Mobilität für Senioren Jahreskarte gegen Fahrerlaubnis

Ältere Menschen sollen belohnt werden, wenn sie freiwillig aufs Autofahren verzichten.

(Foto: Felix Kästle/dpa)

Im europäischen Ausland müssen Senioren in regelmäßigen Abständen ihre Fahrtüchtigkeit unter Beweis stellen. Nicht so in Deutschland. Nun wollen die Münchner Grünen einen Anreiz schaffen, dass ältere Menschen freiwillig den Führerschein abgeben - gegen Freikarten.

Von Karoline Meta Beisel

Wer in der Schweiz das 65. Lebensjahr erreicht, auf den wartet nicht nur der süße Ruhestand, sondern auch der Hausarzt: "Ältere Automobilisten", wie sie dort genannt werden, müssen ihre Fahrtüchtigkeit alle zwei Jahre beim Arzt beweisen. In den Niederlanden müssen Autofahrer über 70 alle fünf Jahre zum Gesundheitscheck, Briten und Griechen alle drei. In Frankreich wird der Test ab 65 alle zwei Jahre gefordert, ab 75 sogar jährlich. In Deutschland dagegen, der großen Automobilnation, darf man Autofahren, so lange man will.

Das soll auch so bleiben, das ist Paul Bickelbacher von den Grünen wichtig. Aber er möchte einen Anreiz schaffen, freiwillig auf den Führerschein zu verzichten, wenn die Fahrtüchtigkeit nachlässt. Er schlägt ein Modell vor, nach dem Senioren, die ihren Führerschein freiwillig zurückgeben, dafür einmalig mit einer Jahreskarte für den öffentlichen Nahverkehr belohnt werden. Mit den Grünen und der Rosa Liste hat er im Stadtrat einen entsprechenden Antrag gestellt.

Im vergangenen Jahr gab es in München 4002 Verkehrsunfälle, an denen Senioren beteiligt waren. 2010 waren es noch etwa 3500 gewesen. Das liegt nun nicht daran, dass die Senioren in den vergangenen Jahren wilder geworden wären - es sind einfach mehr als noch vor ein paar Jahren. Ältere Menschen sind auch nicht unbedingt häufiger in Unfälle verwickelt als andere Altersgruppen. Einen Unterschied gibt es aber doch: Wenn es zu einem Autounfall kommt, dann sind Senioren häufiger schuld als andere. "Uns geht es nicht darum, die Fahrtüchtigkeit der Senioren generell anzuzweifeln", sagt Bickelbacher. Er glaubt aber, dass sich mit der Tauschaktion die Sicherheit im Straßenverkehr verbessern ließe.

Ältere Menschen sollen belohnt werden, wenn sie freiwillig aufs Autofahren verzichten.

(Foto: Felix Kästle/dpa)

Nur wenige Senioren geben ihren Führerschein ab

Theoretisch wären laut einer Studie der Gesellschaft für Sozialforschung und statistische Analysen Forsa erstaunlich viele Senioren dazu bereit, freiwillig auf ihren Führerschein zu verzichten: Demnach würden mehr als vier Fünftel der Befragten die Fahrerlaubnis abgeben, wenn sie merkten, dass sie ihr Auto nicht mehr sicher beherrschen. Tatsächlich geben aber nur sehr wenige ältere Menschen ihren Führerschein freiwillig zurück. Das Kreisverwaltungsreferat erhebt keine genauen Zahlen dazu. Schätzungen zufolge sind es aber jedes Jahr nur eine Handvoll - viele Senioren verstauen ihren Führerschein in der Kommode und hören einfach so auf zu fahren.

Dass das Tauschangebot für diese Senioren einen zusätzlichen Anreiz schaffen könnte, das Auto stehen zu lassen, zeigen Erfahrungen aus Dortmund und Ulm. Dort gibt es ähnliche Angebote schon seit ein paar Jahren. In Dortmund zum Beispiel haben bereits mehr als 700 Senioren ihren Führerschein abgegeben.

Bei der MVG begrüßt man den Vorschlag, aus Sicherheits- und ökologischen Gründen, so Sprecher Michael Solić, "solange die Stadt die Kosten dafür erstattet". Am Ende könnte die Verkehrsgesellschaft aber auch finanziell von der Aktion profitieren, glaubt Bickelbacher: Erfahrungen aus anderen Kommunen zeigten, dass sich ein Drittel der Senioren nach der ersten, geschenkten Jahreskarte auch im Anschluss eine kaufen würde.