Uraufführung Schlüpfrig satirisches Singspiel

Die Garchinger Pfeifer präsentieren die 1728 uraufgeführte "The Beggar's Opera" in der Musikschule mit historischen Instrumenten und Liedertexten in neuer, selbst verfasster Übersetzung

Von Udo Watter

Macheath, der alte Schwerenöter, schreitet im Vollgefühl seiner umwerfenden Wirkung die Reihen der Verehrerinnen ab. Bei der einen holt er sich ein Küsschen ab, dann folgt die anzügliche Bemerkung: "Bist du immer noch so scharf, du Schlampe?" Eine andere lobt er für ihren Teint, der hoffentlich nicht "dem Malkasten" zu verdanken sei, und als Krönung weiterer Schlüpfrigkeiten muss sich eine Angesprochene die Frage gefallen lassen: "Säufst du immer noch so unmäßig, du kleines Luder?" Wolfgang A. Mayer genießt den Auftritt als Dieb und Frauenheld Macheath sichtlich, bei dem er im Beethovensaal der Garchinger Musikschule durchs Publikum scharwenzelt und manch Besucherin mit Unanständigkeiten konfrontieren darf.

Macheath (Wolfgang A. Mayer) trotzt dem drohenden Galgen mit Gesang.

(Foto: Robert Haas)

Ja, allzu fein und kultiviert geht es nicht zu im Milieu der Diebe, Hehler und Huren, die das London des 18. Jahrhunderts bevölkern. Aber genau das, die derbe Sprache des Volkes, die Anspielungen, der satirische Witz, und natürlich die Musik, die teils aus Gassenhauern und Volksliedern arrangiert war, waren die Ingredienzen für den immensen Erfolg der 1728 in London uraufgeführten "The Beggar's Opera".

Auch das Garchinger Publikum erlebte in gewisser Weise eine Uraufführung, denn die Version, die jetzt in der Musikschule zu erleben war, ist eine Eigenproduktion der "Garchinger Pfeifer". Basierend auf dem Original (Libretto: John Gay, Musik: Johann Christoph Pepusch) hat Gerd Pöllitsch, Spiritus Rector der Pfeifer, die Texte zu etlichen Liedern (Airs) neu ins Deutsche übersetzt: mit der Intention, diese vom Klang her schlüssiger mit den überlieferten Melodien zu kombinieren - etwas, das Hans Magnus Enzensberger in seiner Bearbeitung nicht im Sinn hatte, geschweige denn Bert Brecht, als der mit Kurt Weill "Die Dreigroschenoper" schuf.

Petra Hamberger, Nina Schülke und Dorothea Böhme-Mauder begleiten Macheath (Wolfgang A. Mayer).

(Foto: Robert Haas)

Zwölf Protagonisten, die "Garchinger Pfeifer and friends", präsentierten nun eine launige, gekürzte Fassung, vorgetragen mit historischen Instrumenten und fast alle in traditionell-vornehme Aufmachung gewandet. Gerd Pöllitsch allerdings trug eine verschlissene Hose und fiel durch einen suboptimal gepflegten Bart auf - ihm oblag die Aufgabe, als der Bettler aufzutreten, der die Oper geschrieben hat. Auch seine Augen blitzten schalkhaft, als er ankündigte, dieses Werk sei eine Oper, obwohl in ihr nicht alles "unnatürlich" sei - ein Seitenhieb auf die damalige "Opera seria", die in Folge des Erfolgs der Parodie (Beggar's Opera) danach deutlich an Popularität einbüßte. Überhaupt lebt der Plot von verbalen Spitzen, die teils im Zeitkontext zu sehen sind, aber auch zeitlos gültige soziale oder moralische Fragen, behandeln. Diese entfalten sich in der Geschichte des kriminellen Weiberhelden Macheath, seiner Frau Polly, seiner Geliebten Lucy, sowie des Hehlers Peachum (Polly Vaters) und Gefängniswärters Lockit (Lucys Vater).

Beate Himmelstoß, erfahrene BR-Sprecherin, gab einerseits die Lucy und fungierte andererseits als Erzählerin, welche die Handlung vorantrieb. Das gelang ihr, von Artikulation und darstellerischen Elementen her, sehr überzeugend. Zu den Höhepunkten des Abends gehörten ihre auch sängerisch packenden Duette mit Angela Lex (Polly), in denen die Konkurrentinnen sich mit wunderbar weiblicher Bissigkeit angingen. Besonders versiert zeigte sich Lex auch im Umgang mit Traversflöte und Schwegelpfeife, ebenso wie ihr Sitznachbar Pöllitsch. Juri Lex, der sowohl den Peachum wie Lockit gab und in letzterer Rolle Bairisch parlieren durfte, übernahm zusammen mit Katharina Gutdeutsch und Klaus Böning den geigerischen Part. Nach Anfangsschwächen steigerten sich die drei, unterstützt von Lutz Döring (Bass) und Thomas Hellhake (Bratsche), der zudem in der Figur des "Schauspielers" überzeugte. Besonders in den tänzerischen Stücken des zweiten Teils entfalteten sie einen unaufdringlichen Spielwitz. Auch Nina Schülke (Laute), Dorothea Böhme-Mauder (Cembalo) und Petra Hamberger (Bassblockflöte, Zither) agierten nicht immer fehlerfrei im Zusammenspiel, trugen aber ihr virtuoses Scherflein bei zum barocken Klangbild. Den schauspielerisch wie sängerisch wichtigsten Part hatte in der szenischen Aufführung - als Requisiten dekorierten etwa Handschellen, ein Bierkrug, ein Weinbecher, oder ein Galgenstrick die Bühne - Wolfgang A. Mayer als Macheath. Ihm ging nicht alles so leicht von der Hand wie die eingangs beschriebene Anbandel-Runde durchs Publikum. Aber auch er hatte starke Momente und Anteil daran, dass das Publikum den Garchinger Pfeifern einen langen, kräftigen Applaus schenkte.