Lesung in München Sarrazin proletarisiert sein Publikum

Es war keine Podiumsdiskussion, es war ein Heimspiel für Thilo Sarrazin: In München bekräftigt er unter Jubel seine Thesen. Seine Mitdiskutanten, "Handelsblatt"-Chef Gabor Steingart und der Soziologieprofessor Armin Nassehi, werden ausgebuht.

Von Kathrin Haimerl

Alles hier hat den Anschein, als werde ein Popstar auftreten: Die Reithalle gleicht an diesem Abend einer Festung. Wer rein will, muss insgesamt drei Kontrollen über sich ergehen lassen: Zuerst die Polizei, dann die Frau vor dem Eingang, die die Taschen kontrolliert. Und vor der Garderobe bitte alle Männer nach rechts, die Frauen nach links. Jeder Besucher wird abgetastet. "Wie ein Polizeistaat", murmelt einer.

Die Dame an der Garderobe achtet peinlich genau darauf, dass selbst Schirme abgegeben werden, denn: "Wissen's, man weiß ja ned, was es für Leute gibt", sagt sie zu einer Frau, die auf die Aufforderung überrascht reagiert. Womöglich gehen die noch mit Regenschirmen auf den Star des Abends los. Die Frau winkt ab: "Um Gottes Willen", sagt sie. "Ich bin ja froh, dass es den Herrn Sarrazin gibt."

Welch Wirbel. Welch Aufmerksamkeit. Welch immense Sicherheitsvorkehrungen. Dabei geht es um kein literarisches Meisterwerk. Keine neuen Erkenntnisse. Es geht um den Autor: Das Literaturhaus hat Thilo Sarrazin geladen. Zunächst sollte er in einer Lesung sein Buch vorstellen. Doch dann widmete das Literaturhaus die Veranstaltung um in eine Podiumsdiskussion.

Vorne auf der Bühne sitzt nun - neben Sarrazin - der Münchner Soziologieprofessor Armin Nassehi, Handelsblatt-Chef Gabor Steingart und Moderator Achim Bogdahn. Sarrazin hat starke Mitdiskutanten, wenn, ja, wenn da das Publikum nicht wäre.

Das Bundesbank-Vorstandsmitglied, das an diesem Donnerstag seinen letzten Arbeitstag hat, darf als Erstes ans Rednerpult treten. Sarrazin inszeniert sich als politischer Märtyrer. "Nach den sechs Wochen öffentlichen Fegefeuers bin ich umso froher, dass ich das Buch geschrieben habe", sagt er. Keinerlei egoistische Motivation stecke dahinter: "Ich bin 65 Jahre alt, lebe noch, war viele Jahrzehnte Beamter, ich habe eine gute Altersversorgung und mein Haus in Berlin ist schuldenfrei. Angst habe ich keine mehr", sagt Sarrazin. Der einzige Beweggrund sei die Sorge um Deutschland, sagt er, blickt von seinem Manuskript auf und fixiert einen unbestimmten Punkt im hinteren Ende des Saals über den Köpfen des Publikums.

Die Erregung der "emotionalen Kreise"

Die heftigen Reaktionen der Gegenseite könne er sich nur folgendermaßen erklären: Mit dem Buch treffe er wohl den Kern deren Weltbilds. "Ich habe damit emotionale Kreise gestört, darauf reagieren diese Menschen eben mit Aggression", sagt er und dafür gibt es nochmals tosenden Applaus.

Emotionale Kreise in diesem Saal aber stört, wer Kritik an Sarrazins Worten übt. Zum Beispiel Gabor Steingart, der furios ans Rednerpult tritt, Sarrazin das durchgearbeitete Manuskript vor die Füße knallt und sagt: "Sie haben sich da verrannt" - sowohl im Ton, als auch inhaltlich. Aber vor allem im Ton: "So spricht man nicht mit Menschen." Das Werk sei geprägt von einem "pessimistischen und deterministischen Menschenbild". "Nach der Lektüre habe ich mich den 'Kopftuchmädchen' näher gefühlt als je zuvor", sagt Steingart. "Sie haben der Debatte über Integration keinen Dienst erwiesen." Dafür gibt es Buhrufe aus dem Publikum.