Leute Tränen, Träume und Triumphe

Mit Elyas M'Barek als Wärmflasche oder Bruno Ganz als Stoiker: der amüsante 37. Bayerische Filmpreis

Von Philipp Crone

Bei jeder Preisverleihung ist der Anfang ganz besonders angenehm für die geladenen Gäste, und am Freitagabend bei den Bayerischen Filmpreisen noch einmal mehr. Denn da müssen die Damen und Herren nur ein paar Meter durch die Eiseskälte stapfen, vorbei an frierenden Fans und Fotografen, um dann im Prinzregententheater in wohliger Wärme den Abend zu verbringen. Drinnen und draußen, privilegierter als am Freitag dürfen sich die Gäste, die eine Einladung haben, in München selten fühlen. Die Frage ist allerdings: Was hat der Abend außer Wärme noch zu bieten? Unterhaltung? Und: Können die Filmprofis im Schneetreiben ihre Selbstwerbungsarbeit machen, ohne einzufrieren? "Ein wirklich frauenfeindliches Wetter", konstatiert eine Beobachterin, die auch gleich SOS-Handwärmerkissen eingepackt hat, sämtliche Damenfrisuren sind innerhalb von Sekunden zerzaust und die Haarträgerinnen verfroren. Elyas M'Barek macht das einzig Richtige: sich über alles lustig. Das bringt ihn selbst zum Lachen und auch die anderen, denn die gluckernde Lache des "Fack ju Göhte"-Darstellers ist einfach ansteckend. Zumindest für Karoline Herfurth, seine Film-Partnerin, die er fürsorglich mit einer Jacke behängt. Und selbstverständlich zieht ein Gentleman auch keine Socken an, wenn die Dame ganz ohne Fuß-Kälteschutz antreten muss. M'Barek ist ausnahmsweise nicht da, um selbst einen Preis entgegenzunehmen, sondern um einen zu überreichen, an die Schüler seiner Filmklasse. Die werden gleich als erstes ausgezeichnet, mit dem Nachwuchspreis. Dafür stehen M'Barek, Herfurth und Uschi Glas mit sechs Porzellan-Pierrots auf der Bühne, die sie übergeben. Allerdings nicht, ohne dass Glas mit der Bemerkung, wie sehr sie sich "auf neue Ideen" freut, gleich für eine weitere Fortsetzung von "Fack ju Göhte" und von einer Wiederbesetzung träumt.

Einer der Schüler, Max von der Groeben, der an diesem Abend seinen 24. Geburtstag feiert, darf dann vor der Klasse sprechen und ist so beeindruckt, dass ihm nur eine ganz nüchterne Danksagung über die Lippen kommt. Die Kulisse im Prinzregententheater kann einen jungen Schauspieler ein wenig aus der Fassung bringen. M'Barek hingegen weniger, und selbst wenn ihm ein ungewollt selbstherrlicher Spruch im Sprüche-Sprudel auskommt, wie die Feststellung, dass er selbst nur durch die gute Leistung seiner Filmklasse glänzen konnte, dann lacht er eben einfach kurz über sich selbst. Es sind solche Momente, freiwillig oder unfreiwillig komisch, wenn zum Beispiel der ganze Saal zum Heidi-Lied-Singen animiert wird, die so eine Verleihung doch kurzweilig machen. Bruno Ganz darf dann auf die Frage, ob er in Heidi gerne den Almöhi gegeben hat, sagen: "Ich bin Schweizer, da führte kein Weg dran vorbei."

Deutlich wird auch Regisseur Simon Verhoeven, der als Laudator für den Kameramann Jo Heim auf der Bühne steht. Heim hat für Verhoeven dessen Thriller Unfriend gedreht, und dem Sohn von Senta Berger und Michael Verhoeven, die im Publikum sitzen, "oft den Arsch gerettet". Vor lauter Offenheit seinem Kollegen gegenüber schiebt Verhoeven gleich hinterher: "Komisch, dir das jetzt so direkt zu sagen." Eigentlich gar nicht, eher die Verknappung einer Laudatio auf Fack-ju-Göhtisch. Bei der nächsten Kategorie fließen Tränen. Rosalie Thomass wird als beste Darstellerin ausgezeichnet, und als plötzlich eine japanische Musikerin auf der Bühne steht, die ein Lied aus dem Dörrie-Film "Grüße aus Fukushima" spielt, werden der schwangeren Darstellerin nach einem lauten "Wow!" die Augen feucht. Zur Danksagung reißt sie sich zusammen und entfaltet einen Zettel, dass das Publikum die Luft anhält, jedoch: "Zwei Minuten, ich hab's vorgestoppt." Und Burkhart Klaußner, der beste Darsteller, schüttelt bei der überschwänglichen Laudatio vom Kollegen Christian Friedel den Kopf, ehe er ganz cool dankt, und zwar "dem weißblauen Horizont, und ich hoffe, meinen eigenen noch weiter erarbeiten zu können". Wenn Til Schweiger die Bühne betritt, ist es meistens auch relativ cool. Für einen Seitenhieb auf die Göhte-Crew ("Sorry") samt Beißer-Grinsen, das Aufzählen seiner Filmförderungen und dem Dank ans Publikum für die Auszeichnung von "Honig im Kopf" mit dem Publikumspreis braucht er exakt 70 Sekunden. Er hält sich nicht lange mit solchen Ehrungen auf, und als Trophäe trägt er anschließend zur Filmpreis-Zigarette lieber einen Papierfächer durch den Gartensaal. Recht hat er, denn es folgt noch die ein oder andere längliche Laudatio, ehe Ilse Aigner in Vertretung des verhinderten Horst Seehofer Produzentin Molly von Fürstenberg mit dem Ehrenpreis auszeichnet. Und wer nach der fast fehlerfrei vorgelesenen tollkühlen Laudatio ein wenig Aufwärmlachen für die Heimreise tanken will, muss nur mal ganz kurz bei M'Barek vorbeilaufen.