Lernen aus der Geschichte Die Zukunft des Erinnerns

Max Mannheimer bei einem seiner vielen Besuche in Schulen, hier in Wolfratshausen im Jahr 2013.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Der Tod von Max Mannheimer macht spürbar, dass die Gedenkkultur vor einer Zäsur steht. Wenn Zeitzeugen ihre Geschichte nicht mehr erzählen können, geht eine moralische Instanz verloren

Von Helmut Zeller

I am holocaustet out." Jack Terry, 86, zieht sich aus der Rolle des Zeitzeugen zurück. Er stammt aus Ostpolen und ist der jüngste Überlebende des Konzentrationslagers Flossenbürg. Seit 1995 besucht er jährlich die Gedenkstätte, ist Sprecher der ehemaligen Häftlinge und Mitglied des Stiftungsrats der bayerischen Gedenkstättenstiftung. Es ist nicht so, dass Jack Terry die Zeugenschaft infrage stellen würde; aber als Psychoanalytiker, er lebt in New York, hat er einen anderen Zugang zu seinen traumatischen Erlebnissen im Holocaust. Wie oft solle er noch die Geschichte vom Sterben seiner gesamten Familie erzählen, fragt sich Jack Terry.

Andere, wie die slowakische Jüdin Sylvia Vesela, die als 17-Jährige im Block 10 des Stammlagers von Auschwitz bei Sterilisierungsversuchen assistieren musste, haben ihr Leben lang geschwiegen. Die meisten mittel- und osteuropäischen Holocaust-Überlebenden waren in kommunistischer Zeit fast unsichtbar. Wieder andere dagegen erzählen seit Jahrzehnten schon ihre Geschichte. Der Theresienstadt-Überlebende Ernst Grube aus München ist 83, der Israeli Abba Naor, der das Ghetto Kaunas in Litauen und Außenlager des KZ Dachau überlebte, 88 Jahre alt.

Den Zeitzeugen gibt es nicht, alle gehen individuell verschieden mit ihrem Schicksal um. Den Auschwitz-Überlebenden Max Mannheimer aus München quälte der Gedanke an das Ende seiner Zeugenschaft. Jetzt ist er verstummt. Am 23. September starb Max Mannheimer im Alter von 96 Jahren in München. Die Jahre, in denen die Überlebenden noch selbst ihre Geschichte erzählen können, sind bald vorüber. Die Bestürzung, die der Tod Max Mannheimers ausgelöst hat, macht spürbar, dass die Erinnerungskultur vor einer Zäsur steht.

Volkhard Knigge, Leiter der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, sieht einen großen Verlust: "Es geht mit den Überlebenden der Lager eine moralische Instanz verloren." Max Mannheimer war das und auch ein begnadeter Erzähler der Geschichte des hasserfüllten 20. Jahrhunderts, in dem die Nationalsozialisten sechs Millionen Juden vernichteten und eine Jahrtausende alte Kultur, die Europa tief geprägt hatte, fast auslöschten. Der Holocaust ist fest im nationalen Gedächtnis verankert. Aber nur die Überlebenden berichten so eindrücklich von dem Zivilisationsbruch. Sie berühren ihre Zuhörer auf einzigartige Weise, wecken Empathie und stoßen dadurch geschichtliches Lernen an.

Abba Naor, der als 17-Jähriger auf dem Todesmarsch befreit wurde, hat Hunderte von Briefen gesammelt, in denen sich Schüler mit rührenden Worten bedanken - und weitere Fragen stellen. Oder Ernst Grube, der sich bis heute für die demokratische Erziehung der Jugend einsetzt. Wie nötig das ist, zeigen die brennenden Flüchtlingsheime in Deutschland, die Übergriffe auf Asylsuchende und die antisemitischen Anschläge auf jüdische Einrichtungen.

Die KZ-Gedenkstätten stellen sich die Frage, wie künftig das Interesse an einer Auseinandersetzung mit der Nazi-Vergangenheit ohne Zeitzeugen hochgehalten und geweckt werden kann. Christiane Bertram von der Universität Tübingen hat die "Chancen und Risiken von Zeitzeugenbefragungen" für das geschichtliche Lernen erforscht. Ihre aktuelle Studie kommt zu dem Ergebnis, dass für die Vermittlung eines differenzierten Geschichtsbildes die Zeitzeugen eine zentrale Rolle spielen. Aber die Studie bietet auch Ermutigendes: Auch Zeitzeugen-Videos haben einen nachhaltigen Effekt. Geschichtsbewusstsein sei auch ohne Zeitzeugen möglich, konstatiert Volkhard Knigge. Historiker verweisen auf die vielen historischen Quellen, auf die schriftlichen Zeugnisse der Überlebenden, auf Interviews, Objekte aus den Lagern, Dokumente, Bilder und Kunstwerke. Dennoch: Mit dem Ableben der Zeitzeugen werden KZ-Gedenkstätten zu zeithistorischen Museen. Dem Problem der Musealisierung einer in weite Ferne rückenden Geschichte setzt Volkhard Knigge Gedenkstätten als "Laboratorien" entgegen, in denen für die Demokratie gelernt wird, "in denen man mit Herz und Verstand an der Überlieferung, die dort gesammelt ist, wirklich arbeiten und sich mit der Vergangenheit auf eine bessere Zukunft hin auseinandersetzen kann".

