Medizin Der Arzt, dem die Cannabis-Patienten vertrauen

"Ich möchte nicht von Kiffern benutzt werden, um illegal an ein Rezept heranzukommen", sagt Rolf Müller.

(Foto: Stephan Rumpf)
  • Seit einem Jahr dürfen Mediziner Cannabis verschreiben - doch viele Kassenärzte scheuen davor zurück.
  • Patienten weichen darum auf Privatärzte wie Rolf Müller aus, der im vergangenen Jahr mehr als 500 Patienten Privatrezepte für Cannabisblüten ausgestellt hat.
  • Dem Münchner Gesundheitsamt fiel Müller auf, weil er so viele Betäubungsmittelrezepte orderte.
Von Jasmin Siebert

Seit März 2017 ist es Ärzten erlaubt, Cannabis per Rezept zu verordnen, die Krankenkassen dürfen eine Kostenübernahme nur in begründeten Fällen ablehnen. Viel mehr Menschen als damals angenommen wollen Gras aus der Apotheke haben. Doch viele Ärzte haben Berührungsängste mit der neuen Medizin, die zugleich eine illegale Droge ist.

Weil Patienten nicht immer einen Kassenarzt finden, der ihnen medizinisches Cannabis verschreibt, weichen sie auf Privatärzte wie Rolf Müller aus, der seine Patienten in seiner Praxis am Münchner Maximiliansplatz empfängt. Er hat im vergangenen Jahr mehr als 500 Patienten Privatrezepte für Cannabisblüten ausgestellt und ist damit einer der Ärzte mit den meisten Cannabispatienten in Deutschland.

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Eigentlich sei er ein phlegmatischer Mensch, sagt Rolf Müller über sich selbst. Der naturheilkundlich orientierte Privatarzt wollte in Ruhe sein Buch über die zwölf Meridiane der chinesischen Medizin schreiben. "Doch dann kam die Cannabis-Geschichte über mich", sagt der 64-Jährige. Seine Patienten sind inzwischen überwiegend junge Männer zwischen 20 und 30 Jahren, die von Müller nur eines wollen: ein Cannabisrezept.

Das erste Rezept habe er einem Patienten mit Cluster-Kopfschmerzen ausgestellt, erzählt der Arzt, eine der schlimmsten Formen der Migräne. Die Dankesworte des Patienten lauteten, so Müller: "Es waren meine ersten vier Wochen seit zehn Jahren ohne Migräne, ohne Depressionen, ohne Selbstmord-Gedanken. Und ich war sogar tanzen." Bald kam ein Patient nach dem anderen. Schnell hat sich herumgesprochen, dass es da einen Arzt gibt, der Cannabis im großen Stil verschreibt. Auch dem Münchner Gesundheitsamt fiel Müller auf, weil er so viele Betäubungsmittelrezepte orderte. Er bemüht sich, mit den Behörden zu kooperieren. Die Betäubungsmittelrezepte lagern im Safe, die Praxistür hat ein zusätzliches Sicherheitsschloss.

Da im Gesetz keine konkreten Krankheiten aufgelistet werden, darf Cannabis im Grunde bei jeder "schwerwiegenden" Diagnose verordnet werden - so lange begründet werden kann, warum es Krankheitsverlauf oder Symptome günstiger beeinflusst als eine schulmedizinische Standardtherapie. 90 Prozent von Müllers Patienten haben ADHS. Wenn sie nachweisen können, dass sie Ritalin nicht vertragen haben, verschreibt Müller ihnen Cannabisblüten, in der Regel etwa 60 Gramm pro Monat. Bei einem Apothekenpreis von um die 25 Euro pro Gramm kostet das die Patienten 1500 Euro im Monat. Dazu kommen die Rezeptgebühr und Müllers Honorar. Leisten kann sich das nicht jeder.

Auch wer negative Erfahrungen mit Antidepressiva gesammelt hat, kann von Müller ein Rezept bekommen. Kollegen von Müller, die sich schon länger mit Cannabis befassen, finden seine Herangehensweise merkwürdig. Auch er selbst räumt ein, dass er vielleicht etwas zu gutgläubig gewesen sei und Missbrauch nicht ausschließen könne. Inzwischen ist er vorsichtiger geworden: "Ich möchte nicht von Kiffern benutzt werden, um illegal an ein Rezept heranzukommen." Deswegen hat Müller nun einen Anwalt engagiert, der die Vorbefunde von Patienten auf Echtheit überprüfen soll. Einen Termin bekommt nur noch, wer eine Kopie seines Personalausweises vorlegt und unterschreibt, dass Arztberichte nicht gefälscht sind.

"Seltsamerweise sind meine Patienten alle auf Cannabis fixiert"

Dass Müller vor allem aus juristischen Gründen streng zwischen Kiffern und Patienten unterscheidet, merkt, wer ihm länger zuhört. "Die wollen raus aus der Illegalität", sagt Müller über seine Patienten. Mit seiner Unterschrift verhelfe er ihnen zu "neuer Lebensqualität". Er erzählt von einem Arzt, der immer um fünf Uhr mit seiner Frau einen Joint geraucht habe. Dieses Ritual war es, das die Ehe 40 Jahre zusammengehalten haben soll. Müller selbst habe nur einmal gekifft, mit 18 Jahren. "Ich fand's unangenehm, zu heftig", sagt er. Ein Bedürfnis, das Kraut, mit dem er sich nun täglich befasst, selbst noch einmal auszuprobieren, habe er nicht. "Ich meditiere lieber", sagt der Arzt.

"Seltsamerweise sind meine Patienten alle auf Cannabis fixiert", sagt Müller. Das mag daran liegen, dass die Patienten aus dem ganzen Bundesgebiet extra deswegen zu ihm nach München kommen. Dabei habe er ADHS in den vergangenen 30 Jahren durchaus erfolgreich mit erprobten pflanzlichen Präparaten behandelt, sagt Müller. Doch seinen Patienten lässt er die Wahl, sie sollen selbst entscheiden, welches Mittel sie bevorzugen.

Johannes Streif vom Verband ADHS Deutschland weist darauf hin, dass Patienten ihre eigene Situation nie objektiv einschätzen könnten. Zwar mögen sich aufmerksamkeitsgestörte Patienten durch Cannabis ruhiger und fokussierter fühlen, in objektiven Tests zeige sich jedoch, dass die kognitiven Leistungen oft überschätzt würden. Streif lehnt Cannabis bei ADHS nicht generell ab, betont jedoch, dass es anders als die Standardmedikamente nicht auf den spezifischen Gehirnbereich wirke, der bei ADHS fehlreguliert ist. Auch seien langfristige Nebenwirkungen kaum erforscht.

Privatarzt Müller dagegen hält Cannabis durch den weltweiten, teils illegalen Konsum für ausreichend erprobt, Tabletten und Alkohol seien gefährlicher. Bei allen Substanzen brauche es zur Einnahme geistige Reife, mit einem Unterschied: "Cannabis ist eine Heilpflanze, an der noch niemand gestorben ist", sagt er. Eine Entkriminalisierung nach tschechischem oder niederländischem Vorbild hält er für sinnvoll. Bis es soweit ist, verschreibt er weiter: jedem, der die passenden Vorberichte mitbringt und sich die teure Medizin leisten kann.

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