Moderne Medizin in München Bye-bye, Bohrer!

Zahnarzt Jan Kühnisch bietet an der Poliklinik für Zahnerhaltung und Parodontologie der LMU eine Kariesbehandlung ohne Spritze und Bohrer an.

(Foto: Stephan Rumpf)
  • Die Karies-Infiltration ist eine Methode, die im Frühstadium zum Einsatz kommen kann. Dabei wird ein neuer Zahnschmelz aus Kunststoff aufgetragen. Das erspart den Patienten das lästige und schmerzhafte Bohren.
  • Die Methode kommt in der Poliklinik für Zahnerhaltung und Paradontologie der Ludwig-Maximilians-Universität zum Einsatz.
  • Allerdings werden die Kosten bisher noch nicht von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen.
Von Melanie Staudinger

Wenn nur noch Spritze und Bohrer helfen, ist es zu spät. Karies hat sich bereits im Zahn gebildet, das Loch ist sichtbar und muss gefüllt werden. In diesen Momenten ärgert sich der Patient meist: Wäre er nur eher mal zum Zahnarzt gegangen und nicht erst, als die Schmerzen schon unerträglich wurden. Dazu kommt die Gewissheit, dass die Behandlung nur ein paar Jahre halten wird - dann geht das Spiel von vorne los: Schmerzen, Spritze, Bohren, Füllung. Irgendwann ist der Nerv so angegriffen, dass eine Wurzelbehandlung ansteht.

Seit wann die Methode auf dem Markt ist

Nun aber gibt es Alternativen, zumindest für jene, die regelmäßig zu Vorsorgeuntersuchungen gehen. Seit mittlerweile sechs Jahren ist eine neue Methode auf dem Markt, die Karies im Frühstadium bekämpft, ohne invasiven Eingriff: die Karies-Infiltration. Sie kommt zum Einsatz, wenn nur der Zahnschmelz angegriffen ist. Dies ist auf Röntgenbildern zu erkennen, wie Zahnmediziner Jan Kühnisch von der Poliklinik für Zahnerhaltung und Parodontologie der Ludwig-Maximilians-Universität erklärt.

Wie sie funktioniert

Steht die Diagnose fest, dehnt Kühnisch mit einem Keil den Raum zwischen den Zähnen. Danach trägt er für zwei Minuten eine Säure auf, die den oberflächlichen Zahnschmelz abträgt und die Karies freilegt. Alkohol zieht anschließend das Wasser aus den befallenen Stellen, so dass diese entleert werden. Jetzt kommt der sogenannte Infiltrant ins Spiel, ein flüssiger Kunststoff. Er füllt den Zahnschmelz wieder auf, ganz schmerzfrei, wie Kühnisch verspricht.

"Gerade für Menschen zwischen zwölf und 50 ist die Infiltration eine gute Option", sagt der Mediziner. "Je später man mit Füllungen anfängt, desto länger lässt sich ein Zahn erhalten." Nach ersten Studien liegt die Erfolgsquote der Behandlung bei 75 bis 80 Prozent. Selbst wenn eine Füllung nur hinausgezögert würde, habe der Patient schon gewonnen, sagt Kühnisch. Wer allerdings schon eine Zahnfüllung hat, wird davon nicht mehr profitieren können: Ein angebohrter Zahn taugt nicht mehr zur Infiltration.

Der Zahn wird bei der Behandlung mit einem flüssigen Kunststoff aufgefüllt.

(Foto: Andreas Schult/oh)

Für Kinder und Jugendliche ist die Infiltration ebenfalls geeignet, auch wenn heute viel weniger von ihnen an Karies leiden als früher. Bei den Kleinkindern ist die Zahl seit 1994 um 35 Prozent zurückgegangen; bei den Zwölfjährigen mit ihrem bleibenden Gebiss sogar um 70 Prozent. Ein zwölfjähriges Kind in Deutschland hat heute im Schnitt 0,7 Zähne mit Karies. Vor 30 Jahren war es noch das Zehnfache. Dass Zähne heute generell gesünder sind, liegt zum einen daran, dass Prävention und Aufklärung in den vergangenen Jahrzehnten wesentlich intensiver geworden sind.

Eltern kommen regelmäßiger mit ihren Kindern zu Vorsorgeuntersuchungen. Zum anderen haben sich die Pflegeprodukte verbessert. Zahnpasta und Mundspüllösungen enthalten Fluorid: Natriumfluorid, Aminfluorid und Zinnfluorid können vor Karies schützen. "Die Familien haben verstanden, dass regelmäßige Zahnpflege günstiger ist als eine Behandlung, wenn die Zähne angegriffen sind. Prävention wird heute gelebt", sagt Kühnisch.