Der Umbruch fällt ohnehin in eine Zeit neuer Herausforderungen: Wie muss historisches Lernen in einer Migrationsgesellschaft aussehen? Man habe doch keine Ahnung, sagt der Historiker Jörg Skriebeleit, Leiter der Gedenkstätte Flossenbürg, welches Geschichtsbild etwa türkische Jugendliche oder Flüchtlinge haben. In einem Pilotprojekt gehen Flossenbürg und Buchenwald dieser Frage nach. Jede Generation stellt neue Fragen an die Geschichte. An neuen Ansätzen in der Bildungsarbeit, der Dokumentation und bei Ausstellungen fehlt es nicht. Flossenbürg zeigt in der Dauerausstellung "was bleibt" auch den Umgang mit der Vergangenheit nach 1945. Geschichtliches Lernen muss von der Gegenwart ausgehen und auf sie bezogen sein. Auch die Gedenkstätte Dachau mit fast einer Million Besuchern jährlich nimmt die Gegenwart stärker in den Blick. Das Vermächtnis der ehemaligen KZ-Häftlinge bleibt. Jörg Skriebeleit holt auch die Enkelgeneration der Zeitzeugen in die Gedenkstätte. Sie können die Lücke nicht füllen, aber über die Geschichte ihres Opas oder ihrer Oma sprechen.

Doch es geht nicht allein um didaktische Fragen. Die Politik prägt die Erinnerung. In der Westukraine wird Stepan Bandera als Nationalheld verehrt, dessen Verbände im Zweiten Weltkrieg Juden und Polen ermordeten. In Polen geht die nationalkonservative PiS-Regierung gegen alle vor, die das Ansehen der Nation durch eine kritische Auseinandersetzung mit der Kollaboration bei der Judenverfolgung angeblich schädigen. In der Prager Erklärung von 2008 sieht der Historiker Efraim Zuroff, Leiter des Simon Wiesenthal Centers in Jerusalem, eine Gleichsetzung kommunistischer und nationalsozialistischer Verbrechen, die zu einer Relativierung des Holocaust führe. Joachim Gauck, damals noch nicht Bundespräsident, war unter den Erstunterzeichnern.

Zeitzeugen stellen sich gegen die Versuche, die Geschichte umzuschreiben - mit der Kraft der Erinnerung, die nur ihnen eigen ist. Die Vorsitzenden von zehn internationalen Komitees haben das "Vermächtnis der Überlebenden" am 25. Januar 2009 in Berlin dem Bundestagspräsidenten Norbert Lammert überreicht. Sie appellieren an die Politik und die Jugend, für eine Welt ohne Antisemitismus, Rassismus und Rechtsextremismus zu kämpfen. Die Sorge um das Geschichtsbild nachfolgender Generationen treibt sie um. Nicht ohne Grund: Die deutsche Beteiligung am Genozid an den Armeniern war einer breiten Öffentlichkeit lange Jahre nicht geläufig. Auch die Erinnerung an den Völkermord an den Herero in der deutschen Kolonie Südwestafrika im Jahr 1904 ist fast versiegt. Was ist mit der Erinnerung an Zwangsarbeiter, die Opfer der Nazieuthanasie-Morde, die kriegsgefangenen Rotarmisten, die ermordet wurden? Die Historiker forschen, die Gedenkstätten erinnern an sie - aber welchen Weg geht die Politik nach dem Verlust der Zeitzeugen? Ohne sie wäre die Erinnerungskultur, die von der Zivilgesellschaft seit den Achtzigerjahren gegen das Leugnen und Beschweigen in der Politik und in der Bevölkerung erst erkämpft werden musste, nicht denkbar.

Die Hochachtung, die Zeitzeugen genießen, währt so lange noch nicht. Die meisten Überlebenden schwiegen nach 1945, weil sie fürchteten, niemand werde ihnen glauben. Tatsächlich wollten die Menschen lange Jahre nach Kriegsende nichts darüber hören. Erst der Eichmann-Prozess in Israel 1961, bei dem Überlebende der Vernichtungslager auftraten, dann die Auschwitz-Prozesse in Deutschland bereiteten eine Wende. Doch bis in die Achtzigerjahre hinein blieben die Überlebenden oft unbeachtet. Das Ende der Ära der Zeitzeugen fällt in eine widersprüchliche Situation. Die KZ-Gedenkstätten erfahren wachsenden Zulauf. Andererseits wollen laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung 58 Prozent der Deutschen einen Schlussstrich unter die Vergangenheit ziehen.

Wer als Schüler jemals Max Mannheimer begegnen durfte, der ist nicht dem Irrglauben verfallen, dass ihn die Geschichte des Holocaust nichts angehe.