Madonna in München Sündige Ikone

Skandale? Sex? Sündiges? Was die Fans beim Madonna-Konzert am Dienstag in München erwartet, steht in den Sternen.

Von Michael Zirnstein

Die Münchner Madonna-Fans sind eben doch die besten. Im Internet haben sie eine Geburtstagsüberraschung für ihre Heldin ausbaldowert. Wenn Madonna zwei Tage nach ihrem Einundfünfzigsten im Olympiastadion erscheint, startet das Unternehmen "Ballonaktion".

Möglichst viele Konzertbesucher sollen Luftballons mit "Happy Birthday"-Aufdruck in die Arena schmuggeln und zum verabredeten Zeitpunkt aufblasen. Es böte sich die Pause vor "You Must Love Me" an, weil Madonna da gerne mit dem Publikum plaudere. "Je mehr Ballons plötzlich zu sehen sind, umso überraschter und gerührter wird Madonna sein."

Sobald die letzte Träne der Ergriffenheit getrocknet ist, möge man die Luft entweichen lassen und keinesfalls pralle Grußgummis auf die Bühne werfen: "Das wäre für Madonna und ihre Tänzer zu gefährlich." So rücksichtsvoll sind die Münchner Fans.

Der Kaiserin des Pop sei ihre süddeutsche Gefolgschaft jahrelang schnuppe gewesen. So geht zumindest die Klage, denn das bis dato letzte Mal hat sie 1990 in München Hof gehalten. Als die Sängerin damals auf der "Blond Ambition"-Tour im nicht ausverkauften Reitstadion Riem mit dem berühmten, von Jean-Paul Gaultier erschaffenen Pylon-Büstenhalter sowie einem "schlängelnden Ausflug ihrer Hand in den Süden ihres Körpers" das Publikum zu erregen versuchte, habe die Menge Madonnas Ansicht nach unterkühlt reagiert.

Die einzig wahre Madonna Soweit die Gerüchte, denen allerdings entgegensteht, dass "das Material Girl", die "schrille Sex-Hexe", die "Nonne auf Trockeneis", so die damaligen Presseberichte, nach einer "zügellosen Show" - einem "Stück Hollywood-Größenwahn" und "gigantischen Ausstattungsschinken" - von der "friedlichen Stimmung" angetan den Stop an der Isar spontan um einen Tag verlängert habe.

Seit damals hat sich einiges getan im Leben der Madonna Louise Ciccone: Männer gingen, Adoptivkinder kamen, sie küsste Fitnesstrainer und Kollegin Christina Aguilera, Päpste murrten, Plattenverkäufe schnurrten (sie hat 300000000 Millionen Tonträger verkauft), sie drehte Filme, spielte Theater, führte Regie, schrieb Kinderbücher, modelte, studierte die Kabbala. Musikalisch schwamm sie mit und gegen Trends: Sie landete vom Europop über Black-Beats, Musical ("Evita"), französische Club-Elektronik und den tanzgeilen Verkaufsschlager "Confessions on a Dancefloor" bei dem für US-Schickimickis getrimmten Neo-R'n'B-Glanzstück "Hard Candy" (in 27 Ländern auf Platz 1) und nun bei "Celebration".

Die neue Single (des kommenden Best-of-Albums), zitiert ungeniert die Fanfaren-Hymnen der Großraumdisko-Ära. Bei allem blieb eines gleich: Wie viele Pop-Prinzessinnen brachten nicht "das Album, das Madonna hätte schreiben müssen" heraus? Wer, von Kylie Minogue über Pink bis Lady Gaga, wurde nicht zur "neuen Madonna" ausgerufen? Aber immer blieb sie, die Alte, die einzig wahre Madonna, die sündige Heilige (ohne wie King Jacko je zu verblassen). Sie hat es sich erarbeitet.

Mühsal und Disziplin sieht man ihr an, wovon sich bisher 2350285 Gäste der "Sticky & Sweet"-Tour überzeugten: Wenn Yoga so einen Körper formt, sollte die deutsche Hammerwerfer-Riege bald damit anfangen. Fotos von durchschwitzten 58 Auftritten belegen eine neue Meisterschaft der Stimulation und Provokation. Und sollte Madonna im Olympiastadion einmal beide Mittelfinger hochrecken - nicht zu Herzen nehmen, liebe Münchner Fans, sie hat das schon in 58 Städten gemacht.