Mieterschutz im Gärtnerplatzviertel Im Schatten von "The Seven"

In der Müllerstraße 7 liegt die Luxusimmobilie "The Seven" - es zieht immer mehr Vermögende ins Viertel.

(Foto: Alessandra Schellnegger)
  • Im Gärtnerplatzviertel könnte der Milieuschutz kippen.
  • Die Stadt hat angekündigt, die entsprechende Satzung nicht verlängern zu wollen.
  • Mieter und Stadtteil-Politiker schlagen Alarm. Sie warnen vor fatalen Folgen für das Viertel.
Von Birgit Lotze

Das Gärtnerplatzviertel, deutschlandweit bekannt für Gentrifizierung und als Versuchsfeld, eben diese in Schranken zu halten, steht vor dem Verlust des Milieuschutzes. Die Stadt hat angekündigt, dass die Erhaltungssatzung, die dort seit 25 Jahren gilt, nach dem 31. Mai nicht verlängert werden soll. Mieter sind darüber entsetzt, sie befürchten Luxusmodernisierungen, höhere Mieten und eine Welle von Kündigungen.

Der Bezirksausschuss Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt (BA 2) hat sofort die Stadt einhellig aufgefordert, die Satzung um weitere fünf Jahre zu erhalten. "Ein Auslaufen hätte fatale Folgen für das Gärtnerplatzviertel", sagte der Gremiumsvorsitzende Alexander Miklosy (Rosa Liste). Er erwarte keine Wunder, aber ein Mildern der Härtefälle. "Eine Erhaltungssatzung kann die Gentrifizierung am Gärtnerplatz nicht aufhalten. Aber sie begrenzt sie."

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Die Mieter dürfen nicht alleingelassen werden

Auch der Mieterbeirat der Landeshauptstadt hat sich am Mittwoch eingeschaltet. Auch er will einen Antrag an die Stadt stellen und warnt davor, die Mieter jetzt allein zu lassen. "Es kann nicht sein, dass wir sie nach einem Vierteljahrhundert absolut hilflos und allein den Spekulanten überlassen. An diesem Scheideweg stehen wir gerade", sagte der Vorsitzende Matthias Jörg. Wer in diesem Viertel wohne, lebe in attraktiver Lage und oft in Altbauten.

Die Zahl der von der Stadt ausgestellten Abgeschlossenheitsbescheinigungen - die Voraussetzung für die Aufteilung eines Gebäudes in Eigentumswohnungen - sei vier Mal höher als sonst in München üblich. Die Gefahr, dass die bisherige Wohnbevölkerung, vor allem die Mieter, verdrängt würden, sei immer noch gegeben.

Ist ein Viertel gentrifiziert, ist es zu spät

Ob ein Viertel für schutzwürdig erklärt wird, hängt von verschiedenen Kriterien ab. So muss ein Viertel Wohnungen von mäßigem Stand haben, deren Aufwertung für die Hausbesitzer lukrativ wäre. Es muss auch Bewohner geben, die durch eine Sanierung gefährdet wären - kinderreiche Familien, Alleinerziehende, Rentner. Werden die Kriterien nicht mehr ausreichend erfüllt, greift die Erhaltungssatzung nicht mehr. Ist ein Viertel erst einmal gentrifiziert, ist es also zu spät.

Aus einer Untersuchung liegt dem zuständigen Planungsreferat nun die Information vor, dass sich die Zahl der über 74-Jährigen in fünf Jahren von 6,6 Prozent auf 3,7 Prozent beinahe halbiert habe. Und dass die Kaufkraft im Viertel je Einwohner von 26 900 auf 33 750 Euro im Jahr gestiegen sei. Demnach seien die typischen Anwohner des Gärtnerplatzviertels heute weit eher gut situierte Doppelverdiener als Rentner, und sie hätten durchschnittlich 25 Prozent mehr Geld zur Verfügung als vor fünf Jahren. Für die Stadtverwaltung bedeute dies, so interpretiert Miklosy: "Damit ist das Kind in den Brunnen gefallen."

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