Gentrifizierung am Gärtnerplatz in München Nächstes Projekt: Preysingstraße

Wütend über die Art und Weise seines Auszugs ist auch Christian Malter. Er hatte 15 Jahre lang ein Antiquitätengeschäft in der Corneliusstraße 20 betrieben. Als er die Kündigung bekam, dachte er gar nicht an Widerspruch, er fand rasch einen neuen Laden in der Reichenbachstraße. Sein altes Geschäft vermietete er bis zum Kündigungstermin unter, behielt aber eine Abstellkammer und ein Kellerabteil für sich.

Doch als er sie räumen wollte, sei die Kammer zugemauert gewesen und das Abteil bereits leer, sagt Malter. Nun vermisse er unter anderem einen Teil seiner Steuerunterlagen. Gegen den Vermieter klagt er auf Mietminderung und Ersatz des Kellerinhalts. "Wenn der Vermieter die Räume früher gebraucht hätte, hätte man darüber reden können."

Der Vermieter weist die Vorwürfe zurück. Die Mieter seien sämtlich freiwillig gegangen, niemandem sei Angst eingejagt worden. Der Familie Kapoor habe man nicht nur bei der Wohnungssuche geholfen, sondern auch freiwillig eine nennenswerte Abfindung gezahlt, teilt der Vermieter mit. Und aus dem Kellergeschoss habe man lediglich Unrat sowie herrenlose Gegenstände entfernen lassen: Betroffen seien "die Flure und erkennbar seit Jahrzehnten ungenutzte Abteile" gewesen.

Man habe damit der Verkehrssicherungspflicht nachkommen und die Fluchtwege freilegen wollen. Die Mieter seien über die Entrümpelung informiert worden - was Christian Malter bestreitet, ebenso Hüsnü Demircan, der seine Fahrräder vermisst, die er nach eigenen Angaben im Flur abgestellt hatte.

"Savoir-vivre mit Business vereinen"

Die alte Hausgemeinschaft lebt heute verstreut über ganz München. Hüsnü Demircan wohnt in Ramersdorf, er renovierte auch seine neue Wohnung selbst, dennoch bezahlt er dort mehr als das Doppelte an Miete. Margot und Ranvir Kapoor haben eine Wohnung im Obersendlinger Gewerbegebiet gefunden, sie vermissen ihr altes Viertel - nicht die Wohnung, aber die Menschen. Ihre beiden Kinder besuchen weiterhin Schulen in Haidhausen und in der Altstadt.

Betty Nagler lebt heute in einer Einrichtung für Betreutes Wohnen in Neuhausen, in der Nähe ihres Sohnes. Hin und wieder bekommt sie Besuch von ehemaligen Nachbarskindern, aber Nagler ist unglücklich. Zuletzt zog sie alleine los und besuchte ihre alte Heimat am Gärtnerplatz. Im "Objekt Cornelius 20" sind die meisten Wohnungen inzwischen verkauft. Die neuen Bewohner freuen sich darauf, im "heimlichen Herz" Münchens "Savoir-vivre mit Business zu vereinen", abseits der Touristenströme und mit beinahe mediterranem Flair, so das Exposé der Anlage.

Die Isartal Grundbesitz GmbH & Co. KG hat von derselben Erbengemeinschaft auch ein Anwesen in der Preysingstraße 33 bis 35 übernommen. Die Mieter sagen, der neue Besitzer habe bereits Abfindungen angeboten.