Leben in München Das Dorf inmitten der Großstadt

Miteinander 53 Wohnungen planen, bauen und dann mit den Nachbarn friedlich zusammenleben - kann das gut gehen? "Wagnis"-Bewohnerin Uli Bez hat darüber nun eine Dokumentation gedreht

Von Martina Scherf

Uli Bez steht auf dem Dach ihres Hauses. Sie trägt einen Strohhut auf dem Kopf und lächelt zufrieden. Es duftet nach Thymian und Salbei, Erdbeeren und Jasmin. "Wenn die Sonne im Westen untergeht, ist das der schönste Platz hier oben", sagt sie. Ein Haus in Schwabing, ein Dorf in der Großstadt, ein Bekenntnis zum Gemeineigentum, so etwas hatte ihr immer vorgeschwebt. Jetzt hat sie es erreicht. Zusammen mit 100 anderen. Wagnis 4, das vierte Projekt der Münchner Wohnbaugenossenschaft, war ein Experiment für jeden einzelnen von ihnen. Es ist geglückt. Wie sie das schafften, zusammen ein Haus zu bauen, alle Hochs und Tiefs gemeinsam durchzustehen, von der Planung bis zum Einzug, das hat die Münchner Filmemacherin dokumentiert.

Es war ein echtes Wagnis, als sich die 100 wildfremden Menschen vor sechs Jahren zusammenfanden, mit dem Ziel, gemeinsam einen Lebensraum zu schaffen, in dem sie alt werden wollen. Vorbilder gab es in der Nachbarschaft: Die Wagnis-Genossenschaft, im Jahr 2000 gegründet, hatte schon zwei Wohnanlagen im Ackermannbogen unweit des Olympiageländes realisiert. Dort wohnten sichtlich zufriedene Genossen. Trotzdem: Ein solch großes Objekt - insgesamt drei Häuser mit 53 Wohnungen, Café, Laden, Spielplatz, Pflegestützpunkt, Gemeinschaftsgarten - planen, bauen und dann mit den Nachbarn dauerhaft friedlich zusammenleben - konnte das gut gehen?

Uli Bez hatte selbst lange von so einem Projekt geträumt. Sie hatte WG-Erfahrungen, die teils gescheitert waren, hinter sich und sie war mit Ende 50 in einem Alter, wo sie die Sicherheit einer Gemeinschaft suchte, aber auch die Privatsphäre ihrer eigenen vier Wände. Sie wurde Mitglied der Genossenschaft, und als Wagnis 4 konkret wurde, war sie vom ersten Moment an mit der Kamera dabei. Sie wollte das Projekt für sich und ihre Mitbewohner dokumentieren, aber auch beweisen, dass man sich sein eigenes Stückchen Utopie schaffen kann, wenn man nur will - und kompromissbereit ist. Entstanden ist ein Film, der die Genossen einfühlsam begleitet auf ihrem Weg zum eigenen Heim.

Uli Bez will mit ihrem Film anderen Bauherren Mut machen, ebenfalls ein Wagnis einzugehen.

(Foto: Robert Haas)

Herbst 2011: Im Workshop mit den Architekten werden Ideen entwickelt, Träume auf das Machbare reduziert, Kosten kalkuliert. Auf dem Tisch ist ein Komplex aus übereinander getürmten Schuhschachteln aufgebaut: Das soll die Raumvorstellung erleichtern. Die Genossen stehen drum herum und diskutieren: "Hier kommen die Maisonette-Wohnungen hin und da die Aufzüge." Noch kann sich das keiner so recht vorstellen, noch darf man auch ein bisschen herumschieben, aber die Zeit läuft, es ist noch ein halbes Jahr bis zum Grundstückskauf. Danach sollen die Bagger anrücken.

Die Architekten Stefan Lautner und Kai Krömer vom Büro A2Freising sagen: "Wenn man für einen Bauträger baut, muss man umsetzen, was der haben will, auf Biegen und Brechen, aber man hat keinen Kontakt zu den Menschen, die später mal in den Häusern wohnen werden." Die Baugenossen hingegen diskutieren wie wild, aber sie können auch zuhören, manchmal muss man "wie ein Dompteur" dirigieren, "aber sie haben auch gute Ideen und sind einsichtig".

"Konventionell", meint Elisabeth Hollerbach im Film, seien ihre jüngsten Genossen von Wagnis 4. Sie hat die Wohnbaugenossenschaft vor sechzehn Jahren gegründet und alle Projekte bisher koordiniert. Die Frau mit den kurzen grauen Haaren und den präzisen Sätzen ist die Seele und der Motor von Wagnis. Das Modell ist einfach: Jeder hat eine Einlage in die Genossenschaft bezahlt und ist sowohl Mieter als auch Miteigentümer im eigenen Haus. Alles gehört allen, auf Lebenszeit. Wer dennoch ausziehen will, bekommt seine Einlage zurück. Mieten und Nebenkosten sind dank ökologischer Bauweise und der vielen Eigenleistung vergleichsweise günstig.

Ein paar Monate später. Als die Grube ausgehoben wird, steht Genosse Willi Wagner breitbeinig daneben, Vollbart, Hawaiihemd, ein Amulett über der Brust. Er ist ganz in der Nähe aufgewachsen. Jetzt kommen Erinnerungen hoch. "Wir haben hier Kriegsmunition gesammelt, jede Menge Patronenhülsen, das war ein riesiger Abenteuerspielplatz für uns Kinder", sagt der Münchner. Wagner ist das lebendige Gedächtnis an die Geschichte des Ortes. Dass er jetzt selbst hier baut, "nicht als Individualist, Millionär oder Porschefahrer", erfüllt ihn mit sichtlicher Genugtuung, "es bedeutet auch, dass wir uns ein Stückchen Macht zurückerobern und dem Klassenkampf von oben etwas entgegensetzten", sagt er zufrieden. Seine Frau Barbara-Christine bringt es auf den Punkt: "Es geht hier etwas vorwärts, und ich darf mitmachen, das gibt Power."

