Ludwigsvorstadt/Isarvorstadt "Zu groß, zu hoch, kein Platz zum Wohnen"

Der Plan, das Volkstheater auf dem Gelände des Viehhofs zu bauen, stößt im Schlachthofviertel auf Widerstand. Die Bürger kritisieren die Dimensionen des Projekts und befürchten, dass auch die Verkehrsbelastung zunimmt

Von Birgit Lotze, Ludwigsvorstadt/Isarvorstadt

Was bleibt vom Viehhof? Nicht viel, befürchtet Hartmut Senkel, der Initiator der Internet-Petition für die Erhaltung des Viehhofs. Von dem "magischen Ort" sei nichts mehr da, wenn dort die Volkstheater-Pläne verwirklicht würden. "10 000 Quadratmeter Viehhof werden jetzt mit einer schwarzen Walze zugemacht", sagte er als Zuhörer in der Sitzung des Bezirksausschusses (BA) Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt.

Dort ging es um die Stellungnahme zum Vorbescheid, den das Kulturreferat für den Theater-Neubau auf dem Gelände beantragt hat. So schwarz wie der Viehhof-Kino-Betreiber sahen andere im Saal zwar nicht. Doch es hagelte Kritik an den städtischen Plänen, auch vom BA: Zu groß, zu hoch, die Anfragen beinhalteten fragwürdige Abrissabsichten und unzulängliche Vorschläge für Zufahrten und Zugänge.

In einer vierseitigen Stellungnahme, die nun an die Verwaltung geht, heißt es, der Vorbescheid müsse die Lage im Viehhofgelände, die Einbindung ins Viertel, die "Zuwegung" und die Verkehrsanbindung berücksichtigen. Der BA fordert darin, weniger Fläche zu verbrauchen, die Höhe der Gebäude auf 24 Meter zu beschränken und die Möglichkeit für einen Zugang zum Viehhof-Areal von der Schmellerstraße zu erhalten. Außerdem geht es um Nachbesserungen beim Verkehrskonzept. Vor allem - und zwar vor einem Erlass des Vorbescheids - fordert der BA eine Gesamtplanung. "Die stückweise Planung und Verwertung, wie jetzt angegangen, ist fahrlässig in Bezug auf den finanziellen und stadtplanerischen Wert des Grundstücks."

Derzeit Parkfläche, im Sommer Biergarten: Wo früher das zur Schlachtung vorgesehene Vieh untergebracht war, will sich das Volkstheater niederlassen.

(Foto: Robert Haas)

Vorausgegangen war dem in allen Punkten unisono beschlossenen Papier eine mehrstündige Diskussion mit Bürgern, die sich während der BA-Sitzung besorgt wegen des geplanten Theater-Neubaus äußerten. Sie fürchten, dass ihnen etwas vor die Nase gesetzt wird, was gravierend in die Struktur des Viertels eingreift und dessen Charakter verändert.

Ein Bürger sprach von 1200 Theaterzuschauern, die allabendlich das Viertel mit Autos verstopfen, andere befürchten, dass ein hoher Bühnenturm - 30 Meter sind im Vorbescheid angefragt - Einfluss auf die künftige Bauhöhe im Schlachthofviertel hat. Auch Bezirksausschuss-Mitglieder zweifelten die Notwendigkeit eines so hohen Bühnenturms an. 30 Meter hoch und 20 Meter breit solle er werden - "ein kleines Hochhaus", sagte Silvia Haas (Grüne). "Warum kann er nicht versenkt werden, wie bei anderen Münchner Theatern?"

Erst kürzlich war bekannt geworden, dass die Architekten über die städtischen Referate bei der Lokalbaukommission viel weitergehende Pläne im Antrag auf Vorbescheid formuliert haben, als ursprünglich vorgesehen. Da ist nicht nur von einem höheren Turm die Rede, sondern auch von drei statt zwei Theatersälen.

Außerdem wird eine wesentlich größere Fläche für den Neubau angefragt. Auch ist darin die Rede vom Abriss des Torwärterhäuschens am Eingang Zenettistraße und den dahinter liegenden gewerblich genutzten Flachbauten. Diese seien jedoch Teile des identitätsstiftenden Eingangsensembles zum Viehhof, wie der Unterausschuss Bauen und Planen bereits in der vergangenen Woche betont hatte.

Der Bezirksausschuss will einen möglichen Zugang zur Schmellerstraße nicht zubauen.

(Foto: Robert Haas)

Das Misstrauen ist deshalb groß im Schlachthofviertel. Paul Bickelbacher (Grüne), der auch dem Stadtrat angehört, versuchte deutlich zu machen, dass ein Vorbescheid dazu da sei, Baurecht abzufragen, also Maximalgrenzen zu setzen, nicht endgültige Baugrenzen.

Die Zuhörer im Saal schenkten der Stadtverwaltung jedoch wenig Vertrauen. Sie forderten, dass die Anfragen des Referats an die Lokalbaukommission öffentlich gemacht werden. In dieser Anfrage sei sogar eine Beteiligung der Nachbarn eigens ausgeschlossen worden, behauptete ein Anlieger. "In der Regel werden Nachbarn über einen Vorbescheid informiert. Aber auf Wunsch der Stadt kann er auch hinter verschlossenen Türen behandelt werden." Der Text der städtischen Anfragen wurde jedenfalls im Plenum nicht verlesen.

Zur Gesamtplanung fordert der BA nun einstimmig von der Stadt, dass auf dem Viehhof-Areal als eines der letzten Filetstücke vor allem die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum Vorrang haben soll. Sowohl auf der Brachfläche im Süden - beim Eingang Tumblinger Straße - als auch im Osten, wo jetzt die Metzgerei Gassner arbeitet, sei Wohnbebauung denkbar. Im Vorbescheid fehle allerdings eine Aussage zur Verträglichkeit des Theaters mit Wohnbebauung. Auch das Verkehrskonzept sei eingeschränkt angelegt. Dass Theatergäste auch mit Bussen kämen, sei nicht berücksichtigt.

Auch dass rund 2000 Menschen künftig das noch zu bauende Schulzentrum und das Stadtteilkulturzentrum besuchten, sei nicht eingerechnet, formulierte Beate Bidjanbeg (SPD) in der Begründung. "Wenn sich die Ausweisung des Baurechts nur auf die aktuelle Situation im Viertel und auf das Volkstheater konzentriert, werden damit für die nächsten Schritte der Gesamtplanung Einschränkungen zementiert."