter, wie bei Motorradklubs auch - und eben auch in München. Mit dem Begriff Cowboys mag man die knubbeligen Vespas spontan erst mal nicht verbinden, auch nicht mit dem martialischen Totenkopf-Logo, das eher an Gangs wie die Hells Angels erinnert. Aber gut: Rein abgasmäßig ist so ein alter Zweitaktroller ein echter Killer, insofern könnte man den Totenkopf auch als Warnhinweis interpretieren.

Elektroroller-Flotte in München soll ausgebaut werden

Green City und emmy bieten eine moderne, elektrisch betriebene Version der alten Schwalbe-Roller aus DDR-Zeiten zum Verleih an. Jetzt werden Kleininvestoren gesucht. Von Andreas Schubert mehr ...

München ist eine Vespa-Hochburg. Während die alten Zweitakt-Fahrzeuge in ihrem Ursprungsland Italien immer seltener werden, erfreuen sie sich in München nach wie vor hoher Beliebtheit. Jetzt, wo der Rollsplit allmählich von den Straßen gekehrt ist, beginnt langsam die Saison. Das bedeutet für die Vespisti, ihre Roller zu entmotten. Obwohl Balkau in München wohnt, hat er sich in seiner Firma in Geretsried eine kleine Werkstatt eingerichtet, wo er an seinen Rollern herumschrauben kann. "In München kannst du dir keine Werkstatträume mehr leisten", sagt er.

Aber nicht alle wollen selber ihre Zweiräder wieder frühlingsfit machen. Werkstätten wie die Vespa-Garage in Gronsdorf oder die Vesparia in Gräfelfing, wo Andy Bode als Oldtimerexperte alte Roller wieder zum Laufen bringt, haben derzeit volle Auftragsbücher. Bode ist ebenfalls ein Vespa-Cowboy, den es bei schönem Wetter in den Sattel treibt. Derzeit kommen viele Kunden und lassen ihr Gefährt durchchecken: Sie lassen die Bremsen prüfen, die bei vielen Vespas anfällige Elektronik reparieren oder das Getriebeöl wechseln. Und das sogenannte Anrollern steht kurz bevor.

Schon an diesen Sonntag, 8. April, machen sich die Vespa-Freunde auf nach Ingolstadt zu einer ersten Ausfahrt, am 22. April dann startet am Königsplatz das Münchner Anrollern, das dieses Jahr die Vespa-Cowboys organisieren. Mitmachen kann jeder, der einen Roller hat, Treffpunkt ist 10.30 Uhr, dann fahren die Teilnehmer zum Oldtimertreffen auf der Theresienwiese. Danach bricht die Gruppe um 12 Uhr zu einer Tour in den Süden Münchens auf.

Das Anrollern läutet jedes Jahr den endgültigen Start in die Rollersaison ein. Je nach Wetter beteiligen sich bis zu einige Dutzend Vespa-Fahrer. Freilich sind die knatternden Kisten Umweltschützern seit langem ein Dorn im Auge. Weil die Abgase ungefiltert entweichen und dabei auch noch Zweitaktöl verbrannt wird, übertrifft der Schadstoff-Ausstoß den eines modernen Benziners oder Diesels um ein Vielfaches. Und wer mit einer Vespa selbst im Stau steht, kommt sich hinterher so vor, als hätte er eine Schachtel Zigaretten auf einmal geraucht. Aber sei's drum: Für die Vespisti gehören Zweitaktsound und Abgase nun mal dazu, im Zweifel schlägt die Nostalgie das Gesundheitsbewusstsein.

Die Liebe zur Vespa rostet

Und die Münchner, die sich ja gerne in der nördlichsten Stadt Italiens wähnen, lieben dieses "Dolce-Vita-Feeling", wie unter Vespafahrern oft zu hören ist. Die meisten heutigen Vespisti sind entspannte Zeitgenossen, die einen guten Cappuccino genauso zu schätzen wissen wie die sinnlichen Rundungen ihrer Fahrzeuge. Vespa fahren ist ein bisschen die Inszenierung eines Lebensgefühls.

Auch die Vesbar in der Maistraße in der Isarvorstadt ist so ein Anlaufpunkt für Rollerfahrer. Es ist keine Bar, aber auch kein normaler Laden mit Werkstatt. Hier bekommt man nicht nur Ersatzteile und seinen Roller repariert, an der Theke servieren sie einem auch einen guten Kaffee, den man vor einer Kulisse mit historischen Vespas trinken kann. Hier wird nicht nur geschraubt, sondern häufig auch gefeiert - mit italienischem Essen und Wein.

Für Leute wie die Vespa-Cowboys jedenfalls ist die Vespa Ausdruck eines Lebensgefühls. Das erkennt man auch an den Rollern der Klubmitglieder, die teils mit allerlei Plaketten verziert sind, die an große Vespa-Treffen und Ausfahrten erinnern. Und auch den meisten Cowboys, die sich regelmäßig am Odeonsplatz treffen, sieht man an, dass sie ihre Liebe zum Rollern schon in den Achtziger- und Neunzigerjahren entdeckt und schon so manche Tour hinter sich haben - alte Liebe rostet nicht.

"Uns geht es um den Spaß", sagt Balkau. Für den Sommer haben sie eine richtig weite Tour geplant: Von München nach Italien und über die Schweiz wieder zurück. Jeder Rollerfahrer weiß, dass man so etwas wie Fahrkomfort und gemütliches Dahingleiten wie mit einem Tourenmotorrad nicht erwarten kann. Wer sich also mit einer Vespa so eine lange Tour antut, ist wirklich hart im Nehmen - und hat den Namen Cowboy redlich verdient.

Geht's noch?

Segway, Hoverboard, Elektroroller - das beschleunigte Leben bringt ständig neue Fortbewegungsmittel hervor. Ist normales Laufen bald überholt? mehr... SZ-Magazin