Martin Prötzel begleitete die Bauarbeiten auf der Gitarre und hat die Filmmusik komponiert.

(Foto: privat)

Oktober 2012, Grundsteinlegung: Jeder künftige Bewohner legt ein persönliches Andenken in die Alu-Kiste, eine Kette, einen Brief, ein Kuscheltier, dann wird die Kiste im Fundament versenkt - und gefeiert. Noch bevor die erste Wand steht, sind die Genossen schon zu einer Gemeinschaft zusammengewachsen. Nicht jeder kriegt seine Traumwohnung, es müssen Abstriche an Fassaden, Balkonen, Bädern gemacht werden. Nach der Wohnungsvergabe ist es "ein Hoffen und Bangen, dass es mit den Leuten klappt", bekennt ein künftiger Bewohner vor der Kamera. Und auf die Frage von Uli Bez nach "Risiken und Nebenwirkungen" antwortet eine junge Mutter: "Da können wir niemand fragen, die erfahren wir selber".

Oktober 2014: Der Rohbau steht, jetzt werden Apfelbäume gepflanzt. Alle packen mit an, die Kinder schmieren die Stämme mit Lehm ein und haben einen Riesenspaß. Auf allen Stockwerken sind Genossen jetzt am Sägen, Hämmern, Schrauben, Putzen. Zwei Jahre lang haben sie unzählige Stunden debattiert und geschuftet, aber auch gelacht und auf der Baustelle gefeiert. Gartenbau, Wärmedämmung, Sonnenenergie, Bodenbelag, "wir haben enorm viel gelernt. Das macht man ja nur einmal im Leben", sagt eine ältere Bewohnerin und schneidet Dämmstoff in kleine Quadrate. Andere pflanzen Tomaten auf dem Dach.

Bis zum Sommer 2015 sind sie dann nach und nach eingezogen. Was ist ein guter Nachbar? fragt Bez eine Mitbewohnerin: "Jemand, der kommunikativ ist, aber das richtige Verhältnis von Nähe und Distanz kennt", lautet die Antwort. Sie haben sich Leitlinien für ihr Miteinander gegeben, oberstes Gebot: miteinander, nicht übereinander reden. Psychologen sind unter den Genossen, sie moderieren und helfen beim Streitschlichten. Aber wer hier mitmacht, ist von Natur aus kein Solist, sondern eher ein Orchestermusiker, sagt Martin Prötzel. Der Musiker ist mit seiner Familie eingezogen. Er gibt Unterricht im gemeinschaftlichen Musikraum, und er hat die Musik zu Bez' Film komponiert. Und siehe da: Schon während der Bauzeit fand sich unter den Genossen eine ganze Musikgruppe zusammen, mit Laute, Gitarre, Posaune, Flöte.

Genossenschaft

Die Wagnis Genossenschaft wurde im Jahr 2000 von 21 Genossen gegründet und hat inzwischen mehr als 1000 Mitglieder. Vier Häuser sind im Ackermannbogen entstanden, ein Projekt im Domagkpark ist bald fertig, zwei weitere Projekte sind in Planung. Die Wohnungen sind zum Teil von der Stadt gefördert, zum Teil freifinanziert. In Zeiten, in denen Rentner und Familien sich bald keine Wohnung mehr in München leisten können, wird das Modell Genossenschaft immer beliebter. Der Film "Wer wagt beginnt" von Ulrike Bez hat an diesem Dienstag, 5. Juli, um 16 Uhr in der Seidlvilla, Nikolaiplatz in Schwabing, Premiere. Er wird am 13. Juli um 19 Uhr im Monopol-Kino in der Schleißheimerstraße gezeigt. Informationen über Wagnis unter www.wagnis.org. mse

"Es ist wichtig, dass man sich zurückziehen kann", sagt Uli Bez. Das sagen auch viele andere. Andererseits: Wenn jemand ein Problem hat, sei es, dass eine Bohrmaschine fehlt, dass jemand krank wird oder Schulprobleme auftauchen: Es ist immer jemand da, den man um Hilfe bitten kann. "Es ist wie auf dem Dorf, du machst die Tür auf und da ist jemand, der dich mit Namen anspricht", sagt Barbara-Christine Wagner. Auch der Dorfladen ist mittlerweile in Betrieb. Maria Müller hatte genug von ihrem alten Job, jetzt steht sie hinter dem Tresen, verkauft Süßigkeiten und Panini-Bildchen an die Kinder, Getränke und Geburtstagskarten an die Erwachsenen. "Ich habe immer von guter Nachbarschaft geredet, jetzt mache ich sie mir selber", sagt sie im Film noch während der Bauzeit.

Apfelernte: Schon im ersten gemeinsamen Herbst tragen die Bäume Früchte. Goldgelbe Äpfel werden gepflückt, die Kinder füllen die Kisten. Und wieder wird gefeiert. Uli Bez lässt die Kamera in der Abendsonne durch den Garten und über die Häuser gleiten. Sie hat gefunden, was sie suchte, ein vertrautes Dorf in der anonymen Großstadt. Ihr Film soll anderen Mut machen, es ebenfalls zu versuchen.