Moderne Medizin in München Schrittmacher für die Zunge

Schlafapnoe-Patient Gerd Egner hat bei Clemens Heiser, Oberarzt der HNO-Abteilung im Rechts der Isar, Hilfe gefunden.

(Foto: Robert Haas)

Nachts hat Gerd Egner immer wieder Atemaussetzer, bis hin zur Todesangst. Er leidet an Schlafapnoe. Am Münchner Klinikum rechts der Isar lernt er eine neue Therapie kennen - mit einem Gerät, das elektrische Impulse gibt.

Von Sebastian Krass

Jedes Mal, wenn Gerd Egner mit der Fernbedienung das Gerät unter seiner Haut einschaltet, dann bizzelt es ein paar Sekunden lang. Von der rechten Brusthälfte bis hoch unter die Zunge. Es klingt ein bisschen unheimlich, so wie Egner das beschreibt. Aber für ihn ist es ein gutes Zeichen. "Dann weiß ich, dass das Gerät funktioniert." Und dass es ihm eine ruhige und vor allem erholsame Nacht verschafft. Seit einem guten halben Jahr hat Egner diese Gewissheit. Vorher war jede Nacht für seinen Körper eine Tortur.

Egner, 66, leidet unter obstruktiver Schlafapnoe (OSA). Wenn er schläft, entspannt sich die Muskulatur im Rachenraum, die Zunge fällt nach hinten und verschließt die Atemwege - oft für zehn oder gar 20 Sekunden. Das versetzt den Körper in Alarmzustand, der Puls geht nach oben, eine Weckreaktion setzt ein, die Muskeln spannen sich wieder an, der Atemweg wird frei. Und wenig später geht es wieder von vorn los. Jedes Mal wird der Schlaf unterbrochen, mit der Folge, dass die Betroffenen am Tag übermüdet sind.

Drei bis sieben Prozent der erwachsenen Männer und zwei bis fünf Prozent der Frauen leiden unter dieser Krankheit, berichtet die Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM). Die OSA führt zu Bluthochdruck und Herzschwäche, und sie erhöht das Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden. Die häufigste Therapieform ist eine Maske, die mit einem konstanten Überdruck die Atemwege freihält. In manchen Fällen aber hilft nur ein chirurgischer Eingriff.

Moment der Todesangst

Gerd Egner war so ein Fall. Er hat im vergangenen Jahr auf eine relativ neue Methode gesetzt: Clemens Heiser, Oberarzt in der HNO-Abteilung des Klinikum rechts der Isar und Leiter des dortigen Schlaflabors, setzte dem Patienten ein Gerät ein, das ähnlich wie ein Herzschrittmacher elektrische Impulse aussendet, nur in diesem Fall über Elektroden an den Unterzungennerv - quasi ein Schrittmacher für die Zunge. Die soll dadurch die Nacht über aktiviert bleiben und nicht mehr die Atemwege versperren.

Es war ein Moment der Todesangst, der Egner überhaupt auf sein Problem aufmerksam machte. "Vor zwei Jahren etwa saß ich nachts plötzlich auf der Bettkante und bin umgekippt", erzählt er. "Ich dachte: Das ist der große Abflug." Vorausgegangen war offenbar ein besonders langer Atemaussetzer. Egner ging zum Internisten, der schickte ihn ins Schlaflabor. Dort verbrachte Egner eine Nacht und erhielt ein beunruhigendes Ergebnis. Er hatte 25 Apnoephasen, also Atemaussetzer, pro Stunde.

Zunächst erhielt Egner die übliche Atemmaske. Doch damit kam er nicht zurecht: Der Schlauch, der die Maske mit einem Beatmungsgerät verbindet, störte ihn ebenso wie die Geräusche der Maschine. "Da bin ich gar nicht erst zum Einschlafen gekommen, nach einem Vierteljahr ist das Ding im Schrank verschwunden." Eines Tages sah Egner im Fernsehen einen Beitrag über Clemens Heisers Arbeit am Rechts der Isar. Er bat um einen Termin, Arzt und Patient berieten sich, nach welcher Methode operiert werden soll. "Irgendwann sagte Clemens Heiser: ,Ich habe etwas Neues für Sie.'"

