Von Daniela Krispler

Weil die Nacht lang ist, muss man umso länger feiern. Die letzte Pflichtstation für jugendliche Nachtschwärmer ist und bleibt die "Milchbar".

Wenn um 5 Uhr morgens noch immer 30 Leute vor dem Eingang stehen und darauf warten, dass der grimmig blickende Türsteher sie endlich rein lässt, kann es sich im Clubbezirk "Kultfabrik" eigentlich nur um eine Location handeln: "Milch und Bar", kurz Milchbar genannt. Milchshakes gibt es leider keine, das jugendliche Publikum bevorzugt ein kühles Helles.

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Ohne Worte... (© Foto: Julia Weiß)

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Hartnäckig halten sich Gerüchte, dass hier mit Vorliebe abgeschleppt wird. Wer dabei wen und vor allem wie abschleppt, ist nicht endgültig geklärt: Junge Snob-Typen in feinem Polo und durchgestylten Windfrisuren feiern neben Alternativ-Bubis und anderen mehr oder weniger coolen Typen. Dagegen wirken die weiblichen Gäste unaufdringlich nett, jede für sich fein zurechtgemacht, nur der Lidstrich will um diese Uhrzeit nicht mehr so ganz gelingen.

Kein Wunder, bei diesen Toiletten weiß man gar nicht, wie man sich auf seine Augen konzentrieren soll. Jede Tätigkeit einer Reinigungsdame würde hier Sinn machen, und sei es nur, tonnenweise Papier vom Boden aufzusammeln, dass irgendein Komiker zwischen Ein- und Ausgang verstreut hat.

Zurück im Zentrum des Geschehens fällt der Blick sofort auf die Bar, die das Herzstück zu sein scheint. Nichts soll vom eigentlichen Sinn ablenken, dementsprechend unaufgeregt ist die Songauswahl. Auf den viel zitierten Fettes-Brot Hit "Jein" legt der DJ schnelle Technosounds - Mainstream Musik für jeden, mit gezielten Gassenhauern, die Menge bleibt trinkfähig.

Der Name "Milch und Bar" beschreibt den jugendlichen Altersdurchschnitt. Der verwischt Stilgrenzen und Kommunikationsschwierigkeiten, die üblichen Anlaufschwierigkeiten des unverbindlichen Kennelernens, ganz wie von selbst. Was den einen den letzten Nerv raubt, ist für die anderen ein schöner Nachtausklang. Beim sechsten Bier ist es eben egal, wer der Typ gegenüber ist, und welche ideologischen Probleme er mit sich trägt. Wenn jeder gleich betrunken ist, verstehen sich alle gleich gut.

So lassen sich schnell neue Bekanntschaften schließen. Ob für die Dauer dieses Songs, bei dem man sich aus neuentdeckter Liebe oder aus schwindender Standhaftigkeit in den Armen liegt, oder für den Rest der Nacht, spielt dabei keine Rolle. Beim Heimgehen ist jedenfalls nicht allein, wer in der Milchbar mit offenen Armen neue Freunde sucht. Die Frage nach der nächsten Location ergibt sich von selbst, wenn es heißt: "Zu dir oder zu mir?"

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(sueddeutsche.de)