Vor einem Monat brach die britische Pop-Ikone Morrissey während eines Konzertes zusammen, in München zeigt er sich kraftvoll - und beinahe brav.
Um es vorweg zu nehmen: Beim Konzert von Morrissey am Freitagabend in der Münchner Tonhalle ist alles gut gegangen. Der britische Kultsänger brach nicht auf der Bühne zusammen (wie vor knapp vier Wochen in Swindon), der überzeugte Vegetarier tobte nicht, weil in der Halle Fleisch verkauft wurde (wie vor einigen Monaten in Los Angeles), er beendete das Konzert nicht vorzeitig, weil er von einer Flasche aus dem Publikum getroffen wurde (wie Anfang November in Liverpool) und er warf auch keinen Fan aus der Halle, der ihn beleidigte (wie vor vier Tagen in Hamburg).
Er macht's auf seine Art: der britische Kultsänger Morrissey. (© Foto: Reuters (Archivbild))
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Nur einmal gefriert die Stimmung in der Tonhalle für einen Moment. Morrissey stellt dem Publikum die Vorband vor mit den Worten: "Das ist die beste Band, die es auf der ganzen Welt gibt." Klar, dass einige dies für einen Scherz halten "Lacht da jemand?", raunt Morrissey unverzüglich mit grantiger Stimme ins Publikum. Doch dann muss selbst der "Mozzer" schmunzeln.
Den übrigen Abend benimmt sich der exzentrische Sänger äußert zurückhaltend, zahm und zivilisiert. Gar zu einem "Danke", einigen "Thank yous" und einem "I love Germany" lässt sich Morrissey hinreißen. Nach seinem Zusammenbruch in Swindon zeigt sich der 50-Jährige auch wieder von seiner kraftvollen Seite. Die Songs werden ungewohnt laut und treibend dargeboten. "How soon is now" oder "When last I spoke to Carol" peitschen die Musiker regelrecht durch.
Dazu tanzt und taumelt der ehemalige Sänger von The Smiths über die Bühne. Er schwingt das Mikrophon wie ein Lasso über den Kopf, reckt eine Faust in die Höhe oder klatscht die Hände der Fans ab. Sein azurblaues Hemd ist nach wenigen Minuten durchgeschwitzt und nun fast ganzflächig dunkelblau. Die Haartolle ist nicht mehr akkurat toupiert, sondern klebt auf der Kopfhaut.
50 Euro haben die Fans für das 80 Minuten dauernde Konzert gezahlt. Auf eine Bühnenshow verzichtet Morrissey weitgehend. Nur Lichteffekte gibt es, die Scheinwerfer sind jedoch oft in die Halle gerichtet, dass sich einige Fans geblendet wegdrehen. Die Show an diesem Abend, die ist natürlich vor allem Morrissey - der Dandy, Exzentriker, Zyniker, Außenseiter, Melancholiker, Gentleman. Der vermutlich beste Texter der Popgeschichte.
Zwar haben andere Bands deutlich mehr Platten verkauft als er, doch der Einfluss von Morrissey ist kaum zu überbieten. 2004 kürte der New Musical Express die Band The Smiths, bei der Morrissey bis zur Trennung 1987 sang, zum "Most Influential Artist Ever" - vor den Beatles.
Natürlich sind auch am Freitagabend in München zahlreiche Songs von The Smiths wie "This Charming Man" oder "Ask" dabei. Aber auch viele neue Stücke, die das Publikum nicht ganz so begeistert aufsaugt. Gleich zwei Alben hat Morrissey in diesem Jahr herausgebracht: im Februar sein neuntes Soloalbum "Years of Refusal" und im Oktober "Swords", eine Sammlung von B-Seiten.
Am Ende reißt sich Morrissey theatralisch das Hemd vom Leib, wirft es ins Publikum und verbeugt sich mit nacktem Oberkörper. Das war's. Während die Fans zum Ausgang strömen, erklingt von Band Frank Sinatras "I did it my way" - ich hab's auf meine Art gemacht. Ja, das hat Morrissey.
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(sueddeutsche.de/mel)
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