Manfred Nötzel Deutschlands erfolgreichster Staatsanwalt geht in Ruhestand - und jagt weiter

Manfred Nötzel, damals Oberstaatsanwalt, bei einem Fototermin auf dem Dach der Staatsanwaltschaft München I im Sommer 2014.

(Foto: Stephan Rumpf)

Manfred Nötzel hat jahrelang bewiesen, was Fahndungsdruck bewirken kann. Firmen wie Siemens oder MAN mussten seinetwegen Millionenbeträge zahlen.

Von Heribert Prantl

Ein schöner juristischer Kalauer ist der vom Rechtsanwalt, der auf die Frage, wie es ihm denn so gehe, die jammernde Antwort gibt: "Ich kann nicht klagen." Das Witzlein stammt aus den Zeiten, in denen sich Erfolg und Einkommen des Rechtsanwalts an der Zahl seiner Klageschriften bemaß, die er im Auftrag seiner Mandanten ans Gericht schickte. Das ist heute, weil die Streitbeilegung außerhalb von Zivilprozessen immer größere Bedeutung hat, kein so wichtiges Kriterium mehr.

Bei den Staatsanwälten, im Strafrecht also, ist das nicht anders. Zwar heißt der Staatsanwalt landläufig immer noch "Ankläger" und seine Behörde wird "Anklagebehörde" genannt; aber ein moderner Staatsanwalt kann auch ohne eine Serie von Anklagen glücklich sein - zum Beispiel dann, wenn es ihm gelingt, per Geldauflage oder Geldbuße gewaltige Summen einzutreiben. Ein Großmeister auf diesem Gebiet war Manfred Nötzel, Chef der Staatsanwaltschaft München I und zuletzt Generalstaatsanwalt; am Montag wird der 67-Jährige im Festsaal des Alten Rathauses zu München in den Ruhestand verabschiedet.

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Nötzel war, auch wenn ihm nicht alles gut gelungen ist, der Dirigent der erfolgreichsten Eingreiftruppe gegen Wirtschaftskriminalität in Deutschland - uneitel, pragmatisch, hart und fair. Er hat wesentlich dazu beigetragen, dass die Zeit der staatlichen Ohnmacht bei White-Collar Crime so vor fünfzehn Jahren zu Ende ging. Es hat sich gezeigt, was Fahndungsdruck bewirken kann - unter anderem eine Bewusstseinsveränderung bei Banken und Großfirmen. Dass es dort heute "Compliance"-Abteilungen gibt, ist auch Nötzel zu verdanken.

Nötzel und seine Staatsanwälte haben das System der Abschöpfung krimineller Gewinne perfektioniert: Siemens musste 600 Millionen bezahlen, MAN 150 Millionen, Ferrostaal 149 Millionen, Linde 35 Millionen. Das Strafverfahren gegen den Formel-1-Veranstalter Bernie Ecclestone wurde gegen eine Geldauflage von 100 Millionen Dollar eingestellt.

Die Kritik hat das als "Kassenjustiz" verurteilt. Nötzel, der ein selbstbewusster Mann ist und sich mit köstlichem Sarkasmus wappnet, hat sich davon nicht beeindrucken lassen. Beeindruckend sind aber die Beträge, die er für den Staatshaushalt kassiert hat: über den Daumen gepeilt 1,3 Milliarden. Das Büfett zum Abschied wird gleichwohl, wie bei der Justiz üblich, eher karg sein - was eigentlich ein wenig ungerecht ist: Mit nur einem Promille der Summe könnte man die Gelage der Landshuter Hochzeit des Jahres 1475 wiederholen.

Nötzel ist von schwäbischer Herkunft, daher kommt vielleicht, so erklärt er, "eine gewisse Leidenschaft für das Thema Vermögensabschöpfung". Über der Tür zur Aula seiner Heimatuniversität Tübingen steht das Wort "Attempto" - ich wag's. Der Graf Eberhard im Bart soll das gerufen haben, als er 1477 die Universität Tübingen gründete. Das Motto hat dem Staatsanwalt Nötzel sein Berufsleben lang gefallen. Er hat es mit Raffinesse und Chuzpe in staatsanwaltschaftliches Handeln übersetzt; bisweilen hat er die Beschuldigten und ihre Anwälte in seinem Büro mit Kamillentee traktiert: "Das soll ja beruhigende Wirkung haben." Unfehlbar war Nötzel natürlich nicht: Das von ihm betriebene Abhören des Polizeireporters des Bayerischen Rundfunks scheiterte erst am Einspruch des Bundeskriminalamts. Und er musste Justizaffären und Untersuchungsausschüsse überstehen.

Begonnen hat Nötzel seine Laufbahn 1981 als Amtsrichter. In seiner Rede zur Amtseinführung als Generalstaatsanwalt hat er davon erzählt: "Das ist ein Traumjob, du bist 'the man next to God'. Niemand redet dir drein. Du machst es einfach so, wie du es für richtig hältst." Das war genau sein Ding, daher blieb er bei der Justiz; aber dann entwickelten sich die Dinge doch in Richtung Staatsanwaltschaft. Im Ruhestand bleibt Nötzel seinem alten Metier nah: Er will die Jägerprüfung machen und auf die Jagd gehen - diesmal im Wald.

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