Nichts wegschneiden, nichts dauerhaft verändern

Heiser hatte die Methode der sogenannten Hypoglossusstimulation - auch: Upper-Airway-Stimulationstherapie (UAS) - an seiner vorigen Arbeitsstelle in Mannheim kennengelernt. Entwickelt wurde sie in den USA, ursprünglich von einem Unternehmen, das auch Herzschrittmacher herstellt. Seit Februar 2014 kommt sie am Rechts der Isar zum Einsatz. 20 Mal hat Heiser das Gerät im vergangenen Jahr implantiert.

Ein Implantat lässt ihn wieder ruhig schlafen. Hier wertet der Arzt die Daten des Gerätes aus.

(Foto: Robert Haas)

"Aus chirurgischer Sicht ist es für mich aktuell die Alternative Nummer eins", sagt der Schlafmediziner. Für ihn ist die Methode besonders charmant, weil man bei der OP nichts wegschneiden oder sonst wie dauerhaft verändern müsse. Wenn es Probleme gebe, könne man das Gerät und die Elektroden auch wieder herausnehmen. "Den Fall hat es nach meiner Kenntnis weltweit aber erst zweimal gegeben", sagt Heiser. "Hier hatten wir bisher noch keine größeren Probleme."

Hat der Eingriff das Potenzial zum Allheilmittel für Apnoekranke? Das wohl nicht. Allein schon, weil die OP oft nicht nötig ist. "60 bis 70 Prozent der Patienten kommen mit der Maske gut zurecht", sagt Heiser. Auch gebe es Patienten, bei denen der Einsatz des Zungenschrittmachers aus anatomischen Gründen nicht möglich ist. Außerdem spielen die Kosten für das Gerät eine Rolle - sie betragen 17 000 Euro. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten für den Eingriff am Rechts der Isar. Ansonsten kommt die Methode in Deutschland bislang nur noch in Mannheim und Lübeck zum Einsatz.

Vergleichsweise teure Maßnahme

Der Dachverband DGSM stehe dieser Innovation "grundsätzlich positiv gegenüber", sagt dessen Vorsitzender Alfred Wiater. Allerdings müsse man solch vergleichsweise teure Maßnahmen mit einer "intensiven und langfristigen Qualitätskontrolle" begleiten. "Ansonsten besteht die Gefahr einer Inflationierung von Leistungen, die letztlich zulasten anderer Patienten finanziert werden müssen."

Schlafstörungen

Die Behandlung von Atmungsstörungen während des Schlafes ist nur ein Teilgebiet der Schlafmedizin. Generell wird unterschieden zwischen organischen und psychischen Ursachen für Schlafstörungen. Zu den organischen Auslösern gehört die obstruktive Schlafapnoe ebenso wie etwa das Restless-Legs-Syndrom, also ein unnatürlicher Bewegungsdrang der Beine. Auch Herz- und Lungenprobleme können den Schlaf stören. Zu den psychischen Ursachen gehören etwa Depressionen. In 80 Prozent der Fälle gehe diese Krankheit mit Schlafstörungen einher, sagt der Schlafmediziner Clemens Heiser vom Klinikum rechts der Isar. Wer das Gefühl hat, nachts nicht die nötige Erholung zu finden, sollte den Rat eines schlafmedizinisch versierten Arztes einholen. Der kann dann auch entscheiden, ob etwa ein Besuch im Schlaflabor nötig ist. Vor einem aber warnt Heiser: vor einer verfrühten und möglicherweise unnötigen Therapie mit Schlafmitteln. "Davon werden in Deutschland viel zu viele verschrieben", sagt er. Oft sei es dann sehr schwierig, die Patienten von den Mitteln wieder zu entwöhnen. sekr

Am Rechts der Isar sammeln sie Daten für eine solche Qualitätskontrolle im Rahmen einer sogenannten Anwendungsbeobachtung. Gerd Egner hat sich dafür auch zur Verfügung gestellt. Er kam nach der OP noch mehrmals ins Rechts der Isar. Er schlief im Schlaflabor und erfuhr, dass er kaum noch Atemaussetzer hat. Außerdem wurden die Nutzungsdaten seines Schrittmachers ausgelesen. Im Sommer, ein Jahr nach dem Eingriff, soll Egner noch mal zu einer vorerst letzten Kontrolle.

An diesem Tag, an dem er seine Geschichte erzählt, ist Gerd Egner um halb sieben aufgewacht. "Nach sechs Stunden Schlaf bin ich fit. Ich muss mich nicht mehr nach dem Frühstück und dem Mittagessen eine Stunde hinlegen. Es ist eine ganz andere Lebensqualität."

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