Wohnen beim Oktoberfest Apokalypse vor der Haustür

Wenn die Wiesnzelte dicht machen und die Besucher nach Hause gehen, beginnt für die Anwohner die schlimmste Zeit.

(Foto: Stephan Rumpf)

Saufende Horden, geschirrte Pferde und schlechte Hygiene: Wer in der Nähe der Wiesn wohnt, für den ist das Fest ein einziges Mittelalter-Revival.

Von Franziska Storz

Kaum eine Epoche wird so glorifiziert wie das Mittelalter. In Fernsehserien und historischen Romanen, auf Kindergeburtstagen und Stadtfesten, überall wimmelt es von edlen Rittern, einfachen Marktschreiern, Räubern und lang bezopften Burgfräuleins. Burgfräulein wäre in meiner aktuellen Alltagsüberforderung auch ein Traumberuf. Ich würde stinkend und strickend in einem Turm sitzen, trotz Mundgeruchs ab und an einen Ritter empfangen, Singvögel in Käfige sperren und mein Pony striegeln. Vor allem würde ich in meinem Turm in aller Ruhe das Oktoberfest verpassen.

An meinem Wohnhaus im Münchener Westend muss nahezu jeder der 6,3 Millionen Wiesnbesucher vorbei. Mir kommt die mittelalterliche Idee, von hoch oben heißen Teer auf anrückende wilde Horden zu schütten, in jedem Jahr wieder plausibel vor.

Die Bewohner meines Viertels bereiten sich auf das Oktoberfest vor wie auf einen Krieg. Hauseingänge werden verrammelt, Besitztümer in Sicherheit gebracht und hübsche Frauen abends auf dem Heimweg bewacht. Manche treten jedes Jahr pünktlich die Flucht an. Sie verlassen die Stadt und hoffen, dass bei ihrer Rückkehr das Haus noch steht.

Selbst gemischte Biowaffen haben sich bewährt

Wir Daheimgebliebenen rüsten auf. Selbst gemischte Biowaffen haben sich im Kampf gegen Wildpinkler im vergangenen Jahr besonders bewährt. Damals beschloss ein australischer Mitbürger, sein Gemächt auf dem Fensterbrett im Erdgeschoss abzulegen und seinen goldenen Urinstrahl einfach mal so laufen zu lassen. Mein tapferer Nachbar Felix schoss den Australier daraufhin mit einer "Power XXL Pump-Gun" ab. In der Wasserpistole mit Extra-Tank war ein liebevoll gemischtes Gebräu aus Parfüm, altem Blumenwasser, Gesichtscreme und saurer Milch.

Der Anti-Oktoberfest-Guide

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Der Australier roch in Windeseile wie ein Pumakäfig. Wir hatten gewonnen. Der bereitgestellte Wassereimer meiner Nachbarin aus dem vierten Stock kam bei dieser Aktion nicht zum Einsatz, aber ich erwischte sie ein paar Tage später dabei, wie sie die Klamotten von einem bei uns im Hausflur gestrandeten, tief schlafenden Liebespaar zu einem riesigen Haufen verknotete.

Dem Zusammenhalt unserer Hausgemeinschaft tut das Oktoberfest also durchaus gut. Die Kinder beschäftigen sich auch von alleine in dieser Zeit. Denn entweder sind sie selbst auf der Wiesn oder sie spielen Nicht-das-Erbrochene-Berühren oder Um-die-Glasscherben-Tanzen.

Mittelalterfans sollten in den nächsten drei Wochen also mal bei uns vorbeischauen. Wir haben alles: marodierende Horden, Pferde in feinstem Geschirr, Kaufleute, lustige Menschen in Narrenkostümen, Taschendiebe, dicke Wirte, gebratene Ochsen, pittoreske Bauten, Hygienemängel und Körperflüssigkeiten. Ach so, die Pest fehlt. Aber eine anständige Wiesngrippe gepaart mit einem großen Kater, das kann einen auch fast ins Grab bringen.

Die Hölle, das sind die anderen

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