Lokführer traumatisiert Die Leere nach dem Aufprall

1000 Menschen werfen sich jährlich vor Züge - Lokführer Gerhard Hofer lässt das Trauma nicht mehr los. Er musste seinen Beruf aufgeben.

Von Antonia Berneike

Der Mann wartet rechts neben den Gleisen. Gerhard Hofer sieht ihn zwischen den Büschen kauern, als er mit seinem Zug aus der Kurve kommt. Der Mann blickt in seine Richtung, krabbelt los, die Böschung hinauf, hockt sich zwischen die Schienen, verharrt, mit Blick auf Gerhard Hofers Lok.

Hofer, der in Wirklichkeit anders heißt, sieht die Szene immer wieder vor sich. Sie hat ihn verfolgt, ihn gelähmt, ihm beinahe den Lebenswillen genommen. Fünfzehn Jahre war Hofer Lokführer bei der Deutschen Bahn. War alles gefahren, Diesel-Lok, E-Lok und ICE. Hatte Stahlmassen mit 20000 PS und einem Gewicht von 80 Tonnen gelenkt und war mit Tempo 250 durch den Landrückentunnel Richtung Fulda geheizt.

Elf Kilometer sind das, in etwa zwei Minuten. Der Münchner hatte alle Signale beachtet, seine Strecken auswendig gelernt, hatte Verantwortung übernommen. Zehn Jahre saß er im Betriebsrat. "Frag den Gerhard", hieß es unter Kollegen. Er kommt mit allem klar - der Einsamkeit im Führerstand und den anstrengenden Nachtschichten.

Bis er 2004 auf seinen letzten Selbstmörder trifft. Den Vierten, der dann einer zu viel ist. Hofer springt auf, reißt am Bremshebel, gibt das Achtungssignal, gibt Bremssand. Sieht das Gesicht des Mannes. Runter da! Runter vom Gleis! Dann ein dumpfer Schlag, ein Knacken, als die Lok den Körper trifft.

Warum ich? Warum jetzt?

Fälle wie diesen gibt es viele bei der Deutschen Bahn. Etwa eintausend Menschen suchen jährlich den Tod auf den Schienen, schätzt Oliver Kaufhold, Sprecher der Bahngewerkschaft Transnet. Statistisch muss jeder Lokführer damit rechnen, dreimal in seiner Laufbahn betroffen zu sein. Manche, wie Hofer, treibt das in die Verzweiflung. Die Deutsche Bahn schweigt über den Umgang mit "Personenschäden", wie die Suizide im Beamtendeutsch heißen. Man will vermeiden, dass Nachahmer aufmerksam werden - und außerdem die betroffenen Lokführer schützen.

Hofer zittert am ganzen Leib, als der ICE nach dreihundert Metern zum Stehen kommt. Er gibt den Notruf durch. Eigentlich müsste er jetzt raus, nachgucken, ob was an der Lok ist. Doch in seinem Körper ist nur Leere. Seine rechte Hand umkrampft den Bremshebel. Er guckt aus dem Fenster, zehn, zwanzig Minuten. Warum ich, warum jetzt? Der Staatsanwalt kommt, die Polizei ist da und ein Notfallmanager der Bahn - er bemerkt sie alle nicht.