Von Karl Forster

Ein munteres Viertel der Beatles denkt auf dem Königsplatz mal wieder laut über "yesterday" nach. Doch alle Nostalgie kann nicht darüber hinweg täuschen: Die Zeit der Weicheier aus Liverpool ist vorbei.

Es war ein heißer Sommer damals in den sechziger Jahren. Man lag im Freibad, lutschte Capri-Eis und hörte jenen tschechischen Sender, der zwischen 15 und 16 Uhr immer die beste Musik spielte.

Paul McCartney

Paul McCartney zollt bei der aktuellen Tournee vor allem seiner musikalischen Vergangenheit Tribut. (© )

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In diesem Sommer durfte das West-Publikum per Zuschrift die Band des Jahres wählen. Platz drei belegten die Kinks, das war schon in Ordnung. Doch Freude herrschte, als die Stones die Beatles auf Platz zwei verwiesen. Dank "Satisfaction". Platz zwei war nicht schlecht für die Weicheier aus Liverpool.

McCartney singt das Gestern zurück

Es ist ein kühler Maienabend an diesem Samstag auf dem Königsplatz. Man trinkt schales Bier, der Regen tropft vom Regenschirm des Nachbarn auf die Hose oder gleich direkt ins Genick. Und auf der Bühne spielen 25 Prozent der Beatles. Paul McCartney macht auf seiner "Back in the World"-Tour Station in München mit einem Programm, das zu gut achtzig Prozent aus jener Zeit im Freibad besteht, mit Songs der Beatles also.

Nun, man kennt ja die Vorurteile über diesen Mann, der angeblich der reichste seiner Profession ist. Er habe seit Beatles' Zeiten nichts Vernünftiges mehr zu Papier und Gehör gebracht, er sei nur ein perfekter Verkäufer seiner und seiner Freunde Werke. Das mag sein. Doch was soll's?

Paul McCartney war Teil eines Quartetts, das in einzigartiger Weise Einfluss auf die ganze Welt genommen hat. Und nachdem die Vier beschlossen hatten, sich zu trennen, wurde ein jeder zu seinem eigenen Ganzen, konnte aber nie jene Lücke füllen, die die Beatles hinterließen. Die Beatles waren "yesterday".

Nun bringt Paul McCartney das Gestern zurück. Er singt Beatles-Songs zahlreich wie noch auf keiner Tournee. Er offeriert ein Vermächtnis: die Musik der genialsten Band aller Zeiten. Manchmal fuhr einem ein Schauer über den Rücken bei der Musik einer Band, die 1961 noch Tony Sheridan bei "My Bonnie" begleitete. "Hello Goodbye", "It's Getting Better", "Black Bird", "She's Living Home" - es gab damals Musikwissenschaftler, die das Phänomen Beatles mit dem Phänomen Mozart verglichen und die deswegen nicht gesteinigt wurden!

Verneigung vor einer unglaublichen Zeit

Paul McCartney hat sich eine fantastische kleine Band zusammengestellt. Zwar spürt man bei Rusty Anderson, dass er auf der Gitarre viel mehr kann, als ihm das Erbe George Harrisons aufträgt - manches Riff wirkt arg glatt. Dafür setzt Abe Laboriel Jr. am Schlagzeug Akzente mit rollender Power und kleinen Feinsinnigkeiten, bei denen Ringo Starr schon am Mitzählen gescheitert wäre.

Doch die wahre Größe dieser Musik wird deutlich, als Paul McCartney ganz alleine zur Gitarre unter anderem "We Can Work It Out" singt. Aus dem damals oft als fröhlich missverstandenen Tanzliedchen wird ein Bekenntnis, Pauls Stimme klingt plötzlich rau, voll der Intensität eines erfahrenen Menschen, der am Besten weiß, dass auch er die Zeit nicht zurückdrehen kann.

Und dann eben "Something". George Harrison habe, so erzählt Paul McCartney, oft nach dem gemeinsamen Abendessen ein paar Ukuleles an die Band-Freunde verteilt mit dem Satz: "Spielen wir ein bisschen". Nun zelebriert Paul McCartney "Something" auf der Ukulele, mit dem rechten Bein den Rhythmus stampfend wie ein Straßenmusiker.

"Something" - dieses opulent arrangierte Stück mit dem Spiel um die große und kleine Septime, mit dem ausufernden Mittelteil, der auf der Sext basiert, was damals in der Popwelt so ungewöhnlich war wie die Synkopen in Mozarts großer g-Moll-Symphonie. Auf der Ukulele. "A tribute to George" hatte er gesagt. Es war mehr: eine Verneigung vor einer unglaublichen Zeit mit einer unglaublichen Musik.

Jaja, dann gab es noch "Let It Be" und "Hey Jude" und natürlich "Yesterday". Und an der Ampel stand später ein Golf mit offenem Fenster und Dummdumm-Wummern. Solche Musik hätten sie damals gar nicht gespielt bei den Tschechen. Komisch, dass die Stones gewonnen haben.

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