Ledigenheim in München Die letzte Bleibe
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"Ich lasse mich von hier im Sarg raustragen": Im Ledigenheim im Münchner Westend finden alleinstehende mittellose Männer eine letzte Bleibe. Ein Besuch.
An Dieter P. kommt niemand vorbei. Wenn ein Bewohner den Eingangsbereich betritt, erhebt sich der 69-Jährige mit einem gespielt mürrischen Gesichtsausdruck aus dem Bürostuhl und geht gemächlich die zwei Schritte zur Theke vor. Er reicht dem Gegenüber einen Schlüssel oder einen Brief herüber und macht eine flotte Bemerkung dazu: "Du könntest auch mal wieder zum Friseur gehen."
Fast 400 Männer wohnen in dem Ledigenheim, die Schlüssel geben sie an der Rezeption ab. "Hier ist es so wie im Hilton Hotel", sagt Leiter Drieschner.
(Foto: Foto: Sonnabend)Dieter P. ist Pförtner in Europas einzigem noch betriebenen Ledigenwohnheim, das in der Bergmannstraße im Münchner Westend liegt. Fast 400 Männer sind hier untergebracht - Arbeiter, Angestellte, Auszubildende und Arbeitslose aus mehr als 26 Nationen. Das gemeinnützige Haus ist ein Auffangbecken für all diejenigen Männer, die sich eine reguläre Miete nicht mehr leisten können. Ein Zimmer ist ab 175 Euro zu haben. Hier leben Gastarbeiter, deren Familie in der Heimat geblieben ist, Auszubildende, die neu in München sind, und immer mehr Rentner, denen nicht genug Geld für ein Leben wie bisher bleibt.
Dieter P. zog 1976 in der Bergmannstraße 35 ein. Er ist ein kräftiger Mann mit länglichen grauen Haaren, dem man seine 69 Jahre nicht ansieht. Wenn er zu erzählen beginnt, hört man sofort, dass er in Berlin aufgewachsen ist. Als junger Mann kam er nach München, um in einem Kühlhaus zu arbeiten. "Ich trank jedoch jeden Tag fast 20 Biere während der Arbeit", sagt er. "Das hat meinem Chef natürlich weniger gefallen." Dieter P. verlor seine Stelle und auch sein Vermieter kündigte ihm. "Mir blieb nichts außer Schulden", sagt er.
Flachbildschirm und Entlausungsmaschine
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Ein Bekannter brachte ihn ins Ledigenheim und Dieter P. hielt sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Bis er Tuberkulose bekam. Monate verbrachte er in einer Klinik in Gauting. Die Zeit im Krankenhaus veränderte sein Leben jedoch zum Guten, wie er rückblickend sagt. Er hörte auf zu trinken. Als er ins Ledigenheim zurückkehrte, fragte ihn der damalige Leiter, ob er nicht als Pförtner arbeiten wolle, jetzt, wo er trocken sei. Dieter P. wollte.
Das Ledigenheim ist ein beachtlicher, sechsstöckiger Rohziegelbau. An den Wänden befinden sich alte Reliefs, vor dem Eingang stehen Blumenkästen. Die Gänge und Räume sind hell, die Wände weiß gestrichen. Die Zimmer sind bescheiden, aber praktisch ausgestattet. In manchen steht nicht mehr als ein Bett, ein Tisch mit Stuhl und ein kleines Regal, andere Bewohner haben eine eigenen Fernseher und bunte Bilder aufgehängt. Im Aufenthaltsraum hängt ein riesiger Flachbildschirm und eine Wanduhr mit dicken Zeigern, die noch aus den Gründungsjahren stammt.
Im Innenhof erinnert eine schwarze Entlausungsmaschine an alte Zeiten: Hier mussten Neuankömmlinge ihre Kleidung waschen, damit sie keine Läuse und anderes Ungeziefer einschleppten.
Um noch ein wenig mehr über alte Zeiten zu erfahren, muss man in das Büro hinter dem Pförtnerhäuschen gehen. Dort sitzt Rolf Drieschner an einem Schreibtisch. Ein drahtiger Mann, dessen Arme immer in Bewegung sind. Der 64-Jährige leitet seit zehn Jahren das Ledigenheim, er kennt die Geschichte des Heims wie kein anderer.
Anfang des 20. Jahrhunderts zogen sogenannte Schlafgänger in München von Haus zu Haus und baten für ein paar Tage um Unterschlupf. Den Behörden wurde dies jedoch bald zum Dorn im Auge. Denn Geschlechtskrankheiten verbreiteten sich, es kamen immer mehr uneheliche Kinder zur Welt, die Stadt fürchtete eine Verrohung der Sitten.