Missbrauch in der Kirche Der Blick in den Abgrund

Im Tresor des Erzbistums München und Freising lagert ein explosives Dossier: Der Missbrauchsbericht zeigt ein Klima aus Erpressung und Vertuschung auf - könnte für Bischof Marx aber der Schlüssel zu Reorganisation des Ordinariats sein.

Von M. Drobinski und M. Maier-Albang

Rot ist es eingebunden und 250 Seiten dick: das Buch. Es hat die Auflage von einem Exemplar, und das liegt im Tresor des Generalvikars Peter Beer. Es heißt, nicht einmal der Chef der Bistumsverwaltung käme alleine an das Buch; es brauche zwei verschiedene Schlüssel, um den Tresor zu öffnen. So brisant ist das Gutachten, das die Anwältin Marion Westpfahl im Auftrag des Erzbistums München-Freising verfasst hat.

"Die Akten weisen teilweise offenkundige Lücken auf, waren gegen Zugriff durch Nichtbefugte nicht gesichert", heißt es in dem Bericht, den das Münchner Erzbistum in Auftrag gegeben hatte. Ein halbes Jahr hat eine Anwaltskanzlei Akten durchforstet, das Ergebnis ist für die Kirche beschämend.

(Foto: dpa)

Ein halbes Jahr lang hat die ehemalige Richterin und Staatsanwältin 13.200 Akten durchforsten lassen, hat mit aktiven und ehemaligen Verantwortlichen gesprochen, die ihr mal mehr und mal weniger bereitwillig Auskunft gaben - darüber, wie das katholische Erzbistum von 1945 bis 2009 mit Fällen von sexueller und körperlicher Gewalt gegen Kinder und Jugendliche umgegangen ist. Veröffentlicht wurde bislang nur eine Zusammenfassung des Buchs, doch schon die öffnet den Blick in einen Abgrund.

Wie tief genau der Abgrund ist, wissen wahrscheinlich nur Kardinal Reinhard Marx, Generalvikar Beer und Marion Westpfahl, die Autorin. Die Zusammenfassung der Ergebnisse, die Westpfahl, Marx und Beer am 3. Dezember präsentierten, genügte, dass die anwesenden Journalisten immer tiefer in ihre Stühle sanken.

Was Westpfahl als "Kernaussagen des Gutachtens" bezeichnet hat, lässt sich so zusammenfassen: Über Jahrzehnte hinweg hat das Erzbistum Gewalt gegen Kinder und Jugendliche verdrängt und verharmlost. Die Kirche schützte die Täter, vor allem, wenn sie Priester waren. Sie ließ die Opfer im Stich. Akten wurden nur unvollständig geführt, sind verschwunden, einige lagerten beim ehemaligen Personalchef Friedrich Fahr zu Hause; viele Taten sind kaum noch nachvollziehbar, weil sie nur angedeutet oder verharmlost werden. Nur selten wurden die Täter vor Gericht verurteilt, von 159 auffälligen Priestern nur 26, von 96 Religionslehrern nur einer. Vertuschung und Verharmlosung hatten System, so die Analyse der Anwältin - bis dahin, dass "höherrangige Personen im Ordinariat" erpresst wurden, weil sie schwul waren.

"Sie wussten, dass jemand eine offene Flanke hat"

Anhaltspunkte hierfür habe sie "wiederholt" in den Akten gefunden, sagt Westpfahl. Immer wieder gab es offenbar Mitarbeiter mit Personalverantwortung, die eigentlich hätten aufklären müssen - doch die Täter wussten von deren homosexueller Veranlagung: "Sie wussten, dass hier jemand eine offene Flanke hat", wie Westpfahl sagt. Manchmal reichten offenbar Andeutungen, um den Betreffenden klar zu machen, dass sie besser nicht weiter bohren.

Westpfahl hatte von der amtierenden Bistumsleitung den Auftrag erhalten, Strukturen aufzuzeigen, die den Missbrauch begünstigten. Eine ihrer Schlussfolgerungen ist: Die Umgang der katholischen Kirche mit dem Thema Homosexualität ist ein Teil des Problems. "Selbst wenn Priester zölibatär leben, sind sie angreifbar", sagt die Anwältin - Homosexualität gilt schließlich als Weihehindernis. Die Angreifbaren rückten ihrerseits zusammen; Westpfahl spricht von "Gruppenbildung": "Man kümmerte sich um seinesgleichen, verhalf sich gegenseitig in Karrieren". Andere würden weniger vornehm von schwulen Netzen sprechen.