Malteser Hilfsdienst Ein unchristlicher Lohnstreit

Zwei Sanitäter aus München werfen dem Malteser Hilfsdienst vor, seinen Beschäftigten nur Dumpinglöhne zu zahlen. Was passiert? Die Betriebsräte bekommen die fristlose Kündigung, weil sie ihren Arbeitgeber um Arbeitszeit betrogen haben sollen - einer der beiden um eine halbe Stunde. Über den Alltag bei einem christlichen Hilfsverband, bei dem immer öfter der Preis die Ethik schlägt.

Von Matthias Drobinski und Bernd Kastner

Es ist schon finster, niemand merkt, dass draußen vor dem Gebäude ein Mann wartet, das Haus fest im Blick. Ein Fenster ist noch hell im Gebäude des Malteser Hilfsdienstes in Gräfelfing bei München; um halb zwölf löscht jemand das Licht. So notiert es der Mann im Verborgenen, es ist September 2011.

Marc Bauer und Sebastian Merkner (Namen geändert) arbeiten an diesem Abend noch. Sie sind im Bezirksverband München die Vorsitzenden der Mitarbeitervertretung (MAV) - in katholischen und evangelischen Einrichtungen übernimmt die MAV Funktionen des Betriebsrates. Nach Ende ihrer MAV-Sitzung brechen sie auf, gegen 0.30 Uhr sind sie zu Hause. So geben sie es auf ihrem Stundenzettel an. Dass es in dieser Nacht auf jede Minute ankommt, ahnen sie nicht.

Denn gut einen Monat später erhalten sie die fristlose Kündigung. Die beiden sollen in jener September-Nacht ihren Arbeitgeber betrogen haben, der eine um eine halbe Stunde Arbeitszeit, der andere um zwei Stunden. Sie seien sicher schon früher zu Hause gewesen, argumentiert der Bezirksgeschäftsführer; er stützt sich auf einen Routenplaner. Anlass der fristlosen Kündigung ist damit der Streit um ein paar Euro. Doch was ist der wahre Grund?

Bauer und Merkner sind nicht zufällig beobachtet worden. Das geben die Malteser später offen vor dem Arbeitsgericht zu, wo über die Kündigungen gestritten wird: Ja, die Geschäftsleitung des Bezirksverbandes München habe den Geschäftsführer des Nachbarbezirks Ostbayern "beauftragt", die Betriebsräte "zu beobachten". Die beiden glauben, dass Bespitzelung und Rauswurf die späte Strafe für ihre Tätigkeit in der Mitarbeitervertretung ist.

Über viele Monate hinweg hatten sie harte Auseinandersetzungen mit ihren Vorgesetzten, auch vor dem kirchlichen Arbeitsgericht. In jener Nacht beriet die MAV über weitere juristische Schritte. Es ging vor allem um die Bezahlung von Malteser-Mitarbeitern, gerade der geringfügig Beschäftigten. Ihr Vorwurf: Der christliche Hilfsdienst zahlt einem Teil seiner Beschäftigten Dumpinglöhne.

Wenn das stimmt, dass der Rauswurf eine Strafaktion ist, dann ist das mehr als nur ein regionaler Skandal. Die Malteser sind die älteste christliche Hilfsorganisation der Welt. Den Malteserorden, aus dem heraus 1953 der Hilfsdienst gegründet wurde, gibt es seit 900 Jahren.

Geht der Papst auf Reisen, kümmern sich die Malteser um die Gläubigen, denen die Begeisterung auf den Kreislauf schlägt. An der Spitze des Ordens, des Hilfsdienstes und der gemeinnützigen GmbH stehen Vertreter des katholischen Adels in Deutschland: Erich Prinz von Lobkowicz, Peter Freiherr von Fürstenberg, Constantin von Brandenstein-Zeppelin, Franz Graf von Harnoncourt. Ausgerechnet hier also gibt es unchristliche Niedriglöhne? Ausgerechnet hier sollen missliebige Mitarbeitervertreter ausgeforscht worden sein - in einer Zeit, in der das kirchliche Arbeitsrecht samt Streikverbot in der Debatte steht?

"Gewaltige Grauzonen"

Im November erst hat das Bundesarbeitsgericht Leipzig den sogenannten Dritten Weg im Arbeitsrecht der Kirchen bestätigt - wenn die Kirchen sich an das halten, was sie da versprechen: Die Löhne werden fair ausgehandelt, und zwischen den Mitarbeitern und den Dienstgebern besteht tatsächlich das partnerschaftliche Verhältnis auf Augenhöhe, von dem die Kirchen immer sprechen. So berührt die Geschichte aus München das Selbstverständnis der katholischen Kirche als Arbeitgeberin.

Sie erzählt aber auch von einer Branche, in der der Konkurrenzkampf derart hart geworden ist, dass immer öfter der Preis die Ethik schlägt, nicht nur bei den christlichen Anbietern. Bei der Gewerkschaft Verdi singen sie ein Lied davon. Dominik Schirmer, in Bayern für den Rettungsdienst zuständig, berichtet von fragwürdigen Lohntricks: "Vor allem bei den Minijobs gibt es gewaltige Grauzonen."

Die Zentrale der Münchner Malteser an der Streitfeldstraße mag einmal repräsentativ gewesen sein, heute lärmt an der Frontseite der Mittlere Ring, die Fenster der Rückfront schauen übers Industriegebiet. Im Erdgeschoss dominieren blassgelbe Kacheln und weiße Lackfarbe den Eingang, im Treppenhaus hängen Fotos von ockergelben Felsen und Häusern: Malta, die Insel im Mittelmeer, Heimat der Malteser. Gleich rechts ist die Praxis der Migrantenmedizin. Hier werden auch Illegale, Flüchtlinge und Menschen ohne Krankenversicherung behandelt. Die Malteser tun viel Gutes, ohne Zweifel.

Was aber war nun mit Marc Bauer und Sebastian Merkner? Beide sind Anfang 30, beide waren etwa zehn Jahre bei den Maltesern beschäftigt als Rettungssanitäter, Merkner erhielt wenige Tage vor seinem Rauswurf ein Dankschreiben für sein "großes Engagement" als Ehrenamtlicher. Seine Frau war damals hochschwanger. Diözesangeschäftsführer Christoph Friedrich hat Kaffee, Kekse und gewundene Erklärungen vorbereitet. Für die Kündigungen habe es "einen schwerwiegenden Grund" gegeben, formuliert er, "der in gängiger Rechtsprechung zur Kündigung führt".