Gentrifizierung am Gärtnerplatz in München Alles muss raus

Ein neuer Eingangsbereich, ein neues Klingelschild, neue Bewohner. Binnen eines Jahres räumten fast alle Mieter ihre Wohnungen in der Corneliusstraße 20.

(Foto: Stephan Rumpf)

Eine Immobilienfirma kauft ein renovierungsbedürftiges Mietshaus am Gärtnerplatz, ein Jahr später sind fast alle Bewohner ausgezogen, obwohl sie rechtlich zehn Jahre hätten bleiben dürfen. Sie fühlen sich vertrieben. Eine typische Geschichte vom Münchner Immobilienmarkt.

Von Jakob Wetzel

Am Ende ging es ganz schnell. 60 Jahre lang hat Betty Nagler in der Corneliusstraße 20 gelebt. Für die anderen Mieter war die 90-Jährige die "gute Seele" des Hauses, für die Nachbarskinder wie eine Großmutter. Eine enge Gemeinschaft sei im Haus über Jahrzehnte gewachsen, erzählen ehemalige Mieter. Doch im vergangenen Jahr wurde alles anders: Das Haus wechselte den Eigentümer, der neue Besitzer will die Wohnungen sanieren und als Eigentumswohnungen verkaufen.

Es dauerte kein Jahr, da war Betty Nagler aus ihrer Wohnung verschwunden, und nicht nur sie: Das Anwesen ist inzwischen fast vollständig mieterfrei. Sie habe nicht gehen wollen, sagt Betty Nagler heute. 2011 war ihr Mann gestorben, sie wollte nach dem Ehemann nicht auch noch ihre Heimat verlieren.

Sie hätte wohl auch nicht gehen müssen, ihre Wohnung war über mindestens zehn Jahre hinweg unkündbar. Doch Betty Nagler pochte nicht auf ihr Recht. Sie fürchtete Ärger. Auch ihr Sohn redete auf sie ein, sie solle nachgeben. Also akzeptierte sie eine Abfindung und ging freiwillig. "Ich hätte das sonst vielleicht nicht überstanden", sagt sie, ihre Stimme zittert. Der neue Besitzer sei zwar freundlich gewesen, aber bestimmt. "Er hat keinen Zweifel daran gelassen, dass ich raus muss."

Was in der Corneliusstraße 20 am Gärtnerplatz geschehen ist, ist ein Paradebeispiel für den sozialen Wandel, der viele Stadtviertel Münchens erfasst hat: Wissenschaftler haben dafür den Begriff "Gentrifizierung" geprägt, Immobilienfirmen sprechen von "Aufwertung" und "Revitalisierung", die alten Bewohner von Entmietung oder Vertreibung.

Im Gärtnerplatzviertel gilt der Prozess als nahezu abgeschlossen. Meist verläuft er still und wenig spektakulär. Das Muster ist stets ähnlich, und hier zeigt es sich beispielhaft: Ein in die Jahre gekommener Altbau wird saniert, die Wohnungen werden renoviert und als Eigentumswohnungen verkauft. Alteingesessene Mieter wie Betty Nagler machen Platz für neue, kaufkräftige Bewohner.

"Prime-living" am Gärtnerplatz

Das Anwesen in der Corneliusstraße 20 ist etwas mehr als hundert Jahre alt, Vorder- und Rückgebäude, 21 Wohnungen, zwei Läden. Einige Mieter wohnten hier seit Jahrzehnten, die Mieten stiegen kaum, dafür wurden notwendige Renovierungsarbeiten aufgeschoben. Seit den 20er Jahren befand sich das Gebäude im gemeinschaftlichen Besitz einer heute verstreut lebenden Großfamilie, doch in den vergangenen Jahren wurde den Erben der Aufwand zu groß.

Daher verkauften sie das Anwesen 2011 an die Isartal Grundbesitz GmbH & Co. KG - und aus dem Mietshaus wurde das "Objekt Cornelius 20". Die Mieter gingen, das Vordergebäude wird bis ins kommende Jahr renoviert, zusätzlich der Speicher ausgebaut. Auf Handzetteln und im Internet wirbt der neue Eigentümer mit "prime-living" am Gärtnerplatz.

Die Isartal Grundbesitz GmbH & Co. KG ist eine von mehreren GmbHs mit unterschiedlichen Namen, aber jeweils identischen Adressen, Geschäftsführern und Prokuristen. Die Beteiligten sind nicht unbekannt, der Prokurist der Isartal Grundbesitz GmbH & Co. KG etwa wandelte vor Jahren ein Anwesen am Roecklplatz in Wohneigentum um.

Die Unternehmen haben ihren Anteil am Gentrifizierungsprozess in München, doch sie scheuen die Öffentlichkeit, wollen weder die Namen der Firmen noch der Geschäftsführer in der Zeitung lesen. Eine dieser Firmen ist die Dr. Grosdidier Immobilien GmbH & Co. KG; sie wirbt mit langjähriger Erfahrung unter anderem darin, Mieter einvernehmlich zum Auszug zu bewegen und ihre Wohnungen an solvente Käufer zu vermitteln. Über die Geschwindigkeit allerdings, mit der dies in der Corneliusstraße 20 gelang, ist selbst der alte Eigentümer erstaunt.