Von S. Popp und S. Breimaier

Kreischende Tussis und enthusiastische Ossis: Schauspieler Christoph Maria Herbst liest aus Tommy Jauds "Millionär".

Herkulessaal, 20 Uhr. Ein Holztisch, ein Stuhl, ein Wasserglas. Dann betritt er die Bühne: Christoph Maria Herbst ist zu Gast in München. Der Stromberg-Darsteller liest - oder besser gesagt performt - aus dem Erfolgsroman "Millionär" von Tommy Jaud. Eine Popcorn-Lesung in gediegenem Ambiente.

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Herbst präsentiert dem Publikum das Manuskript der Lesung - und haucht ihm dann mächtig Leben ein. (© Foto: Popp)

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Simon Peters, der tragisch-komische Held aus Jauds Romandebut "Vollidiot", ist inzwischen seinen Job los und lebt von Hartz IV in Köln. Sein Tag ist trotzdem alles andere als eintönig: vormittags Schreibtischarbeit im Internetcafé "Shahins Web World", nachmittags ernüchternde Feldforschung über die Kundenfreundlichkeit in deutschen Dienstleistungsunternehmen. Er schreibt Beschwerde-E-Mails en masse, kommt so an Gratis-Produkte und macht Unternehmen auf Missstände wie zu enge Chips-Packungen aufmerksam. Natürlich steckt dahinter auch der Wunsch, die Welt ein kleines bisschen besser zu machen.

Stromberg zieht

Auch ohne das Buch vorher gelesen zu haben, kann man der Geschichte problemlos folgen. Jeder auftretenden Figur leiht Herbst eine andere Stimme, einen anderen Dialekt, ein anderes Auftreten. Ob "Zwirbel-Jupp", der kölsche Vermieter, die laut kreischende Tussi oder der enthusiastische Ossi - viele klassische Klischees werden bedient. Ein geflötetes "Supi supi" folgt auf kölsches "Jehämmer un Jedöns". Man merkt dem Schauspieler an, dass er mit Spaß bei der Sache ist. Kapitel für Kapitel steigert sich der Auftritt - Herbst gestikuliert, verzieht das Gesicht.

Das Publikum, vornehmlich männliche Endzwanziger, hat Christoph Maria Herbst sofort auf seiner Seite. Manche dürfte eher der Schauspieler und nicht das literarische Interesse in den Herkulessaal gelockt haben. Und sie werden nicht enttäuscht. Immer wieder blitzt das hämische Stromberg-Grinsen auf, seine Paraderolle legt Herbst nie ganz ab. Die ein oder andere Aussage von Simon Peters könnte auch in einem Stromberg-Drehbuch stehen.

Gesellschaftskritik und Stammtischparolen

In der "schlimmsten Woche seines Lebens" beschließt Simon Peters, sein Dasein grundlegend zu ändern. Er fasst den Plan, Millionär zu werden. Ein Motivationsseminar inspiriert ihn zur rettenden Idee: "Mach dein Hobby zum Beruf, tu das, was die Anderen nicht tun". Gesagt, getan. Simon Peters löst fortan professionell die Serviceprobleme seiner Mitmenschen.

Während der Lesung nimmt Herbst immer wieder Bezug auf aktuelle politische Ereignisse, wie die Finanzkrise, die im Buch noch nicht auftaucht. Schließlich hat Simon Peters jede Menge an Staat und Gesellschaft auszusetzen. Die Kritik geht jedoch nur selten über die üblichen Stammtischparolen hinaus. Das Buch arbeitet mit Themen, die in Deutschland immer wieder diskutiert werden: Ost-West-Unterschiede, Groß gegen Klein, Konflikte zwischen Arm und Reich. Und natürlich dem Geschlechterkampf. Solche Witze ziehen immer - auch beim Münchner Publikum.

Es ist der Verdienst von Christoph Maria Herbst, dass der Abend höchst unterhaltsam und mitreißend ist. Vor allem seine Gestik, Mimik und die Variation der Stimmen beeindrucken und machen den Auftritt lebendig. Nach rund zwei Stunden endet die Lesung mit einer Lebensweisheit: "Wenn man viel Geld braucht, muss man Millionär werden!"

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(sueddeutsche.de/brei/sus/pfau)