Von Willibald Sauerländer

"Die Kunst von allem schmückenden Beiwerk zu befreien", war die Mission von Mark Rothko. Er ist einer der bedeutensten amerikanischen Künstler des 20. Jahrhunderts. Eine Retrospektive in der Hypo-Kunsthalle in München zeigt nun seine Werke.

Mark Rothko gehört zu jenen amerikanischen Malern, in deren Schaffen die "Klassische Moderne", als sie in Europa schon epigonal geworden war, noch einmal eine letzte äußerste Steigerung erfuhr.

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In der Hypo-Kunsthalle in München zu sehen: Mark Rothko - Ohne Titel (Pflaume, Orange, Gelb), 1947 (© Foto: Museo Tamayo Arte Contemporáneo, Conaculta/INBA, Mexiko)

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Längst ist dieser explosive Vorgang zur Kunstgeschichte geworden, hat man ihn auf eingängige Formeln festgelegt. Man spricht vom "Abstract Expressionism", man hat darüber gewitzelt, dass New York Paris die moderne Kunst gestohlen habe, und aus der Mitte der von ihrem kreativen Zorn berauschten Künstler erklang die taumelnde Rede: "Das Erhabene ist jetzt."

All das ging schnell vorüber. Schon bald nach 1969 riefen Kritiker das Ende der Avantgarde aus, und die Pop Art bereitete diesem letzten, furiosen Aufscheinen des "Geistigen in der Kunst" rasch ein triviales Ende.

Im Rückblick stellt sich der Aufstieg dieser großen amerikanischen Maler mit Rothko und Newman an ihrer Spitze als Teil jener emphatischen Rettung der europäischen Moderne durch deren Verpflanzung an die amerikanische "East Coast" dar. Was in Paris, München, Mailand um 1900 begonnen hatte, expandierte im Werk der amerikanischen Maler zu einer Freiheit, welche die Enge der Alten Welt niemals zugelassen hätte.

Die Bilder, die damals in den Ateliers der "Zornigen" wie Rothko, Newman und Pollock entstanden, haben auch nach einem halben Jahrhundert ihre Leuchtkraft unvermindert behalten. Kein Warhol, keine Pop Art, erst recht keine Postmoderne und kein Neorealismus haben sie verdunkelt. Ihre Leuchtkraft ist ungebrochen.

Jetzt bietet eine Retrospektive in der Kunsthalle der Münchner Hypo-Kulturstiftung die Gelegenheit, Rothko wieder zu begegnen. Wichtiger noch: Diese Ausstellung ist eine Aufforderung dazu, nach dem historischen Ort und dem philosophischen Sinn einer Malerei zu fragen, welche sich noch einmal auf die Transzendenz eingelassen hatte.

Heute, da fast auf religiöse Weise über die Grenzen zwischen bildlicher Information und dem Bild als Kunst gerungen wird, stellt diese Retrospektive eine ästhetische und spirituelle Gewissensfrage. Bewundernswert ist, was zusammenkam: 113 Arbeiten - Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen. In den sympathisch spröden Räumen von Herzog & de Meuron kommen sie auf grau getönten Wänden in chronologischer Folge mit einprägsamer Wirkung zur Ruhe.

Die Schau bietet einen umfassenden Überblick über Rothkos Werk von den verfremdeten, bizarren Manhattan-Bildern aus den dreißiger Jahren, die so gar nichts vom Optimismus des New Deal ausstrahlen, über die Beschäftigung mit oft erschreckenden Themen aus Mythen und Religion in der seelischen Not von Krieg und Holocaust bis zu den biomorphen Kompositionen nach 1945, die auf eine unironisch grübelnde Weise vom Surrealismus inspiriert scheinen.

In Raum 5 wird man staunender Zeuge des elementaren Durchbruchs von 1947/48. Die Gegenstände verschwinden. Übrig bleiben nur noch die atmenden Bewegungen der Farben durch die imaginären Räume im Inneren der Bilder.

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